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Montag, 02.08.2021

Gutes aus Schwerem

In unserer Hauskreis-WhatsApp-Gruppe lesen wir diesen Bibelvers: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Und wir fragen uns: „Wird wirklich alles gut? Was bedeutet gut? Wie hat Gott das gemeint? Und wie sieht das in der Wirklichkeit unseres Lebens aus?“
Unser Sohn Sascha nahm sich im Alter von 24 Jahren das Leben. Dies ist und bleibt für uns Eltern eine Katastrophe. Ein Teil unseres Herzens fehlt. Von unserer Seite her gesehen wäre es gut, wenn unser Sohn wieder bei uns wäre, wir ihn umarmen und erleben könnten, wie er sein Leben meistert.
Ich sinne darüber nach, was seit Saschas Tod in unserem Denken und Leben passiert ist. Ich bin einfühlsamer, barmherziger, sensibler für vieles geworden, kann aber auch besser Grenzen setzen und kenne meine begrenzte Kraft. 
Auch meine Beziehung zu Gott ist anders geworden. Viele Vorstellungen von Gott sind wie ein Puzzle auf die Erde gefallen und in tausend winzige Teile zerbrochen. Es war mühsam, schmerzhaft und hat Auseinandersetzungen mit Gott beinhaltet, ein neues Puzzle – den veränderten Glauben – zu finden. Da waren Enttäuschung, falsche Vorstellungen, auch Wut. Aber: Am Ende dieses oft sehr einsamen Prozesses stand ein tieferer Glaube und ein realistischeres Vertrauen in Gott. Und die Erkenntnis, dass Gottes „gut“ sich von meinem „gut“ unterscheidet kann.
Gerade lese ich die WhatsApp-Nachricht einer anderen trauernden Mutter, die vor Kurzem ihren Sohn verloren hat. Sie schreibt: „Ich bin so dankbar, dich gefunden zu haben. Du verstehst mich, weil du es selbst erlebt hast. Du gibst mir Hoffnung, nimmst meine Einsamkeit in der Trauer, ich bin damit nicht allein.“ Später schickt sie mir ein Bild mit folgendem Text: „Eines Tages wirst du deine Geschichte erzählen, wie du überlebt hast, und sie wird Wegweiser sein für jemand anderen, um zu überleben.“ Mir treibt es Tränen in die Augen, wenn ich solche Rückmeldungen von anderen trauernden Eltern bekomme.
Ich habe mich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen, weil ich den tiefen Wunsch hatte, anderen in ihrer Trauer und Einsamkeit beistehen zu können. Es gibt viel zu wenig Hilfeangebote. Oder man findet sie nicht. Ich leite mit einer anderen betroffenen Mutter eine Selbsthilfegruppe für „verwaiste Eltern“ und bin engagiert in einer Trauergruppe für Angehörige von Suizid. Über den Hospizdienst nehme ich mir Zeit für Einzelgespräche mit Trauernden. Nein, noch ist nicht alles „gut“. Aber Gott hat aus Schlimmem etwas Gutes erwachsen lassen. Und er ist immer noch dabei.

Christa Keip

Ihre Geschichte erzählt Christa Keip in dem Artikel „Dennoch bleibe ich bei dir!“, der in LYDIA 3/21 erschienen ist.
 

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13 Antworten

  1. Wir haben unseren geliebten und in jeder Beziehung wunderbaren Sohn 1986 durch einen tödlichen Unfall verloren. Leider konnten wir als Eltern noch keinen einzigen Tag nach all den Jahren etwas "Gutes" an diesem Unfall erkennen! Es tut immer noch genau weh und wird unser Leben lang bleiben!
    Wir werdem unseren Sohn immer vermissen!!

  2. Lasst uns unter-, miteinander helfen, manchmal reicht schon ein liebes Wort, eine kleine Geste, eine Umarmung, manchmal 'Rat und Tat', jeder wie/viel er vermag, lasst uns für uns alle hoffen und beten, für diese und jene Welt, und mögen wir auch zu S/einem, dem Verstehen des Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen gelangen.

