Sonntag, 21.06.2026

Wie ich versuchte, pünktlich zu Gott zu kommen

Eines Morgens, halb zehn in Deutschland (oder sagen wir eher kurz vor zehn) wollte ich mal wieder in den Gottesdienst gehen und war spät dran. Aber zumindest war ich nicht die Einzige! An mir stürmte eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter vorbei, die ganz offensichtlich andere Pläne für diesen Sonntagmorgen gehabt hatte. Jedenfalls sträubte sie sich und schrie, während die Mutter sie energisch am Arm zog und anfauchte, sie solle endlich die Klappe halten und mitkommen, sie kämen zu spät.

Da erwachte der kleine Pharisäer in mir und ich ertappte mich dabei, ihr Verhalten zu verurteilen. Ganz nach dem Motto: „Ja, ja, und gleich schön scheinheilig von der Liebe Gottes singen.“ Damals hatte ich noch keine Kinder. Und mit dieser Ergänzung könnte ich eigentlich schließen.

Heute Morgen – circa vier Jahre und zwei Kinder später – wollte ich selbst wieder in den Gottesdienst und hatte große Sehnsucht danach, Gott dort zu begegnen. Es wurde halb zehn in Deutschland und meine große Tochter saß immer noch in aller Seelenruhe über ihre Müslischüssel gebeugt. „Mausi, wir müssen langsam los“, sagte ich und versuchte, meine Gereiztheit zu unterdrücken. Tatsächlich gibt es kaum etwas, was mich mehr stresst, als irgendwo unpünktlich zu erscheinen – auch wenn ich mich aufgrund meines ausbaufähigen Zeitmanagements immer wieder selbst in solche Situationen bugsiere. Seit ich Kinder habe, erst recht, aber sie sind wenigstens eine gute Ausrede.

„Ich komme, ich komme“, rief Matilda beschwichtigend. Doch da waren die „Anzieh-Spiele“ noch nicht eröffnet. Jackenstreik. Falsche Socken, doofe Schuhe, Mental-Breakdown. Mehr muss ich nicht sagen. Inzwischen gelang es mir nicht mehr, meine Gereiztheit zu unterdrücken.

Als wir endlich im Auto saßen, war es fünf vor zehn. Ich glaube zwar, dass Gott nichts unmöglich ist, und es soll ja Menschen geben, die irgendwohin gebeamt wurden – aber mir fehlte der Glaube für dieses Wunder. Wir würden zu spät kommen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob die Bedürfnisse meines Kindes wirklich eine Entschuldigung dafür sind, zum Treffen mit der wichtigsten Person im ganzen Universum unpünktlich zu erscheinen. Oder ob mir ehrlicherweise meine Viertelstunde Schlaf heiliger war als mein Gott? Denn wäre zumindest ich schon fertig gewesen, hätten wir womöglich genau die Zeit eingespart, die wir jetzt zu spät kommen würden.

Beim Gemeindehaus angekommen gab es natürlich keinen Parkplatz mehr, nur in der allerletzten Ecke. Meine Maus ist eine Schlenderin, die lieber Dinge in ihrem Herzen und ihrem Kopf bewegt als sich selbst, so ging es gleich weiter: „Ich will nicht laufen … Trag mich!“

Als wir schließlich entnervt vor dem Haupteingang ankamen, hörte ich plötzlich Geschrei aus einem Auto nebenan. Ein Vater begleitete mehr oder weniger ruhig bleibend den Wutanfall seiner Tochter, die offensichtlich auch keine Motivation hatte, sich vom Fleck zu bewegen. Ich musste schmunzeln und fühlte gleichzeitig mit ihm. Willkommen im alltäglichen Wahnsinn. Und während ich ihn beobachtete und reflektierte, wie ich meine Tochter gerade selbst gereizt über den Parkplatz zerrte, hatte ich ein Déjà-vu ...

Aber mitten durch die Scham über mein noch kinderloses „Judgy-Me“ drängte sich plötzlich ein Satz auf, den ich erst kürzlich in einem Kinderbuch vom Hasen und Igel las: „Ich bin schon da.“ Mir war, als würde Gott mir diese Worte zuflüstern: „Ich bin schon da“ – jedoch nicht hämisch grinsend am Ziel, sondern geduldig lächelnd am Wegesrand.

