Die Elternwunde

Wie Verletzungen aus der Kindheit heilen können

 

 

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Gott hat es so geschaffen, dass wir in Familien mit Vater, Mutter und oft auch Geschwistern aufwachsen. In der Familie sollen die körperlichen, emotionalen, intellektuellen und geistlichen Bedürfnisse der Kinder gestillt werden. Die Realität sieht leider oft anders aus.

Viele Eltern sind nicht in der Lage, ihre Kinder so zu versorgen, zu lieben und zu erziehen, dass diese sich gesund entwickeln. Das hat Auswirkungen auf die Seelen der Kinder. Manche Kinder fühlen sich vom Vater verletzt, andere von der Mutter, andere von beiden Elternteilen. Wir haben eine „Elternwunde“, die unser Leben beeinflusst, wenn sie nicht heilen kann.
Mein Vater lebte mit uns in der Familie, doch er hat viel gearbeitet, denn als Kriegsflüchtlinge mussten sich meine Eltern eine neue Existenz aufbauen. Er kam öfter betrunken nach Hause und war dann entweder aggressiv oder in melancholischer Stimmung und klagte uns Kindern sein Leid. Er war autoritär, wurde laut und ließ keine andere Meinung neben seiner gelten.
Das löste bei mir aus, dass ich mich von meinem Vater ungeliebt fühlte. Ich reagierte mit Ablehnung und „verbannte“ ihn aus meinem Leben. Später stellte ich in meiner Ehe fest: Wenn meine Frau vehement ihre Meinung vertrat, machte ich zu – so, wie ich es früher bei den lautstarken Ausbrüchen meines Vater getan hatte. Außerdem merkte ich: Im Kopf wusste ich zwar um Gottes Liebe, aber ich konnte diese Liebe in schwierigen Situationen nicht fühlen. Innerlich zweifelte ich, ob ich mich auf Gott wirklich verlassen konnte. Gott als Vater war für mich emotional nicht erfahrbar.

Wie Wunden heilen

Die „Elternwunde“ hat zwei Seiten. Es ist wichtig, diese voneinander zu unterscheiden. Die eine Seite ist das, was unsere Eltern gelebt haben: wo sie uns aktiv verletzt haben oder passiv etwas versäumt haben, was wir gebraucht hätten. Die andere Seite ist, wie wir mit den Gefühlen, die unsere Eltern in uns ausgelöst haben, umgegangen sind. Wir haben eigene, oft unbewusste Entscheidungen getroffen, wie wir mit Verletzungen umgehen, damit es nicht mehr so weh tut.
Wenn die Wunden heilen sollen, ist es nötig, sich sowohl den Verletzungen als auch den eigenen Entscheidungen zu stellen. Es hilft nichts, wenn wir das Tun der Eltern relativieren: „Die konnten nicht anders. Die hatten es selbst schwer!“ Oder bagatellisieren: „Es war doch alles nicht so schlimm.“ Oder verdrängen: „Ich hatte eine glückliche Kindheit ohne Verletzungen.“ Es bringt uns aber auch nicht weiter, wenn wir nur das Handeln oder die Versäumnisse der Eltern ansehen, ohne unsere Reaktionen zu berücksichtigen.
Ein erster Schritt zur Heilung ist, zu erkennen, was Sie verletzt hat – aus Ihrem ganz persönlichen subjektiven Blickwinkel. Damit verurteilen Sie Ihre Eltern nicht, sondern beschreiben einfach Ihr Erleben. Jesus hat gesagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8,32). Es kann hilfreich sein, diesen Prozess mit einem Seelsorger anzugehen.
Sehr wichtig ist, dass wir auch erkennen, welche Gefühle damit verbunden sind. Unsere Gefühle motivieren unsere Reaktionen und Entscheidungen. Wenn ich verunsichert bin, ziehe ich mich vielleicht zurück; wenn ich wütend bin, reagiere ich vielleicht aggressiv; wenn ich frustriert bin, esse ich vielleicht zu viel … Letztlich reagiere ich so, weil ich mit den Gefühlen nicht angemessen umgehen kann, die die Verletzung in mir ausgelöst hat. Wenn ich heute eine andere Situation mit anderen Menschen erlebe, die dieselben Gefühle in mir auslöst, wiederhole ich die Reaktionsmuster meiner Kindheit. Wieder ist der Frust, die Wut, die Verunsicherung da – und mein Muster läuft ab.

