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Glauben in Phasen des Zweifels

Niemand spricht gern über Zweifel – Zweifel an Gott, Jesus, der Bibel. Und doch glaube ich, dass sehr viele hin und wieder davon betroffen sind.

Als Kind hatte ich keine Probleme mit Zweifeln. Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen und habe mich schon mit sechs Jahren für ein Leben mit Jesus entschieden. Aber irgendwann wurde auch ich mit dem Leben konfrontiert und habe erkannt, dass es in Beziehungen und dem eigenen Charakter viele Baustellen und Schwächen gibt. Es war nicht mehr alles schwarz oder weiß. Probleme in der Ehe, ein Schreikind, die Krebserkrankung meiner Mama und ihr viel zu früher Tod, eigene persönliche Schwächen, die nicht überwindbar schienen – ich hatte öfter Phasen in meinem Leben, in denen ich meinen Glauben grundlegend infrage gestellt habe und Gott mich durchgetragen und wieder aus dem Tief herausgeholt hat.

Das ganze Leben auf dem Prüfstand

Trotzdem fiel ich vor etwas mehr als einem Jahr wieder in ein Glaubenstief. Es war ein Jahr, in dem für mich persönlich alles wirklich gut lief. Mir ging es gesundheitlich sehr gut, in meinem Job wurde endlich Homeoffice möglich, wir hatten keine finanziellen Probleme, meine Ehe lief rund und auch das Leben mit unseren vier Kindern war entspannt. Es gab keinen für mich erklärbaren Auslöser für meine Zweifel. Trotzdem war dieses Jahr extrem hart für mich. So heftig waren meine Zweifel noch nie gewesen. Ich stellte mir grundlegende Fragen über den Glauben: Die Bibel sagt, dass Gott eine Beziehung mit mir möchte, warum spricht er dann nicht mit mir? Warum spüre ich nichts vom Heiligen Geist? Hat er mich bei der Verteilung der Geistesgaben übersehen oder bin ich ihm nicht wichtig genug? Wenn ich nicht erlebe, was da geschrieben steht, kann es dann wahr sein? Wenn ich schon die Grundlage eines Christen – die Beziehung zu Gott – nicht habe, können dann die anderen Teile der Bibel, die für mich noch weniger erklärbar sind, wahr sein?

Ich machte mich intensiv auf die Suche, aber ich fand keine Lösungen. Gott antwortete nicht. Die Zweifel wurden immer lauter und gingen immer tiefer ins Herz. Ich wusste: Wenn ich nicht mehr an Jesus glauben kann, muss ich mein ganzes Leben hinterfragen. Warum gehe ich noch in meine Gemeinde? Kann oder will ich überhaupt noch Weihnachten feiern? Hält meine Ehe diesen Spagat aus? Was sage ich meinen Kindern, wenn sie Angst vor dem Tod haben? Es ging so weit, dass ich mit meinen Kindern monatelang nicht mehr beten konnte, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ihnen vielleicht Blödsinn erzähle und sie dann später genauso verwirrt sein werden wie ich.

Ich betete intensiv, hörte mir Predigten an und las in der Bibel. Denn es heißt ja: „So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi“ (Römer 10,17). Mit ein paar sehr engen Freunden sprach ich darüber und ließ auch in meinem Hauskreis für mich beten. Da kam mir Corona eigentlich gerade recht. Ich konnte sowieso nicht in den Gottesdienst gehen, weil ich mich wie die größte Heuchlerin fühlte. Ich war kurz davor, die Gemeinde zu verlassen, obwohl ich jeden Livestream mitverfolgte und meine Gemeinde, die Gottesdienste und meine Dienste dort sehr liebte. Ich konnte einfach nicht länger in diesem Zustand leben. Da war keine göttliche Beziehung mehr da. Ich war die Einzige in dieser Beziehung, die sprach. Ich hatte keine Heilsgewissheit mehr, keine Ruhe und keinen übernatürlichen Frieden im Herzen. Da wollte ich lieber gar keine Christin mehr sein. Kein rationales Argument für den Glauben konnte mich überzeugen, kein Bibelwissen und keine Predigt.

Übernatürliche Berührung

An einem Sonntagmorgen während des Gottesdienst-Livestreams erzählte unser Jugendpastor eine Kindergeschichte: das Gleichnis vom gelähmten Mann am Teich Betesda (Johannes 5). Dieser Mann liegt seit 38 Jahren am Teich und sehnt sich danach, durch das Wasser geheilt zu werden, denn er hat gehört, dass dieses manchmal durch die Berührung eines Engels Heilung bewirkt. Er bemüht und bemüht sich, aber schafft es einfach nicht, das Wasser rechtzeitig zu erreichen. Genauso fühlte ich mich. Ich streckte mich so sehr aus nach Heilung, flehte Gott an, mir die Zweifel wegzunehmen und seine Gegenwart wieder spüren zu können. Ich lag während des Gottesdienstes auf meiner Couch und musste mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen, weil ich diese Verzweiflung, die der Gelähmte wohl gehabt haben muss, auch in mir spürte.

Am Nachmittag desselben Tages hörte ich dann online wieder mal eine Predigt an. Dieser Gottesdienst war auch eine Live-Übertragung. Da erzählte der Prediger dieselbe Geschichte wie unser Jugendpastor und sprach genau die Gedanken aus, die ich dazu am Morgen gehabt hatte. Ich wusste in dem Moment einfach, dass das kein Zufall war und dass diese Predigt jetzt genau für mich war. Plötzlich klopfte mein Herz sehr laut. Mir kam der Gedanke, dass es sich so anfühlte, als wäre da der Heilige Geist in mir, würde klopfen und reden wollen, aber er konnte nicht. Als wäre er in mir gefangen. Und keine Minute später verwendete der Prediger genau dieses Bild, das ich gerade körperlich gespürt hatte. Das war fast ein bisschen unheimlich. Dann wurde im Gottesdienst gebetet. Ich stellte mich hin, breitete die Arme aus und wusste, dass Gott mich gerade berührte und mich von meinen Zweifeln heilte. Ich kann den Moment schwer mit Worten beschreiben. Das ging durch meinen ganzen Körper. Meine Zweifel sind seitdem vollkommen verschwunden. Das allein ist schon übernatürlich für mich! Die Zweifel konnte mir zuvor keiner nehmen. Es ist so eine große Erleichterung!

Begegnung statt Belehrung

Zweifler brauchen keine Argumente. Zweifler brauchen eine Berührung von Jesus. Wie der Jünger Thomas, der erst glauben konnte, als er seine Hände in die Nägelwunden von Jesus legen konnte. Jesus hat Thomas so sehr geliebt, dass er ihm gegeben hat, was er brauchte (Johannes 20,25). Jesus verurteilt niemanden, der Zweifel hat. Jesus ist der Urheber des Glaubens. Und er ist der Vollender. Er selbst gibt uns die Gewissheit ins Herz, dass wir ihm vertrauen können. 

Ich möchte jeden ermutigen, nicht aufzugeben, wenn er Zweifel hat oder den Heiligen Geist eine Zeitlang nicht hören kann. Gott wird jedem von uns persönlich begegnen, so wie er es braucht, wenn wir aufrichtig nach ihm suchen (5. Mose 4,29). Wir sollten niemals aufgeben, uns nach ihm auszustrecken. Gott trägt uns auch durch dunkle Täler. 

Anna Enns ist verheiratet, Mutter von vier Töchtern und Sozialversicherungsfachangestellte. Dieser Artikel erschien in Lydia 2/2021.

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