„Du musst dich nicht so abhetzen, um pünktlich bei mir zu erscheinen. Ich bin schon da. Und ich war es den ganzen Morgen. Ich saß bei euch am Frühstückstisch und später am Boden neben deiner Tochter und dir, als in dir deine unheiligsten Gedanken und Gefühle hochkamen. Und vielleicht wäre es der bessere Gottesdienst gewesen, wenn du mich genau in diese Situation mit hineingenommen hättest, anstatt vermeintlich zu mir zu hetzen.“

Ich begriff ganz neu: Mein Gottesdienst fängt schon zu Hause an. Und damit meine ich nicht, dass ich mich nach dem Aufstehen auf Zwang moralisch korrekt verhalten muss. Sondern dass ich schon vor dem ersten Kaffee und dem ersten Wutausbruch meiner Kleinen Gott bewusst mit ins Boot nehmen darf. Dass ich mich erinnern darf: Ich komme zu unserer Verabredung nicht zu spät, wenn ich mit ihm gemeinsam unterwegs bin.

Das soll natürlich kein Freischein für ein geistliches Lotterleben sein, in dem ich mir gar keine Mühe mehr gebe, pünktlich zu kommen. Aber es ist eine Einladung, im Zweifelsfall lieber mit Gott zusammen und besserer Laune zu spät zu kommen – in dem entlastenden Bewusstsein: Er ist ohnehin schon da, wo ich bin.

Désirée Wiktorski

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7 Kommentare

  1. Schön beschrieben! Das erinnert mich total an die Zeit, als meine Kinder (3) noch klein waren. Und so war es dauernd, egal wie früh wir begannen. Meine jüngste Tochter hielt mir das sogar Jahre später mal vor: zu Hause Streit und in der Gemeinde dann heile Familie. Das saß. Liebe Familien: wenn es irgendwie geht, nehmt den Druck raus!
    Christa

  2. Ich lasse mir keine Montagsgedanken entgehen, ich finde sie immer wieder schön und heilsam für meine Seele.

    Noch ein Kommentar zur Lydia: Habe sie seit Jahren abonniert und lese jede Zeitung vom Anfang bis zum Ende; Es ist die einzige Zeitung, die ich abonniert habe.
    ABER: Bei der letzten Lydia waren - für meinen Geschmak - viel zu viele Buch-Empfehlungen gedruckt!
    Ca. 16 Seiten habe ich gezählt!

  3. Vielen Dank für die entlastenden Gedanken und die Erinnerung, so mitten aus dem normalen Alltags(-wahnsinn) Ja, Gott ist JEDEN Augenblick bei uns, nur wir realisieren das oft nicht.

  4. Herrlich selbstkritisch, spannend zu lesen und dabei in einen Spiegel zu schauen: Wann bin ich genervt von anderen Menschen, einer Situation, obwohl ich mich vielleicht schon beim Aufwachen mit meinem Schöpfer und Begleiter „verbündet“ habe? Und dann der Frust: Nein, ich war nicht unendlich geduldig, barmherzig…..Wie schön, wenn uns dann so ein hilfreicher Satz erreicht wie „Ich bin doch da“ oder „Kommt zu mir mit eurer Last, euren Grenzen…“ . Vielleicht bin ich dann wieder neu bereit, sein Joch auf mich zu nehmen, mit ihm im Gespann zu gehen, von Ihm zu lernen…

  5. … fühle mich ertappt…
    … und schmunzle dabei immer wieder.
    Wohltuend!
    Danke dir, Désirée.
    Mittendrin im (sonntäglichen) Alltagsgewusel und nicht allein!
    ER war und ist DA und wird es auch nächstes Mal sein. Und mich willkommen heissen. Egal wie früh, spät, laut, ruhig… gelassen, ausgeschlafen… oder eben nicht.
    Danke dir, Gott.

  6. "Ich bin ja da, wo du bist immer schon und immer noch und immer wieder.." das höre ich heraus aus den Montagsgedanken und den Kommentaren dazu über Zeit und Stress und Druck und mentale und emotionale Überlastungen und pünktlich bei Gott und Menschen sein zu wollen... und das tröstet und beruhigt und ermutigt mich auch im nächsten "PünktlichseinWollenMarathon" auf Gottes: "IchBinjaschonDaganzNahbeiDir" zu lauschen.. MaEy

  7. Richtiger Balsam dieser Text! "Ich bin ja bei dir"-Worte helfen auch, wenn die Kinderjahre vorbei sind und ganz natürlich alles langsamer wird...(Gedanken, Bewegung und vor allem die Koordination, dass ich gar nicht in Stressituationen komme) 🤔 da gilt immer wieder: aufstehen, Krone richten und weitergehen...und klar wissen: ich bin nie allein, mein Gott ist ja da!
    Ich bin so Dankbar

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