Raketenangriffe, tägliche Meldungen von Zerstörung und Leid – inmitten des Krieges versucht A.W. Hoffnung weiterzugeben und Menschen praktisch zu helfen.
Es ist 4:43 Uhr. Der schrille Ton der Warn-App und das Vibrieren meines Handys reißen mich aus dem Schlaf. Ich schlüpfe in die Hausschuhe, werfe mir den Morgenmantel über. In den Taschen stecken warme Socken – vielleicht ziehe ich sie gleich noch an. Dann greife ich nach dem Handy und schließe die Wohnungstür auf. Nach mehreren Wochen Krieg ist dieser Ablauf für mich Routine.
Vor zwei Stunden, als ich schon einmal aufgeweckt wurde, folgten ein paar Minuten nach dem Alarm die Sirenen. In der Region rund um Cäsarea, wo ich momentan wohne, hat man 90 Sekunden Zeit, bis man im Schutzraum (hebräisch: Mahmad) sein soll. Auf unserem Flur traf ich mit den Nachbarn zusammen: Josephine* mit ihrem Gehwagen. Hila*, mit der ich oft gleichzeitig vor Josephines* Tür ankomme, um ihr zu helfen. Raissa* und ihr Mann mit dem kleinen Hund. Manchmal unterhalten wir uns ein bisschen oder spielen mit dem Hund. Manchmal sitzen wir auch einfach da, müde und gleichzeitig hellwach, bis die App nach zehn oder fünfzehn Minuten Entwarnung gibt und wir wieder in unsere Wohnungen zurückkehren. „Bis zum nächsten Mal“, verabschieden wir uns dann. Wie lange wird das wohl noch so gehen?
"Was hat dich eigentlich hierher verschlagen?", hat mich Raissa* letzte Woche gefragt, als wir gemeinsam auf die Entwarnung warteten. Sie ist mit ihrem Mann vor einigen Jahren nach Israel eingewandert - oder, wie man es hier sagen würde, sie hat "Alijah gemacht". Als sie erfuhr, dass ich nicht jüdisch bin, war sie fast bestürzt. "Für uns gibt es kein anderes Land", meinte sie, "aber du, du müsstest doch nicht hier sein!"
Sich der Herausforderung stellen
Das stimmt, ich müsste nicht hier sein. [...] Aber ich habe beschlossen, mich dieser Herausforderung ganz praktisch zu stellen: Seit Januar lebe und arbeite ich in Israel. Als Field-Coordinator soll ich unsere bestehende Arbeit im Gaza-Streifen verstärken und helfen, sie weiter auszubauen. Schon bevor ich kam, waren über 170 Lkws mit Lebensmitteln über die Grenze gefahren. Einheimische Freiwillige gaben in "unserer" Suppenküche jeden Tag Tausende Mahlzeiten aus. Dass wir diese Arbeit zusammen mit unserer israelischen Partnerorganisation organisieren, mit der wir schon seit fast 20 Jahren Holocaustüberlebende und deren Nachfahren in Israel unterstützen, begeistert mich. Hier arbeiten Israelis und Deutsche, Araber, Juden, Christen und Drusen zusammen.
Leider haben einige politische und bürokratische Verwicklungen dafür gesorgt, dass ich in meinen ersten Wochen nicht sehr viel Konkretes tun konnte. Und nun ist Krieg: Schulen und Parks sind geschlossen. Eltern organisieren ihre Arbeit um die Kinderbetreuung herum – wie zu Corona-Zeiten. Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne sind im Krieg und fehlen zu Hause. Treffen größerer Gruppen sind praktisch unmöglich. Das Heimatfrontkommando hat Regeln ausgegeben, wie man sich im Fall von Raketen- und Drohnenangriffen zu verhalten hat. Das Leben hat sich verlangsamt und neu sortiert: Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss sich, sobald die Sirenen heulen, im Straßengraben auf den Boden werfen und den Kopf mit den Händen bedecken. Da überlegt man sich sehr genau, welche Fahrten wichtig genug sind und ob man kleine Kinder dabeihaben möchte. [...]
