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Montag, 30.05.2022

Die Hand am

Abgrund

Mein Mann und ich befinden uns müde von der harten Bergbauern-Arbeit auf dem Weg nach Hause. Der Weg ist sehr schmal. Ich konzentriere mich auf jeden einzelnen Schritt und setze vorsichtig einen Fuß vor den andern. Zu meiner Linken ragt ein Felsen steil empor, zu meiner Rechten fällt eine Wiese ebenso steil hinunter in die Tiefe. Von dort unten dringt das Rauschen des Wildbaches an mein Ohr. Da ich unter starker Höhenangst leide, kostet mich jeder Schritt auf diesem unwegsamen Gelände unglaublich viel Überwindung. Ich versuche mich an einzelnen Grasbüscheln festzuhalten und erhoffe mir so zumindest eine kleine Sicherheit. „Konzentriere dich auf den Weg und schau nicht nach unten!“, mahne ich mich selbst. Ein Blick in den Abgrund könnte für mich verheerende Folgen haben.
Doch da lässt meine Konzentration für einen Augenblick nach und mein Blick fällt in die Tiefe. Meine Knie werden weich wie Pudding, Schwindel erfasst mich und ich schnappe panikartig nach Luft. Die Angst zwingt mich zum Innehalten.
„Kannst du bitte meine Hand halten und mir helfen?“, frage ich meinen Mann flehend, der hinter mir geht. Kaum habe ich meine Bitte ausgesprochen, ergreift seine starke Hand die meine und ich gehe nun mutiger und sicherer den Weg durch die Schlucht. Drüben angekommen muss ich tief durchatmen. Ich habe einen gewaltigen Schrecken gekriegt.
Wie dumm von mir, schießt es mir durch den Kopf, ich hätte meinen Mann längst um Hilfe bitten sollen! Weshalb nur habe ich das nicht schon früher getan?
Wie ein Echo höre ich dieselbe Frage tief in meinem Herzen, eine Frage, die Gott mir liebevoll stellt: „Mein Kind, weshalb bittest du mich oft nicht um Hilfe, wenn du in deinem Leben nicht mehr weitersiehst? Ich bin doch immer und überall an deiner Seite und mein starker Arm ist nicht zu kurz, dass ich nicht helfen könnte.“
Ja, weshalb gerate ich immer wieder in dasselbe Fahrwasser und versuche, allein zurechtzukommen? Mit ganzer Kraft will ich es selbst schaffen. Wie oft befinde ich mich auf meinem Lebensweg in schwindelerregender Höhe; über mir der Himmel, unter mir der Abgrund. Solange ich mich nur auf den nächsten Schritt konzentriere, fühle ich mich sicher. Doch nur ein einziger Blick in die Tiefe, auf das, was so drohend unter mir liegt, kann fatale Folgen haben. Die Angst schlägt wie eine große Welle über mir zusammen, und ich fürchte mich vor jedem weiteren Schritt.
Weshalb ergreife ich in solchen Situationen nicht früher die helfende Hand Gottes? Was hindert mich daran, um Hilfe zu bitten? Ist es mein Stolz? Will ich selbst stark sein? Ist es mein Selbst-besser-wissen-Wollen, was gut für mich ist?
Wie gut zu wissen: Gottes starke Hand ist immer und überall für mich da. Ich darf sie ergreifen und mit seiner Hilfe rechnen, egal, auf welcher Wegstrecke ich mich gerade befinde und egal, durch welche Täler oder auf welche Berggipfel mich mein Lebensweg führt.
Er ist da. Immer. Und das ist genug.

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6 Antworten

  1. Liebe Jrene!
    Danke für deine Geschichte. Diese Frage, warum habe ich nicht eher Gott um Hilfe gebeten, kenne ich nur allzu gut. Für mich kann ich sagen, ich denke direkt in der Situation der Angst, Bedrängnis oder was auch immer, schlichtweg nicht daran. Hat die gleiche Situation aber eine Freundin, oder wer auch immer, ist ganz schnell der Gedanke an das Gebet da und ich stelle fest, dass es der Freundin genauso geht, in der Siruation denkt sie auch nicht daran. Ich meine, das ist ein Übungsfeld für uns Königskinder.
    Herzliche Grüße Karin

  2. Ja wie oft habe ich schon mich gefragt warum habe ich nicht früher nach der helfenden Hand gefragt,und doch wurde mir trotzdem Hilfe gegeben.
    Ich bin Dankbar

  3. Liebe Jrene,
    vielen herzlichen Dank für Ihre wertvollen Gedanken. Der Stolz wird es nicht sein, sondern, dass wir selber stark sein wollen.
    Doch wie ich es in den letzten Wochen erlebe, müssen wir nicht stark sein - denn wenn wir vermeintlich schwach sind, wenden wir uns dem Gebet und damit Dem Herrn zu. Es gehört Stärke dazu, die eigene Schwäche zu erkennen und auch, dass man um Hilfe bittet. Das wäre mir jetzt ohne Ihre Gedanken und Ihren Kontext nicht so plausibel aufgefallen.
    Ich danke Ihnen und möge Gott Sie schützen.
    Liebe Grüße, Claudia

  4. Liebe Jrene,
    unter all den guten Gedanken ist Ihr Gedanke von der Hilfe Gottes warum ich manches Mal meine "ich schaffe das schon"
    Ich wünsche mir, dass Sie und ich uns an an das erinnern, dass wir um Hilfe bitten können und Gottes Hand immer wieder neu
    für uns da ist.
    Vielen Dank für die persönlichen Zeilen.
    Elsbeth

  5. Wertvolle und ermutigende Gedanken und Erkenntnisse - vielen Dank, Jrene Bircher!
    Auch mit Claudia stimme ich 100% überein: Es gehört Stärke dazu, die eigene Schwäche zu erkennen und die Hilfe, die uns angeboten wird, in Anspruch zu nehmen...

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