  3. Dieser Beitrag hat mich sehr berührt, ich kann mir garnicht vorstellen, wie das Leben weitergeht nach solchem Schlag. Aber eines ist sicher,der treue Herr wird abwischen alle Tränen und uns zur Seite stehen.

  4. Liebe Frau Cramer,
    das tut uns sehr, sehr leid. Wir wünschen Gottes Trost, Beistand und Frieden. Trotz des unbeschreiblichen Schmerzes.

  5. Ja, Papa geht mit uns durch die Freude, aber auch durch tiefes Leid. Ich habe meinen schwerkranken Mann über Jahre gepflegt, habe mich dabei selbst fast aufgegeben, um meinem Mann das Leben noch lebenswert zu machen. Nach seinem friedlichen Einschlafen konnte ich auch vielen Menschen Hoffnung geben. Gott benutzt uns als sein Botenpersonal und gibt uns selbst neue Hoffnung auf die Ewigkeit.

  6. Danke für diesen berührenden Beitrag, der mir sehr zu Herzen geht. Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft für die Zukunft.
    Gott schütze Sie !

  7. Vielen Dank für diesen Montagsgedanken. Unser Sohn ist 2002 gestorben. Ja, das war und ist heute oft noch schwer, aber ich bin dankbar für die Zeit, die wir ihn bei uns haben durften. Ich weiß, dass unser Sohn bei Gott ist und das gibt mir Kraft und Trost.
    Zusammen mit einer anderen betroffenen Mutter leite ich ebenfalls eine Selbsthilfegruppe für „verwaiste Eltern“. Ich möchte gerne etwas zurückgeben von der Hilfe, die ich damals erfahren habe.

  8. Liebe Rebecca,
    auch Ihnen unser aufrichtiges Beileid. Es tut uns von Herzen leid. Es ist schön, dass Sie jetzt andere Eltern trösten und ermutigen können.

  9. Wünsche ihnen von ganzem Herzen viel Kraft und Trost von dem der alle Tränen abwischen wird und unsere Seele heilt.
    Möge Gottes Liebe und seine Treue sie begleiten.

  10. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag - so traurig und gleichzeitig so ermutigend! Die Trauer und die Leere, die mit dem Verlust eines Familienmitgliedes entsteht, kann ich gut nachempfinden, das ich es auch schon mehrmals erfahren habe. Ich kann aber auch bezeugen, dass die "Wunde" irgendwann zuwächst, wenn man es zuläßt... wenn man mit Gott im Gespräch bleibt und offen ist für Seine Wegweisungen. Wie auch aus dem Beitrag von Christa Keip zu ersehen ist: Dann kann sogar Leid zum Segen werden, wenn man anderen Menschen, die in eine ähnliche Situation kommen, ganz anders helfen kann, als jemand, der nicht die Tiefen dieses Wassers kennt!

  11. vielen Dank für die berührenden Rückmeldungen zu meinem Beitrag . Nein, es wird nie mehr alles gut, ein Stück unseres Herzens, unser Kind, fehlt- für immer. Das wird so lange schmerzen bis wir uns wiedersehen im Himmel. Und es macht auch keinen "Sinn". Aber wenn ich anderen Eltern ein bißchen weiterhelfen kann in ihrer Trauer, mit ihnen die Trauer teile, ihre Gefühle verstehe und ihre Kämpfe mit dem Verlust- und auch im Ringen mit Gott - und sie sich dadurch ein bißchen weniger einsam fühlen, sich verstanden und angenommen fühlen in ihrer Trauer dann ist das für mich persönlich kostbar und wertvoll und wie eine Perle, die aus dem Schlimmen erwächst. Mir persönlich hat es sehr geholfen, andere Betroffene kennenzulernen und auszutauschen und mich mit meinen teils verqueren Gefühlen und Gedanken wiederzufinden in den offenen ehrlichen Gesprächen.

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