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Der Angst ins Gesicht schauen

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Lange Zeit geriet ich jedes Mal in Panik, sobald ich die ersten Anzeichen einer möglichen Erkrankung bemerkte. Ich sah mich schon im Krankenhaus, den schlimmsten Behandlungen ausgeliefert. Viele Jahre lang war mir diese extreme Reaktion ein Rätsel. Bis ich meine erste Kindheitserinnerung näher unter die Lupe nahm …

Ich liege in einem Gitterbett aus kaltem, glänzendem Metall. Ich kann nicht weg, bin eingesperrt. Ich bin allein im Zimmer. Schreien hilft nichts. Ich bin krank und der Welt des Krankenhauses ausgeliefert. Ich bin ein vierjähriges Mädchen und wegen Scharlach in Quarantäne. Da sich niemand anstecken soll, darf nur eine Krankenschwester ins Zimmer. Es ist niemand da, der mich tröstet, in den Arm nimmt, mit mir spielt. ‚Sie haben mich vergessen!‘, denke ich immer wieder. ‚Wo ist meine Mama? Wo ist mein Papa, wo sind meine Geschwister?‘

Endlich tut sich etwas vor der großen Fensterscheibe zum Flur hin. Leute laufen vorbei. Aber sie bleiben nicht stehen. Da, ein Klopfen an der Scheibe. Meine Mutter steht davor. ‚Sie hat mich doch nicht vergessen!‘, denke ich. Meine Mutter lächelt und winkt. Sie holt eine Puppe hervor und zeigt sie mir. Das ist deine Puppe, gibt sie mir zu verstehen.

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Nachdem meine Mutter gegangen ist, kommt die Krankenschwester und bringt mir die Puppe. Glücklich nehme ich die Puppe in den Arm. ‚Sie haben mich doch nicht vergessen‘, denke ich immer wieder. ‚Meine Mama ist da. Wenn ich wieder gesund bin, holt sie mich ab. Die Puppe ist das Zeichen dafür.‘

Das Angst-Programm

Dieses Erlebnis hat sich tief in mein Herz gegraben. Deshalb die überdimensionale Angst bei den kleinsten körperlichen Symptomen, die eine Krankheit ankündigen könnten. Ich spulte immer wieder das gleiche Programm ab: das Angst-Programm.

Die Angst trennte mich von anderen Menschen. Ich fühlte mich allein auf der Welt. Manchmal schaffte ich es noch nicht mal, mit meinem Mann über meine Gefühle zu sprechen. Die Angstgefühle traten besonders dann auf, wenn ich körperlich erschöpft war.

Schritte in die Freiheit

Ja, dieses Kindheitserlebnis hat mich geprägt. Doch heute bin ich erwachsen und kann mich entscheiden, als erwachsene Frau damit umzugehen.

Für mich war es wichtig, den Schmerz der Trennung von meiner Mutter noch einmal zu spüren. Als ich diese Kindheitserinnerung in meiner Schreibgruppe vorlesen wollte, ging es fast nicht, weil ich mit den Tränen kämpfte. Diese Trauer habe ich zugelassen und bewusst empfunden.

Nach der Trauer kam die Wut: „Warum hat meine Mutter das zugelassen? Gab es keine andere Möglichkeit, als mich allein zu lassen?“ Auch dieses Gefühl habe ich mir erlaubt: „Ja, ich bin wütend darüber, wie sie damals mit mir umgegangen ist!“ Um zu einer neuen Bewertung zu kommen, wollte ich die Sicht meiner Mutter kennenlernen. So traf ich mich mit ihr zu einem Gespräch über all meine Fragen: Wie hat sie es erlebt, mich wegzugeben? Hat sie auch darunter gelitten? Gab es keine andere Lösung? Warum nicht? Ihre Perspektive hat meine Sichtweise relativiert.

Meine Beziehung zu Gott hat Vergebung ermöglicht. In dem von Gott geschenkten Frieden konnte ich meiner Mutter verzeihen und selbst Frieden bekommen über dieser Erinnerung.

