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Trösten lernenWarum reden manchmal besser ist als schweigen

Seit Beginn der Pandemie beten wir als Kirche jeden Abend zusammen für persönliche Anliegen. Auf unserem Instagram-Kanal kann man mit dabei sein. Viele Gebete sind erhört worden, manche nicht.

Die Familie von Franzi war Corona-positiv getestet. Ein paar Tage später kam die Nachricht, dass der Vater und die Mutter ins Krankenhaus auf die Intensivstation mussten. Franzis Vater wurde ins künstliche Koma gelegt und beatmet. Fast jeden Tag kamen neue Nachrichten, jeden Abend Gebet für ihn, irgendwann dann die Nachricht, dass ein Luftröhrenschnitt gemacht werden müsse. Jetzt lag alles allein in Gottes Hand, die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Kurze Zeit später kam die traurige Nachricht: Er hat es nicht geschafft. 
Täglich lasen wir in den Medien, wie viele Menschen an Corona gestorben waren. Wir kannten den Vater von Franzi nicht, aber wir kennen sie. In dem Moment, in dem eine dir nahestehende Person stirbt, ist es nicht nur eine Zahl, ist es nicht einer von tausend, die an diesem Tag gestorben sind. In dem Moment ist es ein ganz konkreter Mensch.
Als Kirche hat uns das sehr erschüttert. War unser Glaube nicht stark genug? Haben wir zu lässig gebetet? Am gleichen Abend erfuhren wir, dass eine krebskranke Freundin ins Krankenhaus gekommen war. Für sie wurde seit Monaten gebetet und gefastet. Einen Tag später ist auch sie gestorben. 
Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben. Er war 80. Unser Sohn ist vor 21 Jahren gestorben. Er war sieben. Franzis Papa war 66. Mara war 64 Jahre alt.
 

Versöhnt mit Gott?

Wir alle werden im Laufe unseres Lebens mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert. Und wir erleben auch in unserem Umfeld, dass Menschen ihre Angehörigen verlieren. Viele wissen nicht, wie sie damit gut umgehen können, und fragen sich: Wie reagiere ich angemessen? Was kann, sollte oder darf ich jetzt tun? Und was nicht?
Mein Vater war, zumindest soweit ich das weiß, nicht mit Gott versöhnt. Das hat ganz schön etwas mit mir gemacht. Ja, das letzte Wort hat Gott, und wir wissen nicht, welche Entscheidungen ein Mensch noch auf dem Sterbebett getroffen hat. Aber wirklichen Trost habe ich nicht im Herzen.
Bei dem Papa von Franzi hatten wir alle Frieden im Herzen. Franzi hatte uns letztes Jahr als Gemeinde darum gebeten, für ihre Eltern zu beten, dass sie zu Gott finden. Wir sind zuversichtlich, dass Gott diese Gebete erhört hat.
Mara ist jetzt ganz sicher bei Gott, denn sie hat ihren Glauben an Jesus offen bekannt. Wir hätten es uns trotzdem anders gewünscht.
Unser Sohn Julian darf seit 21 Jahren bei Gott sein. Das schenkt uns Trost.
 

