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Montag, 24.07.2023

Armselig – und trotzdem

gebraucht!

Lange war der Besuch angekündigt worden: ein Abend mit dem Prediger, Pastor, Bestsellerautor und feinfühligen Verfasser von Gedichten, die von der Liebe Gottes handelten. Nach der Lesung stieg der Redner von der Bühne und signierte noch ein paar seiner Bücher. Plötzlich flog die Tür zum Saal auf und ein großer, schwer gehbehinderter junger Mann stürzte herein. Er war schweißgebadet und völlig außer Atem. Einer der Organisatoren lief auf ihn zu. Mühsam brachte der Mann hervor: „Ich wollte doch heute unbedingt den Redner hören! Aber dann habe ich verschlafen … Und jetzt bin ich gelaufen, so schnell ich konnte.“ Voller Mitgefühl nahm der Mitarbeiter den jungen Mann am Arm und führte ihn zu dem Autor. Er fragte den Gast, ob er noch ein paar Minuten Zeit für den Mann habe. Der Redner begrüßte sein Gegenüber kurz, erklärte aber dann, dass dafür keine Zeit mehr sei, da er nun aufbrechen müsse. Er verabschiedete sich und ließ einen am Boden zerstörten Mann und einen enttäuschten Mitarbeiter zurück.

Nachdenklich beobachtete ich die Szene. Und dachte an andere Beispiele, wo Gottes Mitarbeiter nicht leben, was sie predigen:

Der Gemeindeleiter, der als einfühlsamer Seelsorger geachtet wird, aber seine eigenen Kinder so streng erzieht, dass man von Misshandlung sprechen kann.

Die Mitarbeiterin im Teeniekreis, die voller Liebe für die Kids da ist, sie aber gleichzeitig in eine emotionale Abhängigkeit von sich führt.

Und ich selbst, die ich so oft ohne Gott losstürme und dann nichts oder eher etwas Schlechtes bewirke; die ich oft mehr auf menschliche Zustimmung bedacht bin als auf göttliche; die ich ungeduldig, egoistisch, genervt, zweifelnd und kleingläubig bin, aber im Gottesdienst Menschen in die Anbetung führen soll.

Gottes Bodenpersonal – was für ein armseliger Haufen! Ich habe mich schon oft gefragt, warum Gott seine so wichtigen Aufgaben so unvollkommenen Geschöpfen überträgt. Erst kürzlich sagte jemand zu mir: „Das kann Gott nicht segnen, wie das in der Gemeinde läuft!“ Ich antwortete: „Doch, kann er. Es passt nicht in unsere Logik, aber er segnet durch zerbrochene Gefäße, durch geknickte Rohre und glimmende Dochte, durch Kleingläubige, durch Verirrte, durch Selbstsüchtige. Er hat keine anderen Menschen.“

Damit will ich nicht sagen, dass Gott all das Schlechte, das wir tun, egal ist und er einfach über allem seine Segensgießkanne ausschüttet. Aber er hat den größeren und weiteren Blick, er kann in die Herzen und in die Zukunft schauen, und er kann selbst aus dem, was Menschen böse meinen, noch etwas Gutes, und zwar oft etwas zuvor nicht vorstellbar Gutes machen (siehe 1. Mose 50,20). Und er mutet manchmal seinen Nachfolgern zu, dass sie Böses von anderen aushalten müssen. Er selbst hat das auch getan. Für uns …

Ich möchte mich nicht blenden lassen von Macht und schön klingenden Worten. Und auch nicht von meinem eigenen vermeintlichen Gutsein. Ich will in dem Bewusstsein leben, dass Gott der einzige Gute, Fehlerlose ist, der Menschen zu sich ziehen und segnen kann. Und wenn ich dabei ein bisschen mithelfen darf, dann ist das nicht mein Verdienst, sondern seine Gnade.

"Danke" an die Autorin

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13 Antworten

  1. Liebe Birte Rottmann,
    ja, Gott hat keine anderen Menschen. ER sagt: "Sei mein Mund, sei meine Hände, sei meine Füße!"
    Und in der Tat, das Gefäß kann noch so zerbrochen, voller Fehler und Macken sein. ER fügt es wieder zusammen!
    Wenn wir es zulassen- unser JA dazu geben- füllt ER diese Gefäße und lässt sie überfliessen für andere!
    Auf den Inhalt kommt es an!
    Vielen Dank für diese mutigen und mutmachenden Montagsgedanken!

  2. Das ist und bleibt unter der Menschheit , keiner ist Fehlerfrei.
    Der Text ist treffend für viele unter uns.
    Aber er regt uns zum Nachdenken an.
    Herzlichen DANK

  3. Vielen vielen Dank liebe Schwester, für diesen so guten Montagsgedanken. ihr gedachtet es böse,aber Gott gedachte es gut... 1mose 50,21
    Der HERR segne dich.

  4. Allem, was Birte Rottmann schreibt, kann ich zustimmen. Sie will, dass wir alle aus diesem Vorfall lernen, und nicht in erster Linie den Redner verurteilen. Und doch macht es mich nachdenklich, wenn wir vorschnell über ihn urteilen. Aus unserer Sicht wäre es gut gewesen, wenn er sich Zeit genommen hätte für ein kurzes Gespräch mit dem jungen Mann, und ich verstehe die Enttäuschung. Wer sieht beim Redner das Herz an, und weiß, warum er so gehandelt hat? Vielleicht wäre das Gespräch eine einzige Katastrophe gewesen! Nur Gott weiß, was wirklich gut ist! Warum erwarten wir Perfektion von unseren Vorbildern?

  5. Mir kommt da ganz spontan der immer währende Spruch in den Sinn: "Der Mensch denkt und Gott lenkt". Es tut so gut, dass er immer um mich rum ist, er führt mich auf dem richtigen Weg und er ist es, der mir auch die Kraft hierfür gibt.
    Danke für die Montagsgedanken liebe Birte Rottmann, sie öffnen so die Augen vor dem Täglichen. Es ist so viel, dass wir im Geiste richtig machen wollen und im tatsächlichen Leben dann eben nicht - aber die Montagsgedanken helfen uns, die Gedanken bewusst zu machen und auch den ein oder anderen neu umzusetzen!

  6. Ich staune über Gott , wie ER doch uns, zerbrochene, angeklickte, nur schwach leuchtende , gebrauchen will und kann im Bau SEINES Reiches.
    Danke für diesen Artikel, es ist wirklich gut und wichtig das wir selbst in den Spiegel schauen um uns auch mal kritisch zu betrachten.

  7. Einfach treffend, mitten ins Herz. Wie oft habe ich auch schon so gehandelt wie dieser Redner, weil meine eigenen Interessen und Absichten im Vordergrund standen. Wir sollten uns viel öfters in Demut und Nächstenliebe üben. DANKE für diesen guten Input.

  8. Grandios!!!
    So verhält es sich und so soll es auch benannt werden.
    Vielen Dank für diesen Beitrag. Er hat gleichzeitig in und aus meiner Seele gesprochen.
    Herzliche Grüße
    Angela Wolter

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