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Zu beschäftigt für stille Zeit?

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Viele Jahre glich meine morgendliche Gebetszeit einem Besuch in einem Fastfood-Restaurant. Doch dann brach eine neue Ära in meinem Glaubensleben an …

„Du machst morgens eine ganze Stunde stille Zeit?!“, fragte mich meine Bekannte und schaute mich mit großen Augen an. „Was tust du denn da die ganze Zeit?“
Sie war nicht die Erste, die mir diese Frage stellte. Immer wieder höre ich ähnliche Kommentare, wenn das Gespräch auf die sogenannte stille Zeit kommt.
Ich weiß nicht, wer den Ausdruck „stille Zeit“ erfunden hat. Aber schon sehr früh in meinem Glaubensleben hat man mir erklärt: „Als Christ solltest du täglich eine Zeit der Stille haben, in der du in Gottes Wort liest und betest. Die beste Zeit dafür ist der frühe Morgen, gleich nach dem Aufstehen.“ Das nahm ich mir zu Herzen.
Ich stehe gern früh auf. Der frühe Morgen mit seiner Stille hatte für mich schon immer etwas Besonderes. So begann ich, meinen Wecker zwanzig Minuten früher zu stellen. Wenn mich dann das schrille Läuten aus meinen Träumen riss, knipste ich schlaftrunken das Licht an und meine Hand schnellte auf den Aus-Knopf. Dann fiel ich wieder rücklings auf mein Kissen.

Morgendliche Hektik

Kurze Zeit später schreckte ich erneut hoch: Ich war noch einmal eingenickt! Ein Blick auf die Uhr signalisierte mir: Du hast nur noch zehn Minuten Zeit, dann musst du aufstehen.
Müde griff ich nach meinen Losungen und las die beiden Verse für den Tag durch, danach den Liedvers. Für die Lesungen würde es nun nicht mehr reichen. Ich betete noch, indem ich Gott für die vergangene Nacht dankte und ihn bat, mich in den Tag hinein zu begleiten. Schon halb im Aufstehen schickte ich noch ein Amen hinterher. Das musste genügen.
Über viele Jahre hinweg sah so meine tägliche stille Zeit aus. Ich ging zu Gott, wie man in ein Fastfood-Restaurant geht: Hinein, schnell etwas hinuntergewürgt … hmm … war lecker, aber jetzt schnell weiter zum nächsten Termin.
Ich gebe zu, es hat mir geschmeckt, aber ob das so gesund ist? Irgendwie schmeckt es immer gleich, und auf die Dauer wird man krank. Sollte das bei unserer geistlichen Ernährung anders sein? Die körperliche Entwicklung eines Menschen hängt stark von der Ernährung ab. Und das gilt auch für unsere geistliche Gesundheit.

Wann ist die beste Zeit?

Irgendwann im Laufe meines Lebens begann ich das zu verstehen. Ich suchte mir eine andere Zeit innerhalb des Tages, in der ich mich zurückziehen konnte, um in der Bibel zu lesen und zu beten. Meist war das morgens, wenn die Kinder angezogen, gefüttert und in der Schule oder im Kindergarten waren.
Doch es war keine gute Zeit. Ständig wurde ich gestört. Mal klingelte das Telefon, ein anderes Mal klingelte jemand an der Tür, dann fiel mir etwas ein, das schnell noch erledigt werden musste. Ich fand keine Ruhe, um mich auf das Wort Gottes zu konzentrieren.
Ich bat Gott: „Bitte zeig mir, wie und wo ich besser in die Stille mit dir hineinkommen kann.“ Es war fast so, als würde ich ihn um ein Rendezvous bitten. Er solle mir nur noch Zeit und Ort nennen. Kurze Zeit später vernahm ich innerlich seine leise Stimme, die zu mir sagte: „Erika, steh einfach morgens etwas früher auf! Da hast du Stille, und es wird dich niemand stören in der Gemeinschaft mit mir.“
„Okay, Gott“, sagte ich, „dann stelle ich meinen Wecker für morgen auf fünf Uhr. Ich vertraue darauf, dass du auch dafür sorgen kannst, dass ich nicht völlig übermüdet sein werde.“ Ungläubig schaute mein Mann zu mir herüber, als ich meinen Wecker stellte. Doch nachdem ich einige Wochen durchgehalten hatte und auch tatsächlich aufgestanden war, lag Hochachtung in seinem Blick. Ja, für mich ist morgens um fünf die beste Tageszeit für ein Rendezvous mit Gott. Aber natürlich muss das jeder für sich selbst herausfinden.

Einladung ins Fünf-Sterne-Restaurant

Eine neue Ära brach in meinem Glaubensleben an. Es war anders als vorher. Während meine stille Zeit früher eher einem Besuch in einem Fastfood-Restaurant glich, war es jetzt wie eine Einladung in ein Fünf-Sterne-Restaurant!
Nachdem ich meinen Wecker ausgestellt habe, ziehe ich mir Wollsocken und Bademantel an. Dann gehe ich in die Küche und mache mir eine Kanne Tee, stelle meine Tasse auf den kleinen Sekretär neben dem Sessel in meinem Büro und zünde mir eine Kerze an. Dann schließe ich leise die Tür und bin allein mit meinem Herrn. Jetzt beginnt mein Date!
Zuerst sitze ich einfach nur in meinem Sessel und nehme die Stille um mich herum wahr. Einen Moment halte ich diese Ruhe aus.
„Herr, ich möchte jetzt auf dich hören“, bete ich dann. „Zeig mir, was du mir sagen willst, lass mich offen sein für dein Reden, und hilf mir, dich zu verstehen.“
Ich habe kein bestimmtes Schema für diese Zeit. Ich lasse mich überraschen, was mein „himmlischer Koch“ für mich in seinem Restaurant zubereitet hat und wie er mich an jedem Morgen neu führen will. Er weiß genau, was ich brauche.

