Und immer ruft das

Smartphone...

Low angle view portrait of serious woman looking at the mobile phone, sitting at home.

Ellen Nieswiodek-Martin verbringt häufig mehr Zeit am Smartphone, als sie eigentlich möchte. Daraufhin beschäftigt sie sich ausführlicher mit ihrem Verhalten und kommt zu spannenden Ergebnissen.

Es ist noch früh am Morgen. Ich nehme meine Bibel in die Hand, um darin zu lesen. Vorher möchte ich kurz die Wettervorhersage prüfen. Dann weiß ich, was ich nachher anziehen werde. Als ich das Handy entsperre, poppen mehrere Benachrichtigungen auf: In Venezuela gab es ein schlimmes Erdbeben. Eine Gartenzeitschrift erklärt mir, warum die Beerensträucher jetzt einen Rückschnitt brauchen. Und mehrere Freundinnen haben neue Statusmeldungen bei Whatsapp.

20 Minuten später lege ich das Handy aus der Hand. Mist. Nun habe ich nur noch 10 Minuten Zeit, um das zu tun, was ich eigentlich vorhatte: In der Bibel zu lesen. Dabei hatte ich mir eigentlich vorgenommen, morgens vor der Arbeit nicht auf das Handy zu schauen.

Aus Gesprächen mit anderen höre ich, dass es nicht nur mir so geht: Man setzt sich Regeln, möchte weniger Zeit am Smartphone verbringen, aber es klappt nicht dauerhaft. Natürlich gibt es viele Gründe, das Smartphone in die Hand zu nehmen: Kommunikation, Informationen, Fotos machen oder ansehen, einkaufen, Banking, Rezepte suchen oder wie in meinem Fall: nach dem Wetter schauen. Das sind alles hilfreiche Funktionen, die ich nicht mehr missen möchte. Aber wenn ich ehrlich bin, verbringe ich oft mehr Zeit, als ich wollte und als mir gut tut - mit dem kleinen Bildschirm in der Hand. 

Wie sehr lasse ich mich oder meinen Alltag davon beherrschen? Das Smartphone bietet viele nützliche und gute Tools. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich am Handy sehr viel Zeit verbringe. Diese fehlt mir hinterher dann oft.  Damit bin ich offenbar nicht allein:  Jeden Tag verbringen Menschen in Deutschland durchschnittlich etwa drei Stunden täglich am Smartphone. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom.

Meine Motivation prüfen und entscheiden

Vor ein paar Wochen stieß ich in den Sozialen Medien auf den Post eines finnischen Lehrers: Er hat eine Methode für seine Schüler entwickelt, die er als sehr wirksam beschreibt.

Er führte bei seinen Schülern folgende Regel ein: Bevor man das Smartphone in die Hand nimmt, soll man laut aussprechen, was man tun möchte. Zum Beispiel: Ich suche nach einem Rezept für … oder: Ich möchte meine Emails prüfen.

Er begründet diese Regel so: Vieles, was wir am Handy tun, geschieht aus Gewohnheit und ohne wirklich darüber nachzudenken. Wenn wir kurz Innehalten und die eigene Absicht formulieren, entsteht ein Moment der Entscheidung. Dieser hilft, aufmerksam zu werden für das eigene Verhalten – und eröffnet die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden.

Ich probiere es direkt am nächsten Tag aus.  Es funktioniert gut. Immer wieder ertappte ich mich dabei, ich das Handy in die Hand nehme und nicht sagen kann, was ich genau tun möchte. Ich gehe der Sache auf den Grund: Was passiert da? Warum greife ich so oft nach dem Handy?

Unser Mobiltelefon ist im Alltag unverzichtbar geworden. Aber wie viel Zeit will ich damit verbringen?

"Automatisiertes Verhalten"

Meine Recherche ergibt, dass ich mit dem Verhalten nicht alleine bin: Amerikanische Studien sagen, dass ein durchschnittlicher Smartphone-Nutzer sein Handy zwischen 100 und 200 Mal pro Tag in die Hand nimmt. Psychologen sprechen von Gewohnheitsschleifen: Das sind wiederkehrende Verhaltensmuster, die unser Gehirn automatisiert, damit wir nicht jede Handlung bewusst entscheiden müssen. Ich versuche einen Vergleich: Wenn mein Haustier da liegt und mich ansieht, spüre ich den Impuls, es zu streicheln. Wenn das Handy auf dem Tisch liegt, habe ich den Impuls, es zu entsperren und draufzuschauen. Es ist wie ein Reflex. Wenn ich dann etwas Interessantes sehe oder eine Nachricht lese, wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert.  Das Gehirn sucht nach Belohnungen und neuen Reizen: Dadurch schaut man immer wieder auf den Handybildschirm. Es könnte jederzeit etwas Interessantes erscheinen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich ein sogenanntes „automatisiertes Verhalten“.

Das möchte ich wieder loswerden. Ich möchte bewusst handeln, nicht „automatisiert“. Die Worte des Apostels Paulus kommen mir in den Sinn: Er schrieb an die Gemeinde in Korinth: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht über mich haben“ ( 1. Kor.6,12)

Weniger Konzentration, mehr Ablenkung

Ich prüfe, welche Auswirkungen das Smartphone noch auf unser Leben hat. Da gibt es einige: Das Smartphone ist nicht nur ein Zeitfresser – es wirkt sich auch negativ auf unsere Konzentration und Aufmerksamkeit aus. Forscher haben herausgefunden, dass wir uns schlechter konzentrieren können, wenn das Smartphone in dem Raum liegt, in dem wir arbeiten. Die bloße Anwesenheit des Smartphones beeinträchtigt das konzentrierte Arbeiten – auch wenn wir es nicht einschalten. Radio oder Stimmen um uns herum lenken uns offenbar weniger ab als das Smartphone.

Der finnische Lehrer führte eine weitere Regel ein: Das Smartphone sollte nicht auf dem Tisch liegen oder in der Hosentasche, sondern sich etwas weiter weg, befinden zum Beispiel in der Schultasche oder in der Jackentasche. Eine Studie der Universität Tampere zeigte: Wird der Abstand zum Handy um nur 40–60 cm vergrößert, sinkt der Impuls, darauf zu schauen um 37 Prozent.

Inzwischen nehme ich das Handy nicht mit an den Schreibtisch, sondern lasse es im Nebenraum liegen. Es gelingt nicht immer, denn zahlreiche berufliche Kontakte laufen über das Mobiltelefon. Aber beim Arbeiten fehlt es mir nicht – wenn ich es nicht sehe.

Die Funktionen des Handys sollen uns dienen, wir können sie für unsere Zwecke nutzen.

Meine Nutzungsgewohnheiten haben sich durch diese kleinen Maßnahmen verändert.

Ich bin noch auf dem Weg, aber es gelingt immer besser. Und belohnt werde ich durch mehr freie Zeit. Und den Bibelvers „Prüfet alles und behaltet das Gute!“ könnte ich vielleicht mal für meinen Sperrbildschirm gestalten.

FOTO: gettyimages

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