Was mir geholfen hat

Die Fragen, die sich manche hin und wieder stellen: „Wie kann ich Angehörigen meinen Trost aussprechen? Was hilft wirklich? Soll ich anrufen? Hinfahren? Eine Nachricht schreiben? Eine Karte? Schicke ich Blumen? Geld? Was kann ich noch tun?“
Unser Sohn ist am 14. August 2000 bei einem Badeurlaub ums Leben gekommen. Als wir danach nach Hause kamen, tat es gut, so viele Freunde an unserer Seite zu haben. Da kamen Freunde extra von weit her, um uns in unserer Trauer beizustehen. Ich erinnere mich, dass wir nicht nur 24 Stunden geweint haben, sondern auch damit beschäftigt waren, Dinge zu organisieren. Wir waren dankbar für Menschen, die uns dabei unterstützt haben.
Eine große Hilfe war ein befreundetes Ehepaar. Sie haben für uns die Kommunikation mit dem ADAC wegen der Überführung übernommen. Wir mussten noch zwei Tage auf Sardinien bleiben und die Nachbarn kamen und haben uns Essen gebracht. Zwar habe ich keinen Bissen heruntergebracht, aber die Geste war so tröstlich!
Der Unfall wurde im sardischen Fernsehen ausgestrahlt. Ein befreundetes Ehepaar, das weiter weg wohnte, hat das gesehen. Die beiden kamen zum Krankenhaus, um für uns zu beten. Sie haben nicht viel geredet. Sie waren einfach da. 
Zu Hause haben Freunde uns bei der Organisation der Trauerfeier mit anschließendem Essen bei uns zu Hause geholfen. Ich musste mich um nichts kümmern.
Die Klavierlehrerin unseres Sohnes hat sich oft Zeit genommen, um mir zuzuhören. Ich kann mich noch an einen Tipp von ihr erinnern. Ich erzählte ihr, dass ich in den unpassendsten Momenten weinen müsste – mitten in einem Vortrag oder während des Einkaufens. Sie meinte, dass ich mir in solchen Momenten sagen könne: „Es passt gerade nicht. Später, zu Hause, heute Abend, ist Zeit zum Weinen.“ Das war sehr hilfreich für mich.
Auch hat es mir geholfen die Lieder unseres Sohnes am Klavier zu spielen. Das war meine Art der Trauerbewältigung. Auch wenn ich dabei viel geweint habe.
Das Grab habe ich nie besonders mit unserem Sohn in Verbindung gebracht. Trotzdem war ich immer sehr berührt, wenn jemand etwas auf das Grab gelegt hatte, meistens waren es Klassenkameraden. Da lagen kleine Briefe, Figuren, Blumen.


Wertvolle Anteilnahme

Überhaupt hat es uns damals gutgetan, dass so viele bei der Beerdigung dabei waren. Auch wenn es den Schmerz nicht lindert, tut Anteilnahme gut. Falls du dich also fragst, ob du zu einer Beerdigung gehen sollst: Tu es. Wenn du nicht gehen kannst: Ruf an. Schreibe eine Karte. Und wenn du der Person nahestandest, lege ruhig auch einen Geldschein dazu. Daran denken viele gar nicht. Aber der Tod kostet etwas. Als unser Sohn starb, hat uns das über 10.000 DM gekostet. Wir haben damals die komplette Beerdigung bezahlen können mit dem, was wir von Freunden und Bekannten geschenkt bekamen. Das war ein Segen für uns.
Ich habe aber auch erlebt, dass Menschen nicht mit mir reden konnten, dass sie sogar die Straßenseite gewechselt haben, wenn ich ihnen entgegenkam. Anfangs hat mich das sehr irritiert. Mittlerweile weiß ich, dass es nicht jedem leichtfällt, über den Tod zu sprechen, und dass manche Menschen wirklich auch nicht wissen, was sie sagen sollen. Wenn es dir genauso geht: Trau dich! Ein „Es tut mir leid“ ist besser als schweigen. 
Dennoch trägt jeder seinen Verlust allein. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude, heißt es zwar. Aber das stimmt nur bis zu einem gewissen Grad. In der Bibel steht: „Jedes Herz hat seine eigene Bitterkeit und auch seine Freude kann kein anderer vollkommen mit ihm teilen“ (Sprüche 14,10). Was bedeutet das?
 

