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Montag, 08.04.2024

Brot

Als Kind war ich oft dabei, wenn das Mehl in der Mühle geholt wurde. Die Müllerin war eine hagere Frau mit wachen Augen und einem lebhaften Mund, der nie stillstand – so wie die vielen Bänder und Räder in der Mühle, die so laut ratterten, dass das eigene Wort kaum zu verstehen war. Die Luft war von Mehlstaub erfüllt. Es gab allerlei Stiegen und Leitern zu den verschiedenen Etagen des Mahlwerks. Auf halber Höhe wurde der Grieß abgefüllt. Ganz unten kam das feine Mehl in große Papiersäcke, die auf der Waage kontrolliert wurden. Nach dem Verladen ins Auto stellte sich die Müllerin an die Straße. Die Ausfahrt der Mühle war an einer unübersichtlichen Stelle. Mit eindeutigen Handzeichen brachte sie den Verkehr zum Halten, um uns auszuwinken. Ich mochte diese resolute Frau.

Einmal in der Woche holte Mutter dann die große verbeulte Blechschüssel aus dem Keller, um darin alle Zutaten für den Brotteig anzurichten. Bedeckt mit einem Leinentuch, brachte Vater die wertvolle Ladung zum Backhaus unseres Dorfes, wo die Backfrau mit ihrer großen Rührmaschine und dem langen Ofen für die Herstellung der Brote sorgte. Ich liebte den Duft des frischen Brotes, wenn ich am Spätnachmittag mit dem Leiterwägelchen vorfuhr, um unsere gefüllte Schüssel wieder abzuholen. Allerdings hätte ich viel lieber eine andere Schüssel mitgenommen. Eine, die mit hellen Laiben befüllt war. Mutter backte mit einem großen Anteil Vollkornmehl. Leinsamen und andere gesunde Zutaten machten das Brot grau und kernig. Die Kruste war dunkel und hart. So kam es, dass ich Mutters Kostbarkeit auf dem Pausenhof gern gegen helles Bäckerbrot tauschte. Eine Schulfreundin liebte den Inhalt meiner Frühstückstüte, und ich den ihren. Wenn Mama das gewusst hätte! Längst habe ich das herzhafte, gesunde Vollkornbrot wieder schätzen gelernt und bin zurückgekehrt zu Körnern und einer knusprigen Kruste.

Bis ein Brot verzehrt werden kann, werden seine Zutaten gemahlen, geknetet und in der Hitze des Ofens gebacken. Alles Bilder für Bedrängnis – enge, unangenehme Bearbeitungsprozesse.

Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6,35).

Er ist uns den Weg der Selbsthingabe vorausgegangen. Er hat sich selbst zum Niedrigsten gemacht, hat die tiefsten Nöte und Drangsale durchlebt bis hin zum Tod am Kreuz. Er wurde zum Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen. Er wurde für uns zur Lebensquelle, zum Auferstehungsbrot. Ein Brot, das jeglichen Hunger stillt und Nahrung ist für Seele und Geist. Es ist im Überfluss da. Wir dürfen täglich dankbar zugreifen und uns von Jesu Gegenwart, seinem Frieden und seiner Freude erfüllen lassen. Seine Kraft in aller Schwachheit erleben. Geborgenheit in Angst und Ungewissheit.

Auch wir können zu Brot für unsere Nächsten werden. Durch eine tätige Hand. Ein hörendes Ohr. Ein ermutigendes Wort. Durch anhaltende Fürbitte. Manchmal bedeutet das Brot-Sein Verzicht. Ich schenke Zeit, die ich gern anders verbracht hätte. Ich raffe mich auf zu einem Besuch, Telefonat, einem Liebesdienst. Und werde im Tun selbst gesegnet. Denn sich selbst zu verschenken, ist nie Verlust, sondern schafft tiefe Freude und Zufriedenheit.

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Eine Antwort

  1. Liebe Frau Kerner,

    welch herrlichen Gedanken Sie uns mit auf den Weg bringen. Ich liebe es, mein Brot selbst zu zu backen, die besten Zutaten gut zu verkneten, es gehen zu lassen mit viel Geduld und dann abzubacken und schon beim Duft sämtliche Duftexplosionen zu erfahren, die glücklich und erfüllt machen. Nun diese Verknüpfung zu Jesus und Gott. Das ist einfach wundervoll und wird mich mit jedem Brot mit unseren beständigen Wegbegleitern nahe bringen. Danke, danke danke - es sind auch diese Montagsgedanken, die glücklich machen.

    Einen nahrhaften, guten Start in die Woche wünsche ich Ihnen allen

    Carolin Ast

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