Nach der Trauer kam die Wut: „Warum hat meine Mutter das zugelassen? Gab es keine andere Möglichkeit, als mich allein zu lassen?“ 

Meine Angst-Strategie

Meine Ängste sind zwar noch immer nicht restlos verschwunden, aber ich habe eine Strategie entwickelt, damit umzugehen:

Der Angst ins Gesicht schauen. Ich versuche so früh wie möglich zu erkennen: „Achtung, du hast Angst!“ Wenn ich es schaffe, in dieser Phase zu meinem Mann zu sagen: „Ich habe Angst!“, stelle ich mich der Angst in den Weg. Ich schaue ihr ins Gesicht und durchbreche die Isolation, die sonst eintreten würde. Wir können dann darüber reden und die Angst verliert ihre Macht über mich.

Der Angst einen Namen geben. Wenn ich der Angst einen Namen gebe, kann ich inzwischen manchmal sogar darüber lächeln. Zum Beispiel sage ich dann: „Hallo, da bist du ja wieder, meine ‚Ich-bin-krank‘-Angst! Oder meine ‚Ich-kann-das-nicht‘-Angst! Oder meine ‚Es-ist-mir-alles-zu-viel‘-Angst!“

In Bewegung bleiben. Mich in der Angstsituation hinzusetzen und zu grübeln hieße, mich der Angst zu überlassen. Deshalb frage ich lieber: „Wie kann ich mich jetzt entspannen und ablenken?“ Die Antwort kann zum Beispiel ein Spaziergang mit dem Hund oder ein Treffen mit einer Freundin sein. Oder ein spannendes Buch lesen. Oder Wäsche bügeln. Oder einen Brief schreiben. Durch diese Aktivitäten unterbreche ich die Angstspirale. Ich setze der Angst eine Aktion entgegen und sie hat keinen Platz, Raum zu gewinnen.

Im Rachen der Angst

Wenn ich Angst habe, fühle ich mich meist einsam und von Gott verlassen. Die Verbindung zu ihm ist wie abgeschnitten. Doch mit dem Gebet „Herr, ich habe Angst!“ stelle ich diese Verbindung wieder her. Ich erinnere mich an Gottes Zusagen. Zum Beispiel: „Ich werde dich nie verlassen und dich nicht im Stich lassen“ (Hebräer 13,5). Oder: „Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28,20). Oder: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir“ (Psalm 139,5). Ein Vers aus dem Buch Hiob macht mir Gottes Nähe und Schutz besonders bewusst: „Auch dich lockt er aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, da keine Bedrängnis mehr ist“ (Hiob 36,16). Dieses Bibelwort ist zu einem Anker in meinem Leben geworden.

Das Thema Angst begleitet mich bis heute. Den „weiten Raum“ zu erobern ist ein Prozess. Doch dieser Prozess hält mich in der Nähe zu Gott. Ich lerne ihn und mich selbst besser kennen. Dafür bin ich dankbar und will Gott jeden Tag vertrauen, dass er bei mir ist. Stärker als die Angst.

Esther Lieberknecht ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie schreibt gern und ist in ihrer Gemeinde aktiv. Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2014.

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2 Antworten

  1. Mir tut der Artikel über Angst gut, mir kommen zwar die Tränen und ich weiß das ich es schaffen werde, mit meiner Angst umgehen zu lernen, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie!
    Da ich ja ein Abo habe, habe ich es damals, als die Zeitschrift herauskam schon gelesen, hab die Zeitung hergeliehen, daher für mich jetzt toll dass ich es per Mail nochmals zum Nachlesen bekam. Danke Ihnen dafür!!!!

  2. „Genau sowas habe ich als 4jährige erlebt ,als ich im Krankenhaus lag....und noch viele andere Situationen.Noch heute leide ich an Angstzuständen .Es ist manchmal ganz schlimm. Ihr Artikel macht mir Mut,auch eines Tages mich freier bewegen zu können.Mit Gott kann ich es vielleicht schaffen...ich hoffe es sehr.”

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