Zwischen Normalität und Ausnahmezustand
Manches erlebe ich als bizarr: Dass ich meine neuen Nachbarn im Schlafanzug kennenlernte, weil wir uns zum ersten Mal mitten in der Nacht im gemeinsamen Mamad trafen. Dass ich manchmal unterwegs keine Ahnung habe, wo ich gerade bin, weil das GPS immer mal wieder durcheinandergebracht wird. Hoffen wir mal, dass die Raketen genauso desorientiert sind wie ich! Die Menschen hier sind technisch innovativ und haben sich ihren Sinn für Humor behalten – es gibt Apps, die anzeigen, wann man in Ruhe duschen kann. „In der nächsten halben Stunde liegt die Wahrscheinlichkeit, durch einen Alarm gestört zu werden, bei 17 Prozent.“ Über QR-Codes am Eingang öffentlicher Schutzräume können Singles per Dating-App andere Singles finden. Inzwischen weiß ich auch, wo bei „Ikea“ der Zugang zum Schutzraum zu finden ist: im Self-Service-Bereich hinter dem Regal 32.
Normalität und Ausnahmezustand sind längst miteinander verschmolzen, und die Tage fließen ineinander. Ich habe es gut, weil ich nur über den Gang zum nächsten Schutzraum gehen kann, keine kleinen Kinder versorgen muss und außerdem in einer Region abseits der Ballungsräume wohne. Dort heulen die Sirenen viel öfter. Mit jeder Woche werden die Menschen müder und ihre Bewegungen, so scheint mir, langsamer. Die ständigen unterbrochenen Nächte und die Angst um Familie und Freunde, die man gerade nicht unmittelbar um sich weiß, sind zermürbend.
Es stimmt, ich müsste nicht hier sein. Warum tue ich mir das an? Wieviel Sinn macht es zu bleiben, wenn meine eigentlich geplanten Projekte und Programme nicht einmal so stattfinden können wie vorgesehen?
Die Antwort ist: Weil mich Gott hierhergestellt hat. Ich fühle mich auf unspektakuläre und doch deutliche Art in diese Arbeit hier berufen. Dabei ist mir klar, dass ich nicht nur in ein neues Land gehe, um ein Projekt abzuarbeiten, sondern dass ich das Leben der Menschen teilen will, unter denen ich lebe. Dazu gehört, dass ich zumindest versuche, die Sprache zu lernen – eine ziemliche Herausforderung mit Anfang 50! Und auch, dass ich bleibe, wenn es ungemütlich wird. [...]
Verschiedene Orte, gleicher Auftrag
In den letzten Jahren habe ich immer mehr verstanden, dass wir als Menschen im Tiefsten nicht zum Tun berufen sind, sondern zum Sein. Projekte sind wichtig, und mein Herz schlägt dafür, dass Menschen in Not Hilfe bekommen. Aber der Krieg erinnert mich daran, dass es immer um einzelne Menschen geht, denen Gott durch mich begegnen möchte. Da, wo ich bin, ist Jesus auch. Er sitzt mit mir im Schutzraum; eben hat er durch mich für Josephine* mit ihrem Gehwagen die schwere Stahltür geöffnet. Jesus fährt mit meinen Kollegen und mir zu Holocaustüberlebenden im Süden des Landes, deren Häuser bei Raketen-Einschlägen beschädigt wurden. Er hört ihnen durch uns zu und nimmt ihnen ein Stück von der Last ab, die sie tragen. [...]
Mein aktuelles Leben in Israel bildet vielleicht einen etwas intensiveren Rahmen, aber der Auftrag ist für uns alle derselbe. Egal, ob für mich als Single in einer Krisenregion oder für meine Freundinnen und Schwägerinnen mit ihren Männern, Kindern und Enkeln im deutschen Alltagsstress einsetze. Es geht darum, Gottes Liebe und seine freundliche Zuwendung widerzuspiegeln. Ich möchte nie unterschätzen, wie wichtig es ist, einfach da zu sein.
* die Namen der genannten Personen wurden verändert.