Montagsgedanken

Offene Augen

– blinde Flecke

Als Alltagsbegleiterin betreue ich seit einiger Zeit einen neunzigjährigen Mann, der seit zwei Jahren blind ist. Seitdem nehme ich es nicht mehr als selbstverständlich hin, dass ich sehen kann, wenn auch nur mit Gleitsichtbrille.

Walter hingegen ist bei fast allem auf die Hilfe seiner Frau oder anderer Menschen angewiesen. Einladungen zu Geburtstagen oder anderen Feierlichkeiten sind ihm ein Gräuel.

„Ich habe keine Ahnung, wer da alles sitzt. Manchmal erkenne ich die Menschen nicht einmal an der Stimme. Außerdem merke ich, dass viele im Umgang mit mir unsicher sind und nicht wissen, worüber sie mit mir reden sollen“, erzählt er mir.

Auch die Fahrten zum Arzt sind beschwerlich. Vom ersten Stock bis zum Auto muss er geführt werden. Und so könnte ich noch einiges aufzählen, was Walters Alltag schwer macht.

Während ich über sein Blindsein nachdenke, wird mir plötzlich bewusst, dass es Bereiche gibt, in denen auch ich „blind“ bin. Wie oft bin ich blind für all das Gute in meinem Leben? Für das Schöne, für die Wunder, die ich schon erlebt habe? Blind für die Schönheit der Schöpfung und für alles, wofür ich dankbar sein könnte?

Stattdessen habe ich oft glasklar vor Augen, was gerade nicht rundläuft. Wenn ich dann so mit mir selbst beschäftigt bin und um meine eigenen Gedanken kreise, nehme ich die Nöte und Probleme der Menschen um mich herum oft gar nicht wahr. Ich bin blind für ihre Not und für das, was sie brauchen und was ich ihnen vielleicht geben könnte.

Die Eigenarten meines Mannes und meiner Kinder sehe ich deutlich, während ich vor meinen eigenen Eigenarten gern die Augen verschließe. Leider übersehe ich manchmal auch das Angebot meines Vaters im Himmel, alle Sorgen bei ihm abzuladen. Stattdessen möchte ich vieles lieber selbst regeln.

Auch dass manches Gespräch eine Gelegenheit wäre, anderen etwas von meinem Glauben weiterzugeben, erkenne ich oft nicht. Und wie blind bin ich manchmal für den Willen Gottes, den er mir in seinem Wort zeigen möchte. Blind auch für seine Gegenwart und für das, was er für mich bereithält. Ich könnte noch vieles nennen.

Deshalb möchte ich Gott bitten, die „Augen meines Herzens“ zu heilen und mir erleuchtete Augen zu schenken, damit ich das sehen kann, was wirklich wichtig und gut ist. Danke, lieber Walter, dass du mich darüber ins Nachdenken gebracht hast.

Elisabeth Malessa

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