Langfristig begleiten

Letztlich ist es der Verlust der Angehörigen. Für die anderen geht das Leben, der Alltag weiter. Ich habe mich damals gewundert, dass sich die Erde weiterdreht. Dass nicht jeder spürt, dass jemand fehlt. Gerade deshalb tut es gut, wenn andere sich immer mal wieder melden, auch später noch.
Mich hat es immer bewegt, wenn Blumen oder Karten am Grab lagen. Auch noch Jahre nach dem Tod unseres Sohnes, beispielsweise an seinem Geburtstag. 
Mich berührt es, wenn mir jemand an Julians Geburtstag eine WhatsApp schreibt. Oder an seinem Todestag.
Meine Mutter meinte mal, sie würde mir nicht schreiben, weil sie weiß, dass ich dann weine. Aber Weinen ist nichts Schlechtes. Das gehört dazu. Das ist die Person auch wert, wenn man sich an sie erinnert. Nach 21 Jahren weine ich nicht mehr so oft.
Eine Sache ist mir im Kopf geblieben, die uns wirklich überrascht und gutgetan hat. An unserem ersten Weihnachtsfest ohne Julian bekamen wir von einer uns unbekannten Familie ein Paket geschickt. Es waren Weihnachtsgeschenke für alle unsere Kinder. Hochwertiges Spielzeug und Süßigkeiten. Diese Geste fand ich so großzügig! Sie hat uns sehr berührt.
Vor ein paar Jahren hatte ich den Eindruck, auch so ein Geschenk machen zu sollen. Für eine Familie aus unserem Dorf, wo die Mutter gestorben war. Sie hat drei Kinder hinterlassen. Und so packte ich einen Karton voller Geschenke und Süßigkeiten.
Als eine Frau in unserer Gemeinde vor ein paar Jahren plötzlich starb, waren ihr Mann und die Söhne völlig überfordert damit, nach der Beerdigung noch einen Trauerkaffee auszurichten. Aber sie hatten es sich so gewünscht. Wir haben das als Gemeinde kurzerhand organisiert. Freunde haben ihren Schuppen zur Verfügung gestellt und wir haben Kuchen und belegte Baguettes gemacht, um diese Zeit mit den Angehörigen zu verbringen.

Wenn du dich also fragst, was du tun kannst:
Für die Angehörigen beten.
Anrufen.
Nachfragen.
Gespräch anbieten.
Praktische Hilfe anbieten – auch Organisatorisches.
Geld schenken.
Blumen ans Grab bringen.
Wenn es jemand ist, der dir nahesteht, schreibst du vielleicht ein paar Zeilen zum Todestag oder zum Geburtstag

Sei sensibel in allem, was du tust. Lass dich vom Geist Gottes leiten. Menschen sind unterschiedlich, nicht jedem helfen dieselben Gesten. Manche wollen darüber reden, andere nicht. Aber wenn du Gott mit ins Boot holst, ihn bittest, dir zu zeigen, wie du trösten kannst, wird er dich führen.

Heike Malisic arbeitet seit 1998 als Fachfrau für Ernährungs- und Gewichtsmanagement, Coach und Referentin. Sie ist Mutter von fünf Kindern und Mitherausgeberin der Programme „Lebe leichter“ und „Body, Spirit, Soul“. Dieser Artikel erschien in LYDIA 4/2021.

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1 Kommentar

Auch ich musste lernen wie schwierig es für manche Menschen ist Worte zu finden.
Worte die einem nicht weh tun, wie: „Das schaffst Du schon!“
Wenn man das Gefühl hat, dass einem ein Stück vom eigenen Herzen fehlt und man nicht mehr weiß wie man einen Schritt nach dem anderen tun soll
„Schafft man es nicht“
Man funktioniert nur.
Man atmet weil der Körper das automatisch macht.
Eine Hand die einem gereicht wird, jemand der einfach nur da ist, jemand der sich anhört was man alles erlebt hat und noch zusammen erleben wollte…all diese Kleinigkeiten sind so groß in diesen Momenten.
Schmerz und Trauer vergehen nicht.
Man lernt damit umzugehen weil das Leben weiter gehen muss…
Für all diejenigen die das für mich und für uns getan haben und manchmal auch immer noch tun…
Meinen Dank dafür ♥️

Ulrike
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