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Montag, 31.08.2020

Erfinderische Liebe

Unsere Postbotin schimpft. Einige Kunden in ihrem Zustellbezirk halten sich nicht an die Abstandsregel, die aufgrund der Corona-Pandemie gefordert wird. Sie hat Order, zu ihrem Selbstschutz die Post nicht zuzustellen, wenn Personen ihren Weg zu den Briefkästen behindern. Sie klagt über den Egoismus und die Leichtfertigkeit der Leute. Während sie sich weiter ihrer Arbeit widmet und dem Postauto zuwendet, setzt sie schnaubend noch eins drauf: „Und dann hasse deine Leute plötzlich schwer krank da liegen und kannze noch nich ma bei!“
Das bedeutet zu Hochdeutsch: „Und dann hast du deine Liebsten schwer erkrankt im Krankenhaus liegen und darfst sie noch nicht einmal besuchen!“
Ja, das ist bitter, nicke ich im Stillen.
Nachdem die erste Welle der Pandemie über unser Land hinweggeschwappt ist, muss ich zu einem Eingriff ins Krankenhaus. Es sind nur drei Tage veranschlagt, aber es ist klar: Hier darf keiner „bei mich bei“. Als ich am zweiten Tag nach der Operation meine ersten Schritte bis zum Fenster machen kann, öffne ich es weit und höre dem Vogelgesang und dem Rasenmäher zu.
Am Nachmittag sind draußen im Park helle Kinderstimmen zu vernehmen:
„Oma, guck mal!“, rufen zwei Jungs ihrer Oma zu. Ihre fröhlichen Stimmen machen mich neugierig und ich schleiche zum Fenster, um zu erfahren, was die Oma denn Schönes zu sehen bekommt. Ich erblicke zwei Jungen auf der Wiese. Sie sind im Vor- und Grundschulalter und rufen zu ihrer Oma hinauf, die irgendwo an einem Fenster des Krankenhauses steht (die ich aber aus meiner Position weder sehen noch hören kann). Der Jüngste wirft Papierflieger in die Luft: „Guck, Oma! Ich hab einen Papierflieger, der fliegt ganz hoch! Pass mal auf!“ Er wirft, läuft hinterher, fängt oder hebt ihn auf. Wirft erneut und juchzt dabei. Sein Papa und sein großer Bruder haben Seifenblasen und pusten zu Omas Belustigung um die Wette. „Oma, guck mal! Papa hat eine ganz große Seifenblase hingekriegt!“ Die Kinder laufen den Seifenblasen und Papierfliegern hinterher und freuen sich.
Der strahlend blaue Himmel lacht dazu und der Wind macht die Show perfekt. Er wirbelt die Seifenblasen prachtvoll hinauf in die Höhe und treibt sogar eine an meinem Fenster im dritten Stock vorbei. Die nehme ich mir gerne persönlich zu Herzen und bemerke, dass ich beim Anblick dieser Kinder aus dem Dauerlächeln gar nicht herauskomme.
„Oma, jetzt kannst du ein Foto von uns machen! Guck, wir stehen hier im Schatten!“, ruft der Ältere. Die drei Oma-Besucher positionieren sich vor einem Nadelbaum. Dann macht auch der Papa ein Handy-Foto von der Oma da oben irgendwo am Fenster. Hundertfache, bunt-schillernde Seifenblasengrüße, fröhlich-jauchzende Kinderleichtigkeit! Da geht nicht nur der angesprochenen Oma das Herz auf! Ich habe noch nie einen so beschwingt-ausgelassenen Krankenhausbesuch erlebt. Die Knirpse ahnen nicht, dass sie noch anderen Patienten eine Freude machen.
Etwa eine halbe Stunde erfreuen sie ihre Oma auf diese muntere Weise. Als ich schon längst in mein Bett zurückgewackelt bin, höre ich sie mehrfach: „Tschüss, Oma!“ rufen und ihre Stimmen verklingen schließlich im Park. In der Stille des Zimmers denke ich: Liebe macht erfinderisch. Diese Seifenblasen-Papierflieger-Fröhlichkeits-Vorstellung war wirklich eine super Erfindung! Die Jungs und ihr Papa sind „bei Oma bei“ gekommen. Tief in ihr Herz sind sie gelangt, ohne ihr Zimmer zu betreten.
Erfinderische Liebe findet einen Weg: Sie kommt „bei“ … Gott kommt „bei“, muss ich plötzlich schmunzelnd denken. „Bei mich bei!“ Gerade dieser Nachmittag hätte eine öde Traurigkeitszeit für mich werden können. Und dann so eine heitere Überraschung! Gott liebt es, sich immer wieder in mein Herz zu lieben und mir auf unterschiedlichste Weisen zu versichern: „Hab keine Angst, ich komme immer bei dich bei, egal wo du bist!“

