Die größere

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Nicola

Nicola Vollkommer hat viel von der Welt gesehen, ist Bestsellerautorin und gefragte Referentin. Aber die tiefsten Glücksgefühle hat die 66-Jährige bei der Beschäftigung mit der Bibel und wenn sie darin entdeckt, wie gnädig Gott Menschen begegnet.

Nicola, du bist in England geboren, aber in Afrika aufgewachsen. Wie kam das?

Meine Mutter stammte aus Deutschland und mein Vater war Engländer. Die beiden sind dann mit meinen beiden Schwestern und mir nach Nigeria gezogen, meine jüngere Schwester kam dann in Afrika dazu. Insgesamt haben meine Eltern 19 Jahre dort gelebt. Ab meinem zwölften Lebensjahr ging ich auf ein Internat in England und bekam einen riesigen Kulturschock. Die Gegensätze waren gewaltig: Ich lebte plötzlich ein klassisches Internatsleben wie bei „Hanni und Nanni“, allerdings war es nicht so lustig.

Was war das Schlimmste daran?

Ich hatte eine außerordentlich glückliche Kindheit in Afrika – barfuß durch die Steppe mit Pferd, Hund, Papagei. Und kam dann hinein in diese High-Society-Welt, in der ich lernen musste, eine Uniform mit Krawatte, Strumpfhose und Schuhe zu tragen. Zum Glück konnte ich zweimal im Jahr nach Hause nach Nigeria fliegen, und meine Eltern kamen einmal im Jahr nach England.

Waren deine Eltern als Missionare in Afrika?

Nein, mein Vater war Geschäftsmann. Da meine Eltern aber gläubige Christen waren, bestand unser Freundeskreis aus Missionaren. Deshalb habe ich damals auch die Schattenseiten der Missionarsarbeit erlebt: ständiger Geldmangel, so manche Zusammenbrüche und Burn-outs. Wir standen etwas abseits, konnten aber auch viel helfen. Meine Mutter hatte es sich zum Beispiel zur Aufgabe gemacht, müde Diener Gottes wieder auf die Beine zu bringen. Meine Eltern hatten eine alte Garage zu einem Gästehaus umgebaut. Dort haben manchmal Leute wochenlang gewohnt und meinen Eltern ihr Herz ausgeschüttet.

Wie hat sich das auf deinen eigenen Glauben ausgewirkt?

In der Missionsschule hatte ich immer tolle Lehrerinnen, die einen ansteckenden Glauben lebten. Auch meine Eltern waren sehr vorbildlich in ihrem Glauben. Sie waren streng und konsequent, aber es gab viel Freude und Lachen! Für mich war als Kind immer klar, dass ich mit Jesus leben möchte. Ich hatte einen selbstverständlichen und fröhlichen Glauben.

1967 haben wir den Biafra-Krieg (nigerianischer Bürgerkrieg) miterlebt. Ich glaube, da haben wir Kinder zum ersten Mal begriffen, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Aber wir haben auch gesehen, wie viel Mut unsere Eltern an den Tag gelegt haben. Diese Erfahrung hat unseren Glauben gestärkt.

Erst Nigeria, dann England – wie bist du schließlich nach Deutschland gekommen?

Ich habe in Cambridge Französisch und Deutsch studiert. Dazu gehörte auch ein Auslandsjahr. Damals hatte ich eine gescheiterte Beziehung hinter mir und wollte einfach nur weg. Tübingen sah auf den Bildern hübsch und romantisch aus. Dort habe ich dann auch einen Neuanfang mit Gott gemacht. Weil ich anfangs sehr einsam war, habe ich gebetet: „Herr, aus irgendeinem Grund bin ich hier. Ich habe dich nicht um Rat gefragt. Ich habe so viele Wünsche: Ich möchte heiraten, ich möchte eine Familie haben. Aber ich gebe dir alles. Mach damit, was du willst.“ Diese Anfänge mit Gott muss man immer wieder machen – in jeder neuen Lebensphase, nach Bruchlandungen, Enttäuschungen, Niederlagen. Ich dachte mir, ich warte ein Jahr lang, ob ich mich in Tübingen einleben kann.