Mit Gefühlen angemessen umgehen

Ihre Gefühle sind eine Folge des Erlebten. Sie dürfen Ihre Gefühle ausdrücken, damit sie anfangen zu heilen. Sie dürfen weinen, weil Sie traurig über einen Schmerz sind. Sie dürfen zornig über falsches Verhalten sein. Das sind Ausdrucksformen Ihrer Ebenbildlichkeit Gottes. Gott kann auch traurig oder zornig sein. In der Bibel lesen wir: „Als Jesus sah, wie sie weinte (…), war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: ‚Wo habt ihr ihn bestattet?‘ Sie antworteten ihm: ‚Herr, komm und sieh!‘ Da weinte Jesus“ (Johannes 11,33–35).
Es stellt sich die Frage, wie wir unsere Gefühle äußern. Manche Menschen drücken ihre Gefühle wieder und wieder aus, aber es ändert sich nichts.
Unsere Reaktionen wurden im Laufe des Lebens zu Gewohnheiten und haben maßgeblich unseren Charakter geformt. Dafür waren nicht andere verantwortlich, sondern wir selbst. Wenn wir dies nicht beachten, bleiben wir entweder in der Anklage oder in der Opferhaltung stecken. Wenn unsere Wunden heilen sollen und wir frei leben möchten, ist es notwendig, dass wir unsere eigenen Reaktionsmuster erkennen und die Verantwortung dafür übernehmen.
Für mich bedeutete das, anzuerkennen, dass ich meinen Vater verurteilt und „aus meinem Leben geworfen“ habe. Da bin ich schuldig geworden. Außerdem hatte ich mir das Muster angewöhnt, in Konflikten „zuzumachen“ – ein Muster, unter dem etliche Jahre später meine Frau zu leiden hatte.

Den Kreislauf durchbrechen

Ich konnte das Verhalten meines Vaters nicht ungeschehen machen und auch nichts daran ändern. Aber ich konnte mein eigenes Verhalten ändern. Dazu waren drei Dinge hilfreich:
-    Ich habe meinem Vater vergeben. Ich habe die Dinge, die mich verletzt haben, im Gebet ausgesprochen. Vieles zusammen mit meiner Frau, manches allein, manches in seelsorgerlichen Gesprächen. Ganz konkret: Alle Situationen, an die ich mich erinnern konnte. Was hat er getan? Was hat mich verletzt? Das war ein längerer Prozess, nicht ein einmaliges Gebet. Über Monate kamen immer wieder Erinnerungen und Gedanken hoch. Es kamen auch neue Situationen hinzu, da mein Vater zu dem Zeitpunkt noch lebte und mich weiterhin verletzte.
-    Ich habe meine eigenen falschen Reaktionen bekannt und dafür um Vergebung gebeten. Auch das tat ich im Gebet. Außerdem schrieb ich meinem Vater einen Brief, in dem ich ihn um Vergebung bat und ihm erstmals in meinem Leben schrieb, dass ich ihn lieb habe.
-    Ich übe neue Reaktionen ein. Das alte Wort „Buße“ fasst dies gut zusammen: Ich habe mein eigenes falsches Verhalten als Sünde erkannt und will mit Gottes Hilfe ein neues Verhalten einüben. Das neue Verhalten fällt mir nicht in den Schoß. Aber es ist möglich, etwas zu verändern und anders zu leben als früher. Es ist ein Prozess, und ich arbeite bis heute daran.

