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Montag, 28.06.2021

Eine seltsame Marotte

Beim Ausräumen der Spülmaschine schaue ich nicht besonders sorgfältig darauf, wie Geschirr und Besteck in den Schränken seinen Platz findet – ob die Löffelchen ordentlich nebeneinander liegen oder in welche Richtung die Henkel der Tassen zeigen. Hauptsache, man findet alles an seinem Platz. Es muss praktisch, aber nicht unbedingt ästhetisch sein. Außer bei ... Nun ja, neuerdings ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich heimlich die Müslischälchen anlächle, sie sorgsam übereinanderstaple und ihnen eine genaue Position gebe. Auch bei einigen Tassen dieser Art bin ich behutsamer. Woher kommt plötzlich diese Marotte?
Es gibt da irgendwo in Hessen einen fröhlich-bemalten Bauwagen. Öffnet sich die Tür, so bekommt man Einblick in die kleine, aber feine Werkstatt meiner Schwägerin – ihr privates Reich, über dem ein zarter Tonstaub liegt: die Drehscheibe für ihre Arbeit, zum Trocknen aufgestapelte Gefäße, fertige Einzel- oder Musterstücke, inspirierende Bilder und Gegenstände, Werkzeuge, Aufzeichnungen – alles, was ein kreativer Töpfer braucht. Hier kommen sie her, unsere Schälchen und Tassen. Hier wurden sie aus Ton geschaffen: gedreht, getrocknet und glasiert.
Jedes Schüsselchen, jeder Kaffeebecher ist ein Unikat. Es gibt – trotz großer Professionalität, mit der meine Schwägerin ihr Hobby betreibt – minimale Unterschiede zwischen ihnen. Die Farbnuance der Glasur kann leicht variieren. Oder ein Henkel ist etwas schlanker als der einer anderen Tasse. Vielleicht ist eine Tasse auch mal etwas „untersetzter“, aber wirklich nur ein wenig. Das darf, das muss so sein!
Hier wird nicht geklont. Es ist keine standardisierte Fertigung von Massenware. Und wie um auf die Einzigartigkeit zu verweisen, bekommt jedes Schälchen und jede Tasse durch die Fingerspitze der Töpferin eine kleine Kuhle an den Bauch, die dann, um sie kenntlich zu machen, andersfarbig ist. Neben der Signatur ist dies ein individuelles Markenzeichen der Töpferin, ein „Von mir gemacht!“.
Und so kommt es, dass ich mich dabei ertappe, wie ich heimlich die Müslischälchen mit der kleinen Kuhle nach vorn in unserem Schrank staple und in Position rücke. Diese Kuhle erinnert mich nämlich an die Geschichte vom Bauchnabel, die ich mal gehört habe:
Da fragt ein Kind seine Mutter, woher die kleine Kuhle in seinem Bauch stammt. Die Mutter antwortet: „Als du geboren wurdest, da fand Gott dich so toll, da hat er mit seinem Finger in deinen Bauch gepiekst und gesagt: ,Dich hab ich lieb!` Und damit du das nie vergisst, ist die kleine Kuhle in deinem Bauch!“
Das Geschirr meiner Schwägerin erzählt mir, dass ich nicht als 08/15-Modell geschaffen wurde, sondern einzigartig bin. Ich bin ein Unikat! Gott findet mich toll und sagt zu mir: „Du bist von mir gemacht und dich hab ich lieb!“ Ist es da verwunderlich, dass ich die Schälchen und Tassen anlächle?

Christine Schlagner

"Danke" an die Autorin

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7 Antworten

  1. Wow, so ermutigend! Danke für den Beitrag!
    Ich darf mich selber sein! Genau so hat Gott mich gewollt und durch mein Echt-sein bin ich eine Bereicherung für meine Mitmenschen.
    Ich muss nicht die Anderen kopieren.

  2. Ja so ist es !
    Eine besondere Beziehung schafft eine besondere Priorität!
    Eine sehr schöne Geschichte.
    Ich musste ein bisschen schmunzeln.
    Vielen, vielen Dank!

  3. Ein sehr origineller Vergleich - nett erzählt! Besonders das Kommentar von Manuela gefällt mir auch sehr gut! Vielen Dank für die fröhliche Note! Das tut so gut!

  4. Diese Geschichte ist voll nett;-). Ich kenne das "Ende" der Geschichte mit dem Bauchnabel noch so:....der liebe Gott drückt auf den Bauch und sagt "und du bist fertig!" Fertig und geliebt, beides ist schön;-). Danke, lieber Gott 😉

  5. Liebe Christine, wie zauberhaft du deine Schwägerin und ihr Hobby schilderst. Ja, wir sind zum Glück alle einmalig, mit all unseren liebenswerten Ecken und Kanten. Danke!

  6. Auch wenn es nicht "sehr originell"klingt, ich finde die "Geschichte mit der Nabelschnur" kommt der Wahrheit näher und ich würde sie bevorzugen.

    H.Kronshagen

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