Wie hast du das empfunden?

Ich war vorher nie so alleine gewesen. Das war eine neue Erfahrung für mich. Und ich konnte ja auch die Sprache nicht richtig. Nach und nach habe ich deutsche Freundinnen gefunden und die schwäbische Kultur kennen und lieben gelernt.

Mein späterer Mann hat Biologie und Chemie auf Lehramt studiert. Wir sind uns in einer christlichen Studentengruppe begegnet. Meine Mutter hatte mir nach der zerbrochenen Beziehung geraten: „Such dir einen soliden Deutschen!“ In Helmut habe ich meinen soliden Deutschen gefunden, der aber auch sehr lustig sein kann. Ich bin sehr dankbar, dass Gott uns zusammengebracht hat. Nachdem ich mein Examen gemacht habe, haben wir geheiratet. Damals haben wir uns regelmäßig mit einer Gruppe von jungen Leuten in unserem Haus getroffen. Mein Mann hat Bibelarbeiten gehalten, ich habe Klavier gespielt, wir haben miteinander gegessen … Es war so, wie wir uns Gemeinde vorgestellt haben: den Weg miteinander gehen, Leben teilen. In den 80er-Jahren gab es eine Aufbruchsstimmung. Damals wurden viele neue Gemeinden gegründet. Unsere war eine davon. Wir sind durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Und wir sind heute noch da.

Wie ist es familiär und beruflich bei dir weitergegangen?

Ich war 15 Jahre lang überzeugte Vollzeitmutter. Irgendwann kriselte es in der Gemeinde. In der Zeit geriet ich in eine ernsthafte Krise: Ich musste mich um vier Kinder kümmern. Meine Mutter war gestorben, mein Vater krebskrank. Die letzten Jahre waren hart gewesen: Eines meiner Kinder war zu früh auf die Welt gekommen. Manchmal staut sich alles an. Du versuchst, mit jeder neuen Krise zurecht zu kommen, aber irgendwann brennen dir die Sicherungen durch. Ganz abgesehen davon, dass ich mich in Deutschland immer noch fremd fühlte. Ich rebellierte auch dagegen, die Frau eines Pastors zu sein, und wollte noch ein anderes Standbein finden.

Also habe ich angefangen, auf der Volkshochschule Englisch zu unterrichten. Das hat mir viel Spaß gemacht! Damals wurde eingeführt, dass den Kindern bereits ab der ersten Klasse Englischunterricht erhielten. So kam es, dass ich Grundschullehrern vermittelte, wie man Kindern Englisch beibringt. Ich hatte meine eigenen Kinder auch zweisprachig erzogen. Auf diesem Weg kam ich als Quereinsteigerin in die Schule meiner Kinder.

Aber du schreibst auch Bücher. Wie kam das?

Ich habe für meine Schüler und die Kinderstunden in der Gemeinde immer Geschichten geschrieben. Irgendwann in einem Sommer habe ich dann einen Text an verschiedene Verlage geschickt. Und nur Absagen bekommen! Irgendwann meldete sich ein Verlag mit dem Wunsch, mit mir dann eine Bibelgeschichte für Kinder auf Englisch herausbringen. Und ich hatte die Idee, Tiere in die biblischen Geschichten einzubauen. So ist mein erstes Buch über Eddie, das Küken, entstanden.

Wann hast du gesagt: Jetzt schreibe ich mal was für Frauen?

Als wir unsere Gemeinde gegründet haben, herrschte vielerorts die Vorstellung: Christsein muss mir etwas „bringen“. Es braucht nur die richtige Formel und dann macht Gott mich erfolgreich. Überall hieß es: Finde deine Berufung. Finde deine Vision. Folge deinem Traum. Aber als ich in die Bibel geschaut habe, fiel mir auf, dass es darin von gescheiterten Existenzen nur so wimmelt. Da dachte ich mir: Das wäre doch ein Thema für ein Buch. Denn Gott fängt dort an, wo wir aufhören. Wenn wir wirklich das Kreuz auf uns nehmen und ihm nachfolgen. Das bedeutet: Es geht nicht um mich. Allerdings war das in einer Zeit, in der sich alles nur um Erfolg drehte, kein cooles Thema.

