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Montag, 13.06.2022

Im Galopp

über die Tasten

Ich sitze am Klavier und versuche verzweifelt, bei dem vierhändigen Stück mit meiner Schwiegermutter Schritt zu halten. Die „Petersburger Schlittenfahrt“ will nicht so recht gelingen. Meine Finger sind störrisch und holpern und stolpern ungelenk über die Tasten, den beiden Händen zu meiner Linken meist hintendrein. Bei der Vorstellung, dass unsere vier Hände Pferde sind, die einen Schlitten ziehen, sehe ich den Schlitten bereits bei unserem wilden Galopp aus der Kurve fliegen!
Allen Takt-Differenzen zum Trotz geben wir nicht auf. Wir lachen über unsere Misstöne, jammern über mangelnde Fingerfertigkeit, brechen ab und wiederholen, nochmals und nochmals. Alles in allem ist es eine heitere Angelegenheit. Ein Ohrenschmaus für unsere zwei Zuhörer ist es allerdings nicht. Doch langsam, langsam gelingt es immer besser, die vier Hände – oder zwei Pferde – einträchtig im Takt traben zu lassen. Das Stück gefällt mir. Es ist so lebhaft und fröhlich. Es hat ein bisschen was von „Fangen spielen“ an sich, das Hopsen und Jagen über die Tasten. Im Geist sehe ich zwei Haflinger durch eine eisig-russische Winterlandschaft galoppieren, die den Schnee nur so stäuben lassen.
Später muss ich an meine ersten Klavierstücke zu vier Händen mit meiner Mutter denken. Clementi-Sonatinen! Wie glücklich, mutig und stolz saß ich damals als kleines Mädchen neben ihr, um Großeltern oder Gästen etwas vorzutragen!
Im Rückblick erscheint mir das vierhändige Spielen an der Seite meiner Mutter wie das Gehen unter einem gemeinsamen Joch. Sie war das starke Leittier, das mich am Laufen hielt. Mit ihrem gleichmäßigen Takt im Bass zog sie mich mit und gab mir die Sicherheit, meine Spur zu finden. Egal, wie oft meine Finger danebengriffen oder meine Augen die Stelle auf dem Notenblatt suchten, an der ich wieder einsteigen konnte: Mutter ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und spielte zuversichtlich und gleichmäßig weiter. So lange, bis mir der Einstieg gelang und ich mit Melodie und Tempo wieder mithalten konnte. An ihrer Seite war ich mutig. Ich spielte ja nicht allein.
Jesus fordert mich auf, mit ihm gemeinsam unter seinem Joch durch das Leben zu gehen: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,29–30).
Wie gut ist es doch, andere Christen an meiner Seite haben, die mit mir unter dem „Joch Jesu Christi“ gehen und mich ermutigen, trösten und für mich beten, wenn ich müde und erschöpft bin, stolpere oder falle!
Und was für ein Vorrecht, dass Jesus selbst mein „Leittier“ ist, das den Weg kennt, mutig und sicher voranschreitet und das Tempo vorgibt. Kein Galopp. Keine Peitsche, die über meinem Kopf schwingt. Seine Liebe ist geduldig, gütig, sanftmütig und freundlich. Er trägt die Hauptlast auf seinen Schultern und spricht mir liebevoll zu, wenn mich das Unbekannte und die ungewisse Zukunft ängstigt. Es ist seine Barmherzigkeit und Gnade, die mich „mit sich zieht“ und vorwärtsbringt. Bis ans Ziel.

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4 Antworten

  1. Das ist "frohe Botschaft"! So humorvoll und doch ernsthaft! Diese originellen Bilder mit Haflingern und sich jagenden Melodien bleiben mir als Bilder, optisch und musikalisch. Vielen Dank dafür!

  2. Ich kann mich meinem Vorredner Markus nur anschließen. Das ist so fröhlich lebhaft erzählt - richtig klasse! Man hat schon Freude beim Lesen und kann sich die Situation bildhaft gut vorstellen.
    Vielen herzlichen Dank für diese Montagsgedanken!

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