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Montag, 24.06.2019

Viele bunte Bälle

Der Knirps ist gerade erst zwei Jahre alt geworden und hat seinen kleinen schwarz-gelben Softball mitgebracht. Er hält ihn sorgsam in der Hand und betrachtet seine Umgebung, in der er zu Gast ist. Mama und Papa unterhalten sich und der große Bruder ist mit anderen Dingen beschäftigt. Unbemerkt von allen anderen, macht der Kleine die Entdeckung des Tages: Wow! Hier gibt es ja noch mehr Bälle! Zielstrebig steuert er darauf zu: Ein Ball ist weiß, ein anderer lila und dann ist da noch ein gelber Igelball. Und wer den Jungen beobachtet, erkennt, wie sein Spiel heißt: Ich will alle Bälle auf einmal festhalten!
Es ist erstaunlich, wie er mit seinen kleinen Händen und kurzen Ärmchen das Kunststück der Koordination fertigbringt, nach und nach alle vier Bälle sicher vor seiner Brust festzuhalten. Ich sehe ihm an, wie fröhlich er über sein Gelingen ist und auf die Bälle vor sich blickt. So, als wolle er sagen: „So viele Bälle! Und ich kann sie alle halten!“ Sein kleines Kindergesicht strahlt!
Dann streckt er kurz entschlossen und schwungvoll seine Arme weit auseinander. Die Bälle purzeln, kullern und hopsen munter in alle Richtungen davon. Der Kleine schaut ihnen nach, lacht herzerfrischend, kindlich-leicht.
Ich lache mit ihm, freue mich über sein vergnügtes Spiel und denke plötzlich: Leichter loslassen – das wär´s! Und dann zusehen, wie es munter seine Wege sucht. Keine krampfhaften Ich-halte-das-fest-Versuche. Loslassen und wegpurzeln lassen. Loslassen und in Gottes Hände zurückpurzeln lassen.
Der kleine Junge ist mein Enkel. Er hat seiner Oma gerade eine ganz schöne Lektion erteilt! Vieles ist eine Zeitlang meine Aufgabe gewesen, die ich auf dem Herzen trug oder vor der Brust hatte. Auch ich brachte das Kunststück der Koordination fertig, unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen: meine junge Familie, den Arbeitsalltag, das Ehrenamt, die Bedürfnisse der Eltern … Ich hatte alle Hände voll zu tun und freute mich an meinem Gelingen. Rückblickend staune ich über die Kraft und Geschicklichkeit, die ich in jungen Jahren für all diese verschiedenen „bunten Bälle“ hatte. Sie waren mir Lebensinhalt, Verantwortung, aber auch Freude! Doch es kam auch immer wieder eine Zeit des Loslassens. Die war meistens nicht leicht!
Die Kinder gingen aus dem Haus: Da hüpften zwei kunterbunte Bälle munter in die weite Welt. An ihre Stelle trat – weniger farbenfroh – die Pflege und Betreuung meiner schwer erkranken Schwiegermutter. Später gingen Projekte zu Ende und Neues tat sich für mich auf. Es galt auch Menschen, Hoffnungen und Wünsche loszulassen. Jede Lebensphase hat ihre eigene Lektion des Loslassens, so scheint es mir. Loslassen und frei werden für Neues, manchmal auch Ungeahntes. Und wenn es schon oft nicht zum Lachen ist, so wünsche ich mir wenigstens ein friedvolles Lächeln dabei.

Christine Schlagner

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4 Antworten

  1. So ein gutes Beispiel fürs Loslassen! Gefällt mir sehr! Ja, es ist befreiend, die Hände auseinander zu halten und loszulassen. All unsere Aufgaben und ToDo - Listen in SEINE Hände zu geben. Und dann seine leeren Hände auszustrecken und empfangsbereit hinhaltrn für SEINE Segnungen.

  2. Ein wunderbarer Impuls.Ich tue mich mit dem Loslassen sehr schwer und das mit den Bällen gefällt mir ausgesprochen gut,werde mir den Text auadrucken.
    Danke dafür.

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