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Loslassen

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Die Kinder waren erwachsen. Das Nest war leer. Es wurde Zeit, das Haus zu verkaufen, in dem wir als Familie 27 Jahre lang gewohnt hatten. Doch mein Herz wollte nicht loslassen …

Unser Haus war das einzige Zuhause, das unsere Kinder je gekannt hatten. Jeder Winkel steckte voller kostbarer Erinnerungen. Viele Büsche und Bäume im Garten hatte ich selbst gepflanzt. In den Kornfeldern hinter dem Haus hatten unsere Kinder Verstecken gespielt. Sie hatten die Hunde über den Rasen gejagt, am Lagerfeuer Würstchen gegrillt, vor der Scheune Fußball gespielt, Äpfel und Pflaumen gepflückt und die Ziegen auf die Weide gebracht.
Doch nun waren unsere Kinder erwachsen und wohnten weit weg. Warum also hielt ich immer noch an diesem Haus fest, das viel zu groß für mich war? Solange ich dieses Haus behalte, kommen meine Kinder gerne nach Hause, so meine Gedanken. Und vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für meine Ehe. Wenn ich unser Haus verkaufe, bedeutet das, dass unsere Ehe endgültig gescheitert ist. Das wäre so, als würde ich den Sarg zunageln und einen Traum begraben, der unwiederbringlich gestorben ist.

Abschied nehmen

Zwei Jahre lang überlegte ich hin und her: Sollte ich das Haus verkaufen oder nicht? Schließlich gab ich ein Inserat in der Zeitung auf und stellte ein Schild in den Vorgarten: „Zu verkaufen“.
Während ich Interessenten Haus und Grundstück zeigte, erinnerte ich mein Herz an das, was mein Kopf schon wusste: Gott hatte uns dieses Haus gegeben, als die Kinder klein waren. Nun war es an der Zeit, diesen Segen an andere weiterzugeben – vorzugsweise an ein junges Paar mit kleinen Kindern.
Wenn ein potenzieller Käufer gegangen war, rief ich oft nach meinem Hund. Zusammen machten wir dann einen Spaziergang die Straße hinunter an den Fluss. Jedes Haus, an dem wir vorbeikamen, weckte Erinnerungen an freundliche Nachbarn in mir. Ich dachte daran, wie Michael jedes Frühjahr meinen Garten umgegraben hatte. Als ich ihn bezahlen wollte, meinte er nur: „Wofür sind Nachbarn denn da?“ Als unser Rasenmäher kaputtging, hatte Johannes unseren Rasen gemäht. Maria, die in dem alten Haus mit dem rauchenden Schornstein wohnte, hatte mir frisches Gemüse aus ihrem Garten gebracht. Auf der anderen Straßenseite stand das neue Haus von Richard. Mir wurde warm ums Herz, als ich an jenen bitterkalten Wintermorgen dachte, an dem ich nach draußen kam und entdeckte, dass jemand meine Einfahrt bereits vom Schnee freigeräumt hatte. All das hatten meine Nachbarn für mich getan, ohne dass sie Geld dafür verlangt hätten. Würde ich jemals wieder so gute Nachbarn finden?

Meine Wunschliste

Doch die Zeit war reif für eine Veränderung. Es war einfach nicht sinnvoll, ganz allein in einem so großen Haus auf dem Land zu leben. Es war an der Zeit, mir ein kleineres Zuhause in der Stadt zu suchen.
Die Größe dieser Aufgabe überwältigte mich. Allein schon der Blick auf die Immobilienanzeigen löste Panik in mir aus. Ich schaffte es kaum, mich für ein Paar Schuhe zu entscheiden – wie sollte ich mir jemals sicher sein, das richtige Haus gefunden zu haben?
„Machen Sie eine Liste mit allem, was Sie sich wünschen“, riet mir der Immobilienmakler. „Dann gehen wir auf die Suche.“
„Herr, du weißt, was das Beste für mich ist“, betete ich. „Bitte gib mir eine innere Gewissheit, wenn ich das richtige Haus gefunden habe.“
Nachdem wir einige Wochen lang gesucht hatten, stießen wir auf ein kleines Haus in der Stadt, das genau meinen Vorstellungen entsprach.
Ich kaufte es und zog um.

Bis ins Detail für mich vorbereitet

Wenig später besuchten mich meine Freunde aus der Kirchengemeinde, um mein neues Zuhause zu bewundern. Wir waren uns einig: Dieses Haus war wirklich ein Geschenk von Gott. „Die Anrichte passt so gut in diese Ecke, als wäre sie genau dafür angefertigt worden“, stellte meine Freundin fest. „Und dein Eichen-Küchentisch passt perfekt zu der Einbauküche aus Eiche.“ Ich betrachtete die warme, honigfarbene Oberfläche der Küchenmöbel und staunte. Unfassbar, welche Details Gott im Blick gehabt hatte, als er mich zu diesem Haus führte! Jeden Punkt auf meiner Liste hatte er erfüllt, bis dahin, dass die Farben passten! Dazu hatte das Haus noch einige angenehme Extras, die ich gar nicht aufgeschrieben hatte.
Trotzdem vermisste ich unser Haus, in dem wir viele Jahre lang als Familie gelebt hatten. Oft machte ich eine kleine Spritztour aufs Land, um glückliche Erinnerungen aufleben zu lassen. Dann fuhr ich langsam an dem vertrauten Haus vorbei und dachte an die schöne Zeit, die wir hier verbracht hatten. Ich fand es tröstlich, dass nun eine andere Familie mit kleinen Kindern das Vorrecht hatte, hier zu wohnen.
Als ich meine neuen Nachbarn kennenlernte, begann ich mich in der Stadt mehr zu Hause zu fühlen. Meine Ausflüge zu unserem alten Haus wurden seltener und hörten schließlich ganz auf. Die Zeit war gekommen, die Trauer hinter mir zu lassen. Denn ein Verlust ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.
Übrigens, ich bereite mich gerade auf einen Besuch von meinen Kindern vor. Sie mögen mein neues Haus auch!

Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2015.

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