Bibel und Anbetung

Manchmal habe ich das Bedürfnis, einige Anbetungslieder zu singen. Dazu knie ich mich hin, oder ich stelle mich hin und hebe dabei die Arme zum Himmel. Hier unten, in meinem Büro im Keller, kann ich morgens singen, und es hört mich nur der, dem mein Gesang gewidmet ist: Gott. Nach einer Weile setze ich mich wieder in meinen Sessel. Das war die Vorspeise.
Es folgt ein kleiner Appetithappen aus meinem Kalender. Hier lese ich einen Gedanken und den passenden Bibelvers dazu und denke darüber nach.
Neben meinem Sessel steht ein Bücherregal, in dem ich allerlei Bücher, verschiedene Bibelübersetzungen und Zeitschriften griffbereit habe. Ich nehme meine Bibel und die Losungen zur Hand. Ich lese die Verse für den Tag und schlage den Zusammenhang in der Bibel auf.
Einige Verse springen mir dabei ins Auge. Es sind Verheißungen, die Gott seinen Kindern gibt. Ich greife nach meinem „Verheißungsbuch“. Schon seit einiger Zeit schreibe ich mir die Verheißungen, die ich in Gottes Wort entdecke, in dieses Heft. Während ich die Verse aufschreibe, spüre ich, wie sie Wurzeln in meiner Seele schlagen.
Dann lese ich auch die anderen Bibeltexte, die im Losungsheft angegeben sind. Das war mein Hauptgang. Da war einiges dabei, was ich schon kannte, anderes war neu für mich und manches habe ich dieses Mal aus einer neuen Perspektive gesehen.
Mein Blick fällt auf eines der Bücher, die ich zu lesen angefangen habe. Ich lese ein weiteres Kapitel. Manchmal greife ich auch nach einem anderen Buch, gerade so, wie ich es in meinem Innern spüre.

Dank und Bitten

Ich schaue auf die Uhr, es wird langsam Zeit, dass ich zum Dessert komme: Ich schließe meine Augen und beginne, Gott für diese gute Zeit zu danken, in der er mir wieder so viele neue Dinge gezeigt hat. Es gibt vieles, wofür ich danken kann.
Dann nehme ich mir noch Zeit, um für meine Familie und Freunde zu beten, aber auch für Anliegen anderer Art. Zum Schluss bitte ich meinen Herrn, mich in den Tag zu begleiten, mich zu leiten und mir zu zeigen, wo ich anderen dienen kann, sei es durch einen Besuch, einen Anruf oder einen Brief.
Manchmal sitze ich zum Ende dieser Zeit auch einfach nur mit geschlossenen Augen da und bitte Gott, zu meinem Herzen zu sprechen. Wenn ich höre, wie er zu mir spricht, schreibe ich das in ein bereitliegendes Heft.
Jedes Treffen sieht anders aus. Ich darf zu ihm kommen, wie ich bin. Wir haben Zeit füreinander, und er gibt mir die Nahrung, die ich gerade heute brauche.
Es ist mein Date mit dem König, und mittlerweile habe ich schon oft den Wecker noch eine halbe Stunde früher gestellt, weil mir die Zeit mit meinem Herrn zu kurz vorkam. Oft sage ich am Ende zu ihm: „Ach, Herr, schade, die Zeit ist schon wieder vorbei, gerne würde ich jetzt noch ein wenig hier bei dir sitzen.“

Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2010.

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8 Antworten

  1. Mir fällt es morgens auch immer sehr schwer rechtzeitig aufzustehen und eine gute Stille Zeit zu genießen. Dieser Artikel hat mich ermutigt weiterzukämpfen. DANKE!

  2. Bin noch nicht lange im Glauben. Habe Probleme mit der stillen Zeit.
    Ich rede mit Gott beim walken.
    Die Führung durch die Bibel????? Beten.
    Es ist keine Stimme. Wie führt hier Gott?
    Danke

  3. Liebe Brigitte, wie schön, dass Sie lernen möchten, Gottes Stimme zu hören! Wir haben noch ein Restexemplar des Buches "Da hörte ich Gott zu mir reden", herausgegeben von Lydia-Gründerin Elisabeth Mittelstädt. Wenn Sie uns per E-Mail Ihre Postanschrift mitteilen, würden wir Ihnen das Buch gerne schicken. Es ist inzwischen leider vergriffen und somit im Onlineshop nicht mehr erhältlich. Unsere E-Mail-Adresse ist redaktion@lydia.net.

  4. Ich liebe meine Stille Zeit; es ist mein wichtigster Schatz in meinem Leben (neben anderen Menschen o. Dingen, die ich lieb habe). Meine Scheierigkeiten sind: ich mache die Stille Zeit vermutl. zu lange (wenn ich Spaetdienst habe, manchmal 2h o. mehr); ich liebe es, Zeit mit Gott zu verbringen, bete auch manchmal fuer Deutschland, s. Wahl); St.Zeit ist meine 1. Aufgabe am Morgen / wenn ich frueher auf Arbeit bin, schaffe ich es oft nicht / arbeite im Schichtdienst und unregelmaessig / mache zwar Stille Zeit, aber habe viele anderen Dinge in meinem Leben vernachlaessigt (Post, Arztbesuche/Haushalt/ Beziehungen ua.)/ ich mag es auch nicht, so muede durch den Tag zu laufen / komme meist erst 21:30 n.Hause u. 00:00 ca. schlafe ich / schlafe gern 8h, stehe manchmal erst 8h auf / bestimmt mache ich irgend etwas total falsch / nur 6h schlafen ?? Danke fuer diese wertvolle Fragestellung

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