Christine Schlagner

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11 Antworten

  1. Ja, das war eine tolle Idee!
    Dennoch wird mir das Herz schwer, wenn ich das lese.
    Was passiert nur mit uns?
    Wohin wird uns das führen???
    Die ganze "Corona-Geschichte" spaltet/ trennt Familien, Freundschaften usw.
    Jeder hat irgendwie seine eigenen Gedanken dazu und das ist total legitim! Aber die Angst, die (gezielt) geschürt wurde und wird, sie trennt uns, weil sie für das vergängliche Leben steht, um das doch letztlich jeder fürchtet...
    Ja, wir haben durchaus Verantwortung, uns und dem anderen gegenüber, aber deshalb das Denken aufgeben??? Das Nachfragen und Verstehen wollen? Uns ein X für ein U vormachen lassen?
    Den anderen verurteilen, ihm Verstand absprechen, weil er anders denkt als ich?
    Es gäbe noch so viel zu sagen, aber es würde den Rahmen sprengen und wo würde es hinführen?
    Ja, das fehlt mir auch; das angstfreie Diskutieren, bereichert werden durch den anders Denkenden. akzeptieren,stehen lassen und den Weg trotzdem ein Stück gemeinsam gehen...
    Ich wünsche uns Gottes Segen und ganz besonders seine Liebe für die Zeit, in der wir leben!

  2. ...und mir sind während des Dauerlächelns noch ein paar Tränen der Rührung aus den Augen getropft! So ein toller Vergleich auch am Ende! Möge uns Gott die Augen öffnen, dass wir all seine Liebesbezeugungen sehen und erkennen und weitergeben können...

  3. Danke, für diesen ans Herz gehenden Beitrag. Es ist doch wunderbar, wie diese fröhlichen Kinder der Oma und einigen anderen Patienten ein Lächeln ins Gesicht geschenkt haben. Diese Liebe erfahren wir auch von Gott, der uns jeden Tag ein Lächeln schenkt. Danke dafür!

  4. Mir hat besonders der Vergleich gefallen, dass Gott dich immer wieder in unser Herz liebt.
    Genauso empfinde ich es auch, gerade in dieser Zeit.

  5. Liebe Martina,auch ich denke nicht gleich wie manch anderen.Ich finde auch das es Gemeinschaft trennt die so wichtig für jeden von uns ist. Aber lasst uns beten für die Veranwortlichen die Entscheidungen treffen,das sie ihr Herz dabei benutzen.Unsere Welt ist schon kalt genug.

  6. Danke für diesen wunderbaren Beitrag!
    Da wird einem warm um's Herz . Ich warte jeden Montag
    auf die Montagsgedanken und verschicke sie weiter zur
    Ermutigung.Danke !

  7. Welch eine Ermutigung ungewöhnliche Wege zu suchen, zu finden und zu gehen! Gott hat uns so viel Kreativität geschenkt, wie schön, wenn sie sich auf solch eine weitreichende Weise zeigt, dass noch viele andere davon profitieren können! Ich wünsche mir, dass auch in allen Kirchen in unserem Land solch eine Kreativität und Liebe sichtbar wird, gerade in dieser Zeit, in der viele Menschen Nähe und Begegnung besonders schmerzlich vermissen. Nicht Rückzug und verschlossene Kirchentüren, sondern unkonventionelle Ideen sind gefragt, die Gottes Liebe hinaustragen ohne den anderen zu gefährden.

  8. @Martina: Was kann man an dieser wunderbaren Geschichte hinterfragen wollen? Sie ist einfach berührend. Ihren Unmut versteh ich in diesem Zusammenhang nicht und er passt doch nicht zu diesem Text....

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