Ich kannte die Bibel seit meiner Kindheit in- und auswendig, aber nach all den Niederlagen, Schicksalsschlägen und Situationen, in denen durch meine Gebete nichts passiert war, erkannte ich: Entweder du wirst bitter oder du wirfst einen Blick in die Bibel. Und schaust nach, wie Gott „Glücklichsein“ definiert. Verspricht er mir wirklich Erfolg und ein glückliches Leben? Ich erkannte: Ja, Gott verspricht uns schon, dass wir glücklich sein werden – aber nicht unbedingt nach weltlichen Maßstäben. „Glücklichsein“ bedeutet, ihm nahe zu sein.

Welches Thema bewegt dich aktuell?

Ich arbeite gerade an einem Projekt über all die Gebete in der Bibel, die nicht erhört wurden. Viel zu oft vermitteln Autoren und Prediger den Eindruck, dass wir Gott dazu bringen können, etwas für uns zu tun – wenn wir nur die „richtigen“ Worte benutzen. Doch eigentlich ist gerade dort, wo Gottes Antwort ausblieb, sein Reich oft am meisten gewachsen. Wie oft fängt er erst dann an, an geistlichen Helden zu „arbeiten“, nachdem sie sich selbst aufgegeben haben.

Ehrlich gesagt mag ich das Thema nicht, weil ich Zerbruch nicht mag, aber in solchen Situationen erleben wir, was das Kreuz wirklich bedeutet. Die Kreuzigung von Jesus war die größte Niederlage. Da hat die ganze Hölle gejubelt und die Korken knallen lassen. Aber sie war gleichzeitig auch der größte Sieg. Ich glaube, wenn wir das verstehen, dann finden wir auch in Todesangst, Verfolgung, Leid und all den fürchterlichen Dingen Hoffnung, die Christen manchmal passieren. Wenn es eine Hoffnung gibt, dann ist es Golgatha – auch wenn es uns oft schwerfällt, das zu verstehen.

Gott hat seine Finger immer im Spiel, stärker, als wir denken. Gerade in den Niederlagen und den Katastrophen unseres Lebens. Es gibt ein größeres Bild und eine größere Geschichte, die wir einfach noch nicht kennen.

Man merkt, dass du hast viel Freude daran hast, in der Bibel zu forschen.

Ich denke mir oft: Was würde ein PR-Manager oder ein Geschäftsmann machen, wenn er die Welt retten wollte? Er würde Strategien entwerfen, Planungen durchführen, Experten von den besten Elite-Universitäten befragen. Und was macht Gott? Er sieht die Tränen einer einsamen Frau. „Er sah, dass Lea zurückgesetzt war“, heißt es. Ähnlich handelt er bei Ruth, Rahab oder Tamar. Die Bibel ist voller Tränen. Wie herrlich anders ist Gottes Art zu wirken!

Wenn man viel in der Bibel liest, denkt man bei manchen Aussagen: Moment mal! Natürlich liebt Gott uns und er sagt Ja zu uns. Wir dürfen träumen. Wir dürfen schön sein, wir dürfen erfolgreich sein. Gleichzeitig bin ich eine rettungsbedürftige Sünderin. Diesen Teil darf ich nicht vergessen. Das Tolle ist: Er liebt mich trotzdem. Gnade heißt nicht: Schwamm drüber, du bist super, so wie du bist. Gnade heißt: Du bist rettungsbedürftig, aber ich liebe dich trotzdem, und ich gebe mein Leben für dich hin. Ich glaube, das ist es, was wahres, bleibendes Glück bringt: Gott taucht immer dort auf, wo es nicht toll ist – mit Rettung und Gnade und einem Freispruch.

Interview: Ellen Nieswiodek-Martin

Fotos: Franziska Schmid und Deborah Pulverich

Das komplette Interview findet sich in der Lydia 04/25. Die Lydia kann als Abo oder als Einzelheft erworben werden.

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