Montag, 18.05.2026

Kraft, die im Verborgenen wächst

Mein Großvater baute unser Elternhaus vor vielen Jahrzehnten unter erschwerten Bedingungen. Im Krieg hatte er seinen linken Arm verloren. Der Sockel des Hauses wurde aus Natursteinen aufgebaut. Jeder einzelne dieser großen und schweren Steine musste damals per Hand getragen und platziert werden – eine mühevolle und kräfteraubende Arbeit, mit nur einem Arm besonders anstrengend und schwierig.

Vor diesem Kellersockel pflanzte mein Opa einen Weinstock. Ein einfaches Lattengerüst an der Hauswand diente ihm als Rankhilfe. Im Laufe der Jahre wuchs der Stock und kletterte immer weiter, sodass er bald einen Teil der Grundmauern des Hauses verdeckte. Seine Trauben schmeckten süß, und wir Kinder naschten gern davon.

Später pflegte mein Vater den Weinstock. Lange konnten wir seine Ernte genießen. Schließlich war ich an der Reihe, die Pflege zu übernehmen, und schnitt den alten Stock erst einmal kräftig zurück. Er war in die Jahre gekommen und trug kaum noch Früchte. Die sonst so üppigen Trauben blieben klein und geschmacklos, und schließlich wurde der gesamte Weinstock entfernt.

Die einstige Rankhilfe wollte ich jedoch erhalten, auch wenn sie kahl und scheinbar nutzlos an der Steinmauer befestigt war. Irgendwie gehörte sie noch immer dorthin und sollte eines Tages wieder ihren Dienst tun – auch wenn ich damals noch nicht wusste, wie.

Manchmal fühle ich mich wie eine vertrocknete, geschmacklose Weintraube. Ich bringe gefühlt wenig Frucht; zu sehr bin ich mit mir selbst und meiner Welt beschäftigt. Und doch hänge ich am Weinstock des Glaubens. Er nährt mich, selbst wenn ich nichts fühle und mein Wachstum stockt. Ich bin noch ein Teil davon – unscheinbar vielleicht, und doch brauchbar.

Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, bringt viel Frucht.“ (Johannes 15,5)

Gott schneidet mich nicht einfach ab. Er ist nicht so radikal wie ich, sondern hält an mir fest und ringt um mich. Seine Liebe glaubt an mich und fordert mich täglich auf: „Bleib bei mir! Auch wenn du es gerade nicht fühlst – du bist mein geliebtes Kind. Ich brauche dich und deine Frucht in dieser Welt.“

Eines Tages ruft mich mein Vater aufgeregt in den Garten. Es ist unglaublich: Ein neuer Weinstock hat sich wie aus dem Nichts entwickelt und bahnt sich seinen Weg nach oben. Dank der alten Rankhilfe findet er Halt. Der ausgediente Weinstock hatte tiefe Wurzeln. Wir sind beide erstaunt, und neben aller Freude spüre ich eine große Hoffnung in mir: Gott gibt auch mich nicht auf. Er rechnet mit meiner Frucht.

Ich freue mich auf den nächsten Sommer und bin gespannt auf die neuen Weinreben. Es geht immer weiter: Selbst aus dem alten Stock ist ein neuer Trieb entstanden, der unverkennbar nach oben wächst. Ja, der alte – und doch neue – Weinstock an unserem Haus treibt wieder aus und ist für mich ein Sinnbild von Hoffnung und Zuversicht.

Birgit Ortmüller

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5 Kommentare

  1. So geht es mir auch und ich fühle mich vertrocknet und geschmacklos !! Danke, Jesus, dass Du mich nicht abschneidet, sondern an mir festhältst!!

    Danke für diese Gedanken und die Ermutigung, liebe Frau Ortmüller.

  2. Wie ermutigend , vielen Dank !
    Er lässt Neues wachsen , wenn wir in ihm verwurzelt sind .
    Manchmal wächst es im Verborgenen und wird erst mit der Zeit sichtbar .
    Danke für das Teilen dieses schönen Bildes .

  3. Was für ein schönes Bild. Nach außen ist nichts zu sehen aber tief im Verborgenen wächst etwas ganz still, und kommt kraftvoll ans Licht!

    Danke für die guten Gedanken!

  4. "Selbst aus dem alten Weinstock ist ein neuer Trieb entstanden..."
    Und Jesus sagt zu uns: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
    Erst jetzt habe ich begriffen, was das wirklich bedeutet!
    Was für ein starkes Wort. Was für ein starker Gott!

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