Julia Garschagen ist fasziniert von Jesus – darum möchte sie mit Menschen über den Glauben ins Gespräch kommen. Die 42-jährige Theologin ist Leiterin des „Pontes Instituts für Wissenschaft, Kultur und Glaube“ und als Rednerin deutschlandweit unterwegs. Im Interview spricht sie darüber, wie sich das Verständnis von Wahrheit verändert hat und welche Rolle die sozialen Medien dabei spielen.
Frau Garschagen, Sie arbeiten beim Pontes Institut. Was bedeutet der Name eigentlich?
Der Begriff „Pontes“ ist Latein und bedeutet „Brücken“. Das beschreibt unser Anliegen sehr gut: Wir möchten Brücken bauen – zwischen naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen und dem christlichen Glauben. Wir möchten zeigen, dass Denken und Glauben sich nicht ausschließen. Wir möchten mit Menschen ins Gespräch kommen, die dem christlichen Glauben eher skeptisch gegenüberstehen, aber auch solchen, die die Gesellschaft prägen.
"Ich übe und lerne, gute Fragen zu stellen und damit Raum für Gespräche zu öffnen."
Dann sind Sie also eine Brückenbauerin?
Ja, das ist zumindest mein Wunsch. Ich möchte auf verschiedenen Ebenen Brücken bauen, zum Beispiel zwischen Verstand und Glauben. Viele Menschen sind der Ansicht, gläubige Menschen seien naiv und müssten ihr Gehirn ausschalten, um glauben zu können. Es gibt auch die Meinung, dass Naturwissenschaft und Glaube nicht zusammenpassen. Verstärkt wird diese Ansicht durch die Tendenz mancher Gemeinden, wissenschaftliche Erkenntnisse als Bedrohung für den eigenen Glauben zu sehen. Für mich schließen sich Wissenschaft und Glaube nicht aus. Christliche Werte und christliches Gedankengut können vielmehr dazu beitragen, die Gesellschaft positiv zu beeinflussen und zu prägen.
Außerdem wünsche ich mir, Brücken zwischen verschiedenen kirchlichen Denominationen zu bauen und darauf zu schauen, was uns eint und nicht darauf, was uns vielleicht trennt. Natürlich gibt es unterschiedliche Perspektiven auf bestimmte Themen. Doch anstatt sich gegenseitig das Christsein abzusprechen, weil man die Bibel an manchen Stellen anders auslegt, möchten wir ins Gespräch miteinander kommen und uns fragen: „Wie können wir einander verstehen? Was ist das Anliegen einer anderen Person hinter ihren Aussagen?“ [...]
Was erschwert diesen Dialog?
Vor allem in den Sozialen Medien erlebe ich viel Häme und Hass auch unter Christinnen und Christen. Es fehlt oftmals die Trennung zwischen einer Meinung und der Person, die eine bestimmte Ansicht vertritt. Hier stellt sich für mich die Frage: „Wie können wir als gläubige Menschen zu einem positiven Dialog beitragen?“
Dabei geht es nicht um falsch verstandene Toleranz im Sinne von „jede Meinung ist gut, okay und wahr“. Wir dürfen klare Meinungen haben und dennoch mit anderen Menschen in einen wertschätzenden Dialog treten. Es ist in Ordnung, einer anderen Person zu sagen: „Ich finde deine Meinung schrecklich.“ Ich möchte mich aber immer dafür einsetzen, dass die andere Person ihre Meinung äußern darf. Wir müssen zwischen einer Meinung und der Person, die sie äußert, unterscheiden.
Gott hat jeden Menschen als sein Ebenbild gemacht. Darum verdient jeder Mensch Toleranz und Respekt, denn er hat von Gott eine Würde bekommen. Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er trägt uns sogar Feindesliebe auf.
Das ist herausfordernd, denn diese Liebe habe ich nicht in mir. Ich bin abhängig davon, dass Gott mein Herz verändert. Dass er mir für die Begegnung mit anderen Menschen Geduld und Liebe schenkt und die Einsicht: „Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann bin ich es nicht.“ Diese Erkenntnis ist für mich befreiend; sie macht auch bescheiden.

Welche Rolle spielt Wahrheit Ihrer Ansicht nach in der Gesellschaft?
Seit der Aufklärung war die Wahrheitsfindung für die Menschen eng an Fakten und den menschlichen Verstand geknüpft. Sie waren der Meinung: Es gibt eine Wahrheit, eine Realität. Da diese nicht immer eindeutig ist, müssen die Menschen miteinander diskutieren, Argumente austauschen und forschen. Fakten bringen einen näher zur Wahrheit. Das sehen auch heute viele Menschen so. Jedoch wurde diese Art von Wahrheitsfindung seit dem Zweiten Weltkrieg immer mehr infrage gestellt. Die postmodernen Philosophen stellten die Frage: Gibt es überhaupt eine objektive Wahrheit? Oder gibt es nicht lediglich ganz viele subjektive Wahrheiten?
Dies führte dazu, dass heute viele Menschen der Ansicht sind, dass man der Wahrheit nicht über Fakten oder den Verstand näherkommt, sondern über die eigenen Erfahrungen und Gefühle. Diese sind jedoch subjektiv. Diese Auffassung nimmt die persönlichen Erfahrungen von Menschen ernst. Jedoch führt sie auch dazu, dass Diskussion und Austausch schwieriger werden, da jeder auf seiner eigenen Wahrheitsinsel sitzt und sich denkt: „Meine Ansicht ist meine Wahrheit und meine Geschichte. Wer ist ein anderer Mensch, dass er mir reinquatschen oder mich kritisieren will?“
Daher kommt meiner Meinung nach auch die Schwierigkeit einer Trennung zwischen einer Person und ihrer Meinung. Denn wenn die Wahrheit durch Erfahrungen, Gefühle und Empfindungen persönlich ist, kann man Meinung und Person nur schwer trennen.
Warum fällt es uns manchmal schwer, über Gott zu sprechen? Was kann da helfen?
Manche Menschen haben Angst, Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht beantworten können. Aber das ist okay. Wenn ich auf Fragen keine Antwort habe, gebe ich das zu und mache mich mit den Menschen gemeinsam auf die Suche nach Antworten. Das zeigt meinem Gegenüber: Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, sondern wir sitzen in einem Boot. Wir haben gemeinsame Fragen. Ich muss mir auch nicht den Druck machen, den Leuten immer gleich das ganze Evangelium zu predigen. Ich übe und lerne, gute Fragen zu stellen und damit Raum für Gespräche zu öffnen. Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass ich mich in erster Linie für sie als Person interessiere. Ich möchte ihnen nicht meinen Glauben aufzwingen, sondern bin an einem Dialog interessiert. [...]
INTERVIEW: Ellen Nieswiodek-Martin
FOTOS: Pontes Institut
Der Text ist ein Auszug aus dem Interview in Lydia 01/26. Die Lydia kann als Abo oder als Einzelheft erworben werden.