Ich beuge mich über unseren kleinen Pflegeigel Nick. Wie jeden Morgen möchte ich seine Kiste säubern und nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Da liegt er, eingekuschelt in sein Handtuch. Doch heute ist es still. Zu still.
Sonst ist Nick sofort wach, schnaubt und bewegt sich. Heute keine Regung. Mein Herz klopft, meine Hände zittern. „Hey Nick, deine Igelmama will nur schnell sauber machen und dich füttern. Alles ist gut.“ Es dauert einen kurzen Moment, dann höre ich endlich ein leises Rascheln. Er lebt. Ich atme tief durch.
Während ich seine Kiste sauber mache, wird mir bewusst, wie sehr mir dieses kleine Geschöpf ans Herz gewachsen ist. Nick ist kein Haustier und kein Kuscheltier. Trotzdem freue ich mich auf die Zeit mit ihm, beobachte, wie er zunimmt und sich auf den Winterschlaf vorbereitet.
Und gleichzeitig weiß ich: Wir haben ihn nur für eine kurze Zeit. Wir dürfen ihm Schutz, Wärme und Nahrung geben. Aber sein Platz ist draußen in der Natur. Gott hat ihn genau dafür geschaffen.
Dass Nick zu uns kam, verdanken wir unserem jüngsten Sohn. Eines Tages kam er aufgeregt aus der Schule und erzählte von zwei viel zu kleinen Igeln, die die Kinder in der Pause gefunden hatten. Sie wurden in eine Pflegestelle gebracht. Die Begeisterung und das Mitgefühl meines Sohnes berührten mich. In diesem Moment kam mir der Gedanke: Wir müssen uns mit Igeln beschäftigen.
Also meldeten wir uns beim Tierheim als Pflegestelle. Mein Mann baute mit unseren Söhnen aus alten Paletten ein Außengehege. Kurz darauf meldete sich eine Frau, die ihre aufgepäppelten Igel abgeben musste.
Als wir sie abholten, erzählte sie mir von einem Schicksalsschlag in ihrem Leben. Ich konnte gut mitfühlen, da ich Jahre zuvor in einer ähnlichen Situation war. Ich nahm sie in den Arm und durfte ihr sagen, dass ich für sie beten werde. In diesem Moment wusste ich: Diese Begegnung sollte so sein. Meine Zweifel, ob wir das Päppeln schaffen würden, waren plötzlich verschwunden. So kam Nick zu uns.
Die ersten Tage waren aufregend. Nick wollte kaum zunehmen, und ich machte mir Sorgen. Doch nach und nach begann er zu gedeihen. Mein jüngster Sohn wiegt ihn jeden Tag. Und auch mein dreizehnjähriger Sohn kümmert sich liebevoll um ihn. Es rührt mich, wie dieses kleine Tier unsere Familie verbindet.
Heute habe ich verstanden: Nick lehrt mich nicht nur Fürsorge, sondern auch das Loslassen.
Bald wird die Zeit kommen, ihn in die Freiheit zu entlassen. Und plötzlich denke ich an meine Kinder. Auch sie sind nur für eine Zeit bei uns. Ich darf sie lieben, prägen und begleiten. Aber irgendwann werde ich sie loslassen müssen.
Unsere Kinder sind uns von Gott anvertraut. Ihr Weg gehört ihm. So wie der kleine Igel für die Freiheit geschaffen ist, dürfen auch unsere Kinder ihren eigenen Weg gehen.
Ich darf lernen, meine Hände zu öffnen – nicht aus Schwäche, sondern aus Vertrauen. Denn ich weiß: Gott hält, was ich loslasse.
Vielleicht liegt genau darin der tiefe Friede: Alles, was wir aus Liebe halten, dürfen wir eines Tages in Liebe wieder freigeben.