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Montag, 01.02.2021

Schmerzen wegstreicheln

Meine Schwiegermutter, meine Lieblingsverwandte, liegt auf der Intensivstation, intubiert und mit Covid 19 diagnostiziert. Ich ringe mit den Tränen. Versuche, jeden Satz in der Gegenwartsform zu formulieren, obwohl mein Herz allzu oft schon ihr Wesen in der Vergangenheit beschreibt. „Sie war doch gestern noch so agil ...“
Mein Alltag geht weiter. Er muss. Doch mein Herz trauert in der Nacht. Beten? Ich schaffe es kaum. Die Sätze hören sich monoton an, ihnen fehlt die Melodie des Glaubens. „Die Bibel, mein Vater, nehme es mir nicht übel, doch was ich darin lese, wirkt so schrecklich weit weg. Dein Liebesbrief erreicht mein Herz nicht, wenn in meinen Gedanken eine Atemmaschine rauscht und mein Arme meine geschätzte Wahlverwandte nicht umfassen dürfen.“ So fern ist gerade so viel in dieser Corona-Zeit.
Doch dann schreien die Ziegen. Mitten in mein mitternächtliches Trauern. Sie schreien, als ob ein Schlächter zu ihnen in den Stall gedrungen wäre. Ich springe aus dem Bett. Minustemperaturen. Schlüpfe in Jacke und Schuhe, husche aus der Tür ins Dunkel. Ich finde sie auf der Weide, alle drei, aufgebracht, aufgescheucht. Was ist nur passiert?
„Wortgewaltige“ zwei Ziegen, eine auffallend still. Ungeübt wie ich bin, husche ich zu den lauten, bis mir aus dem Augenwinkel etwas auffällt. Die Stille steht nur auf drei Beinen. „Schatz, was ist passiert?“ Ich lasse die schreienden im Stich und suche meine verletzte Ziege auf. Sie weicht aus, signalisiert Angst. „Hey Schatz, komm her. Ich mache dich wieder gesund!“ Dieser Satz kommt so tief aus meinem Herzen. Sie spürt es, kommt langsam auf mich zu. Überwindet ihre Distanz. Ich knie mich hin, beuge mich vor. Sie kommt und schmust mit meinem Kopf. Ziegenvertrauen. Auch die anderen werden ruhig.
Zurück im Haus ziehe ich mich vollständig an und gehe wieder nach draußen, um das Tier zu versorgen. Die Nacht ist vorbei. Es muss wohl ein Marder oder eine Katze gewesen sein, der sie aufgeschreckt hat. Was auch immer es war – es hat ihnen Angst gemacht! Mir ist es eine Ehre, dass sie mich gerufen haben. Ich fühle mich wie mit einem Ritterschlag beschenkt, weil ich ihr Vertrauen in der Not erleben darf. Das Bein heilt nicht durch Schiene oder Verband, sondern in diesem Fall durch ganz viel Streicheln und Schmusen.
Müde schleiche ich zurück ins Haus. „Papa, schau doch mal“, bete ich, „ich humpele auch. Da, mein Glaubensbein. Das tut weh. Könntest du das auch etwas streicheln? Ich halte auch still!“

Ira Bischoff-Borggräfe

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14 Antworten

  1. Leider ist diese wahre Geschichte nicht leicht und nicht einfach zu akzeptieren … Danke für diese wahre erlebnisreiche Geschichte!

  2. Die Schreiberin lässt uns ganz tief in ihr Herz schauen. Ich wünsche ihrer Schwiegermutter von Herzen eine baldige, vollständige Heilung. Wir erleben im Moment sehr große Nöte, auch ich. Aber diese Geschichte hat mich sehr berührt und ermutigt, weiter dem Vater zu vertrauen. Vielen Dank!

  3. Ich kann Frau Bischoff-Borggräfe für diese authentische Erzählung nur von Herzen danken. Sie berührt, macht nachdenklich und ermutigt in dieser für uns alle herausfordernden Zeit.

  4. Welch ehrliche Worte, welch tiefer Blick in eine traurige Seele.
    Ich bin tief ergriffen.
    Einfach nur Danke.
    Und beste Genesungswünsche für die liebe Schwiegermama.

  5. Wie tun diese Zeilen meiner Seele gut.
    Umgeben von vielen Informationen in dieser schwierigen Zeit bekomme ich neue Zuversicht. Gott ist immer bei mir, bei uns.
    Vielen Dank

  6. Wenn du Gott fühlen willst, musst du still sein und innehalten. Ira Bischoff-Borggräfe hat das verstanden. Liebe ist da ... wunderbar!

  7. vielen Dank, Sie haben so natürlich in Worte gefasst, wie es wohl vielen ergeht und uns den zärtlichen Gott in aller Kälte der Winternacht nahe gebracht.

  8. Das ist sooo unfassbar berührend geschrieben! Still halten, um gestreichelt werden zu können von unserem liebenden Vater im Himmel. Um SEINE Liebe spüren können. Danke von ganzem Herzen für diesen tiefen Einblick in Ihr Herz! Viel Kraft!

  9. Manchmal wenn man gar nicht mehr weiter weiß ,hilft uns Gott durch solche Sachen.Tiere oder vieles andere .Wir müssen es nur erkennen und uns an Gott anlehnen. Entrüstet uns.

  10. So eine herzlich nahe Geschichte. So ehrlich und entwaffnend. Gerungen, verletzt und geliebt - alles in einer Sprache die einen fesselt und aus dem Leben in das Leben spricht.
    Vielen Dank.

  11. Eine Geschichte, die traurig beginnt, in der aber im Laufe der Zeilen durch still sein und Vertrauen die Melodie des Glaubens wieder zu hören ist !

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