Die

Zeitschenker

charming young woman pushing a senior woman in  a wheelchair through the park

Anderen Gutes zu tun, ist oft gar nicht schwer. Es fängt damit an, die Not eines anderen wahrzunehmen.

In unserer Kirche gibt es eine Gruppe namens "Die Zeitschenker". Die Menschen, die sich hier engagieren, haben vielleicht nicht die Möglichkeit, große Umzüge zu stemmen oder handwerkliche Dienste zu übernehmen - aber sie sind bereit, dort einzuspringen, wo Zeit, Nähe und Zuwendung gebraucht werden.

Manchmal benötigt jemand einen Babysitter, eine Begleitung zum Augenarzt oder einfach jemanden, der zuhört. Genau hier kommen die "Zeitschenker" ins Spiel.

Erfahrungsgemäß melden sich Menschen, die Hilfe nötig hätten, oft zur zögerlich. Oder sie kommen gar nicht auf die Idee, Unterstützung anzufragen. Umso wertvoller ist es, wenn jemand aufmerksam hinschaut und den ersten Schritt macht.

Mit kleinen Gesten helfen

Als ich mit der Leiterin der "Zeitschenker" ins Gespräch kam, um ein bisschen mehr über ihr Team zu erfahren, berichtete sie mir von zwei besonderen Einsätzen:

Nach dem plötzlichen Tod eines Vaters musste für einige Wochen die Kinderbetreuung und Alltagsorganisation der Familie neu geregelt werden. Das "Zeitschenker"-Team sprang ein: Verschiedene Personen holten die Kinder von der Schule ab und sorgten für ein warmes Mittagessen. So konnte der Mutter, die berufstätig ist und gleichzeitig ihre Trauer bewältigen musste, eine wichtige Last abgenommen werden.

Eine ältere Dame im Rollstuhl wird zweimal im Monat vom Pflegedienst zum Gottesdienst gebracht. Die "Zeitschenker" holen sie vom Parkplatz ab, begleiten sie während des Gottesdienstes und sind beim anschließenden Kaffeetrinken an ihrer Seite - bis der Pflegedienst sie wieder abholt.

Oft braucht es keine großen Gesten oder besondere Fähigkeiten, sondern einfach Zeit, Aufmerksamkeit und ein offenes Herz, um für andere ein Segen zu sein, dachte ich nach unserem Gespräch. Getreu dem biblischen Motto: "Lasst uns Gutes tun" (Galater 6,10).

Am nächsten Tag erhielt ich eine erschütternde Nachricht von der Tochter der Leiterin, mit der ich erst gestern geredet hatte: "Mama liegt auf der Intensivstation. Sie hatte einen schweren Verkehrsunfall." Plötzlich war alles anders. Gestern schenkte sie anderen Zeit - heute braucht sie selbst Zeit. Im Moment sitzt sie im Rollstuhl, noch immer kann sie einen Arm nicht bewegen. Aus dem Krankenhaus sandte sie mir einen Gruß und erzählte: "Weißt du, wer mich jetzt ganz oft im Krankenhaus besucht? Eine Zeitschenkerin."

Manchmal verändert ein Augenblick alles - und gerade dann wird deutlich, wie kostbar es ist, wenn Menschen füreinander da sind und niemand allein bleibt. Mir ist deutlich geworden, dass Zeit zu schenken heißt, Spuren der Liebe zu hinterlassen. Spuren, die tragen, wenn das Leben plötzlich zerbricht und neue Stärke gebraucht wird.

Ich habe mich entschieden: Ich möchte nicht warten, bis die Not vor der Tür steht, sondern heute anfangen, eine Zeitschenkerin zu sein und so am Netz der Fürsorge zu knüpfen, das uns alle hält - auch mich.

FOTO: fotografixx/Gettyimages.com

"Danke" an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin „Danke!“ mit einem Kommentar.

Artikel teilen?

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

> Kommentieren

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Mit Zuversicht in die Zukunft
Vanessa Schirge lebt mit einer unheilbaren chronischen Erkrankung. Während ihr Körper immer schwächer wird, bleibt ihre Zuversicht und ihr Vertrauen in Gott bestehen.
> weiterlesen
Novemberblues
An einem trüben Novembertag fühlt Christine Schlagner sich deprimiert von den schweren Schicksalen anderer Menschen. Bis ihr die Worte ihrer Tante einfallen.
> weiterlesen