Heilung hat Auswirkungen

Viele Menschen berichten mir, dass Beziehungen wiederhergestellt wurden. Sie gingen den ersten Schritt auf den anderen zu, dieser kam ihnen entgegen und änderte sein eigenes Verhalten. Bei mir war das leider nicht so. Mein Vater verhielt sich weiterhin verletzend. Für uns als Familie war es nötig, genau zu definieren, wo und wie wir uns von ihm abgrenzen und wie wir ihn bewusst in unser Leben einbeziehen, weil er trotzdem Vater, Schwiegervater und Opa war. Es fiel mir nicht leicht, ihm Grenzen zu setzen, ihn zu konfrontieren oder auch, ihn bewusst in mein Leben einzubeziehen. Aber ich hatte eine neue Freiheit, eine neue Auswahl an Reaktionsmöglichkeiten.
Ich habe erkannt, dass die Erwartung, die ich an meinen Vater hatte, mich unfrei machte. Ich dachte, er sei mir etwas schuldig und müsse mir doch endlich einmal sagen, dass er mich liebe und stolz auf mich sei. Ich war nicht frei, mein Leben selbst zu gestalten, sondern verhielt mich so, wie ich meinte, dass er es von mir erwartete. Im Gebet habe ich bewusst diese Erwartung losgelassen. Ich habe Jesus gesagt, dass ich meinen Vater loslasse; dass mein Vater sein eigenes Leben leben und seine eigenen Entscheidungen treffen darf. Und ich habe vor Jesus meine Erwartung als Sünde bekannt, dass mein Vater an mir etwas wiedergutzumachen hätte. Ich habe die Freiheit in Anspruch genommen, mein Leben vor Gott und Menschen selbst zu gestalten.
Ich habe auch die Erwartung losgelassen, dass andere Menschen meine Bedürfnisse erfüllen müssten. Dennoch ist Gemeinschaft wichtig und heilsam. Durch Menschen wurden wir verletzt, und in der Begegnung mit Menschen werden wir auch heil.
Seitdem bin ich auf dem Weg, einen neuen Lebensstil einzuüben. Mit Höhen und Tiefen. Ich kann über die Verletzungen durch meinen Vater reden, aber der Schmerz ist geheilt. Früher habe ich meinen Vater nur negativ gesehen. Heute bin ich ihm für eine Fülle an guten Einflüssen dankbar. Ich kann differenzieren.
Dieser Prozess hat auch meine emotionale Beziehung zu Gott verändert. Die tief sitzende Angst, Gott könne mich im Stich lassen, ist geheilt. Seitdem mein Verhältnis zu meinem Vater von meiner Seite geklärt ist, kann ich Gott von Herzen vertrauen und mich an ihm erfreuen.
Niemand kann die Wunden ungeschehen machen, die Sie in der Kindheit erfahren haben. Aber Sie bestimmen, wie Sie heute und in Zukunft damit leben möchten. Sie können an der Verletzung festhalten oder Sie können Schritte in Richtung Heilung gehen.


Ekkehard Kosiol ist verheiratet und Vater von sechs erwachsenen Kindern. Er ist Theologe, Pastor und Heilpraktiker für Psychotherapie mit eigener Praxis in Siegen. Außerdem ist er Dozent bei der Team-F-Akademie.




Kleine Anleitung zur Heilung der Elternwunde

  1. Schreiben Sie Ihre Gedanken und Gefühle zu den Worten „Vater“ und „Mutter“ jeweils auf ein Blatt Papier.Denken Sie über folgende Fragen nach: Was hat Sie verletzt, frustriert, wütend gemacht? An welche Situationen erinnern Sie sich? Welche Auswirkungen hat das bis heute auf Ihr Leben, Ihren Alltag, Ihre Beziehungen?
  2. Sprechen Sie im Gebet Vergebung aus. Ganz konkret.
  3. Bekennen Sie Ihre eigenen falschen Reaktionen und bitten Sie dafür um Vergebung.
  4. Überlegen Sie sich, wie Sie in Zukunft anders auf Situationen reagieren wollen, die die alten Gefühle in Ihnen auslösen. Schreiben Sie dies auf.
  5. Üben Sie das neue Verhalten ein. Beharrlich. Geben Sie nicht auf.
  6. Wenn nötig, suchen Sie sich Hilfe bei einem Seelsorger oder Berater.

 


Anbieter christlicher Beratung:


Team F.
Tel.: 02351-81686
www.team-f.de/de/seelsorger-und-lebensberater

Ignis
Tel.: 09321-1330-0
www.ignis.de/beratung/in-ihrer-naehe/liste-unserer-beraterinnen.html

BTS
Tel.: 07442-121700
www.bts-ips.de/beraterverzeichnis

Der Beratungsführer
Tel.: 0231-522952
www.derberatungsfuehrer.de

 

 

     

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