Mir ist klar, dass es ein Vorrecht ist, als Familie ein Auto zu besitzen und unterhalten zu können. Doch lange Zeit habe ich mir gewünscht, wir hätten ein zweites Auto. Wir wohnen als kleine dreiköpfige Familie am äußeren Rand einer Kleinstadt. Mein Mann arbeitet in einer Firma, die rund 30 Kilometer entfernt ist, und braucht das Auto, um dorthinzukommen. Ich arbeite im Homeoffice und brauche daher keins.
Der öffentliche Nahverkehr ist bei uns nicht besonders gut ausgebaut – in die Innenstadt und zum nächsten Bahnhof fährt ein Mal in der Stunde ein Bus. Da schwingt man sich eher aufs Fahrrad, weil es schneller geht und man flexibler ist.
In unserer näheren Umgebung ist alles gut mit dem Fahrrad zu erreichen – Supermärkte, Cafés, Kindergarten, Schule. Und doch hätte ich gern öfter Freundinnen besucht, die weiter weg wohnten, statt immer die Gastgeberin zu spielen oder es vorab gründlich zu planen und mit meinem Mann abzusprechen. Wie gern hätte ich öfter spontane Ausflüge mit meinem Jungen gemacht, an spannende Orte in der Nähe. Oder hätte bei Regenwetter mal nicht die Regenhose angezogen.
Ich beneidete die vielen Mütter in meinem Bekanntenkreis, deren Männer einen Firmenwagen gestellt bekamen. So flexibel wie sie wäre ich auch gern gewesen! So viele Möglichkeiten hätte ich auch gern gehabt. Mein Lebensradius kam mir so unbedeutend und klein vor.
Doch an einem Tag machte es plötzlich „Klick“ bei mir, und ich verstand, dass der kleine Lebensradius, den ich unter der Woche hatte, auch ein Segen war. Eine befreundete Mutter hatte mir an dem Tag erzählt, wie sie zwischen Arbeit, Essen kochen und Kinder von der Schule abholen noch eben schnell drei Stationen abgefahren hatte, um gut erhaltenes Lernmaterial für ihren Sohn zu kaufen, bei dem gerade eine Lese-Rechtschreib-Schwäche diagnostiziert worden war. Als ich über ihren Tag nachdachte, wurde mir klar, dass mir so etwas gar nicht passieren konnte – weil ich gar nicht die Möglichkeit gehabt hätte.
Durch diese "natürliche" Grenze, kein zweites Auto zur Verfügung zu haben, wurden mir auf der einen Seite Möglichkeiten genommen, auf der anderen wurde mir aber auch ein weites Feld an Möglichkeiten geschenkt. Nämlich die Möglichkeit, mich zu fokussieren. Mich gezwungenermaßen einzuschränken und zu beschränken auf die Menschen, die innerhalb dieses Radius erreichbar waren – oder bereit waren, uns zu besuchen. Alle anderen fielen automatisch hintenüber.
Ebenso war es mir nicht möglich, "eben schnell" noch irgendwo hinzufahren. Es war immer mit mehr Aufwand verbunden, weshalb ich mir automatisch gut überlegte, ob ich das wirklich wollte oder ob sich das lohnte. Ich erkannte, dass mir hier von Gott durch meine Lebensumstände eine Schutzfunktion geschenkt worden war. Denn von meinem Typ her neige ich dazu, mich mit allen möglichen Menschen gut zu verstehen und am liebsten alles gleichzeitig zu machen. Meine Tage waren auch ohne Auto voll genug – mit einem Auto, das mir ständig zur Verfügung gestanden hätte, wären sie wahrscheinlich schnell übervoll geworden.
Jedem von uns sind im Leben natürliche Grenzen gesetzt. Keiner kann alles. Niemand hat alles, was er sich wünscht oder was praktisch wäre. Und nicht alles passt in jede Lebenssituation. Ich möchte dir Mut machen, Gott um eine neue Perspektive für deine Grenzen zu bitten. Er meint es gut mit dir und will dir trotz deiner momentanen Begrenzungen weiten Raum zum Leben schenken. Deine Grenzen sind auch deine Möglichkeiten.
6 Antworten
Ja Gott weiss besser was wir brauchen oder eben was wir nicht brauchen!Ein Artikel zum Nachdenken
Liebe Esther Middeler,
da sind sehr weise und irgendwie auch tröstende Worte.
Letztendlich stellen Grenzen auch einen Schutz dar.
Liebe Grüße
Angela Wolter
Ich habe ihren Artikel mit Interesse gelesen, jetzt bin ich Rentner, mein Leben lang habe ich ein Auto vermisst und habe manchmal eine neue Arbeitsstelle nicht bekommen. Aus gesundheitlichen Gründen darf ich nicht fahren und fühle mich bis heute eingeengt. Gern hätte ich ein anderes Leben gehabt, aber ich versuche es anzunehmen.
Ich war Single mit Auto, dauernd unterwegs und erschöpft.
Ich habe den Herrn Jesus gebeten, mir zu helfen, endlich mal zur Ruhe zu kommen.
Als einige Zeit später mein Auto kaputt ging, zeigte der Herr mir, dass ich es abschaffen soll und ließ mich kurz erleben, dass ich dann die ersehnte Ruhe hätte.
Und es stimmt, auch ich bin nicht mehr spontan, manches Mal fehlt es mir, aber auch ich habe zu schätzen gelernt, die (erzwungene) Ruhe zu genießen. Mein Radius ist kleiner geworden, aber es tut mir trotzdem, oder gerade deshalb, gut ♡
Danke, so geht es mir auch -man meint oft ,das Leben sei draußen und wenn man dann dauernd unterwegs ist, sehnt man sich nach Ruhe.Ich habe beides gehabt,mit und ohne Auto und bin dafür, die Gemeinden, Stadträte oa. endlich für die Idee des Teilautos und der Rufbusse zu gewinnen.
Inzwischen gibt es viele andere Konzepte dazu, so dass es auch für kleinere Städte möglich ist.
Man muss es wollen, da fehlt es noch sehr.Ich habe es schon mehrmals angestoßen,da bewegt sich nichts.Ob das auch über die Kirchen möglich wäre?
Habt alle einen lebendigen ,gut gefüllten, nicht eingeschränkten Tag !
Vielen Dank für diesen Artikel.
Es tut gut das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Danke.