Weihnachten

auf der Autobahn

Smiling,Diverse,Couple,Holding,Christmas,Presents,While,Walking,Through,A

Kürzlich waren wir bei einem befreundeten Paar zum Pasta-Essen eingeladen. Es war ein richtig gemütlicher Abend. Irgendwann fragte unser Freund, wie wir denn Weihnachten feiern würden und wir erzählten von unseren Weihnachtsfestlichkeiten. Was mich störte, war das Gefühl zu haben, für unseren sehr bewussten Umgang mit dem Fest belächelt zu werden. Das traf einen wunden Punkt in mir.

Weihnachten in der Herkunftsfamilie

Natürlich war da eine Leerstelle im Gespräch, es fehlte der Kontext. Unser guter Freund konnte nicht wissen, wie viel Stress die Feiertage in der Vergangenheit für uns mit sich gebracht haben. Es gab zwei Ebenen, die uns bei dem Thema Weihnachten forderten – eine geistliche und eine zwischenmenschliche. In unseren beiden Herkunftsfamilien fehlte uns ein Fest, das wirklich Tiefe hatte und das tatsächlich Jesu Geburt und Liebe feierte. Ich fühlte mich als Teenager am Weihnachtsabend immer ein wenig allein, da nur ich für mich allein Jesus still im Herzen feierte. Und bei meinem Mann wurde Weihnachten seit der Trennung seiner Eltern immer von einem seltsamen Früher-waren-alle-zusammen-Gefühl überschattet.

Dann gab es da noch die zwischenmenschliche Ebene als weiteren Schmerzpunkt. Wenn die Feiertage vor der Tür stehen, werden meinem Mann und mir sowohl die Komplexität unseres Familiensystems, als auch unser alter Schmerz wieder neu bewusst: Unsere Eltern sind jeweils getrennt. Alle leben in neuen Ehen oder Partnerschaften und wohnen an verschiedenen Orten in ganz Deutschland. Das bedeutet, dass wir in unserer Feiertagsgestaltung gedanklich vier Parteien berücksichtigen müssen, da nicht alle miteinander in einem Raum feiern würden. An unterschiedlichen Orten innerhalb von nur wenigen Urlaubstagen zu sein, ist ebenfalls ziemlich stressig. Wir navigieren uns durch vier Familienwelten, was eine besondere gedankliche, zeitliche und emotionale Leistung erfordert.

Was mir bei diesem Pasta-Essen schmerzlich bewusst wurde, war das Gefühl der Wehmut. Unser Freund hat Geschwister, die an Gott glauben und Ehepartner haben, die mit Gott unterwegs sind. Über Generationen hinweg lebt seine Familie bereits in der Nachfolge von Jesus. Der Glaube ist Tradition und Identität zugleich. Das ist ein Erbe, das unser Freund mit seiner Familie fortführen darf, indem er zum Beispiel wertvolle Traditionen an sein Kind weitergibt.

Als wir uns als Paar gefunden hatten, entstand in uns der Wunsch, Weihnachten anders zu feiern, als wir es erlebt hatten. Wir wollten uns bemühen, ein neues Familienfest mit eigenen und bewussten Traditionen aufzubauen. Denn auch in der Familie unseres Freundes hat irgendwann in irgendeiner Generation eine Familie gestartet, Gott in den Mittelpunkt zu stellen. Sicher, zum einen ist es ein großes Privileg, gemeinsam Familientraditionen zu gestalten und ihnen eine – vielleicht neue – Bedeutung zu schenken. Zum anderen haben wir aber auch eine Verantwortung gegenüber der kommenden Generation. Es ist wichtig, dass wir Traditionen, die tiefe und identitätsstiftende Werte vermitteln, bereits jetzt vorbereiten, damit wir in der Zukunft etwas Gutes aussäen können.

Im Strudel der Erwartungen

Die Erwartungshaltungen an uns, wo wir wann und wie lange über die Feiertage zu sein haben, hat uns in der Vergangenheit jedes Jahr überfordert und wir mussten einen Umgang damit finden. Vor ungefähr sechs Jahren noch gab es Weihnachtsfeste, an denen ich mich regelrecht zerrissen gefühlt habe, vermischt mit Schuldgefühlen. Unsere Seelen waren erschöpft, wenn wir die vielen langen Reisen antraten. Gefühlt fand Weihnachten auf der Autobahn statt. Nicht selten flossen bei mir auf den Rückfahrten Tränen, weil mir neu bewusst wurde, wie zerstückelt unsere Familien sind. Daher suchten mein Mann und ich nach einer anderen Lösung, bei der wir nicht jedes Jahr von den verschiedenen Eindrücken völlig überflutet und erschöpft werden.

Ich würde gern schreiben, dass wir mittlerweile alles geordnet und im Griff haben, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Es ist nach wie vor eine Herausforderung. Doch mit jedem Jahr lernen wir dazu. Es geht um den Spagat, unseren Familien gegenüber Verbindung auszudrücken und gleichzeitig Grenzen zu setzen. Welche Erwartung wollen und können wir erfüllen? Wie können wir uns gut abgrenzen? In welchen Bereichen möchten wir an uns denken und gut für uns sorgen? Das alles zu berücksichtigen bedeutet, sich jedes Mal wieder Gefühlen zu stellen, neu zu planen, gemeinsam zu überlegen, zu kommunizieren, auszuhandeln und dann zu entscheiden. Doch mit jedem Jahr kommen uns neue kreative Ideen, wie wir die Weihnachtszeit gut gestalten könnten, zum Beispiel, indem wir alle zu uns einzuladen und somit etwas mehr Gestaltungsspielraum haben.

Den Gestaltungsraum nutzen

Für den Heiligabend – oder je nach Schichtdienst meines Mannes einen anderen Abend in den Weihnachtsfeiertagen – haben wir inzwischen eine feste Lösung gefunden. Dieser Abend ist zu einer sehr bedeutsamen Zeit für uns beide geworden. Uns ist eines klar: Wir zwei sind auch ohne Kinder eine kleine Familie. Am Altar haben wir diese Familienneugründung besiegelt. Deshalb wussten wir irgendwann: Den Heiligabend feiern wir fortan zu zweit.

Ich muss ehrlich sagen: Das zu entscheiden und dann zu kommunizieren, war alles andere als leicht. Wir wussten: Wenn wir diese Grenze setzen, wird das bei anderen Schmerz auslösen. Diesen Schmerz nicht abzuwerten und dem Gegenüber zuzugestehen, aber gleichzeitig sanft und klar bei dem eigenen Wunsch zu bleiben, war ein Drahtseilakt. Grenzen zu setzen und Verbindung zu halten, ist wirklich eine Kür. Doch mittlerweile, wo allen klar ist, dass es dabei keineswegs um eine persönliche Ablehnung geht, sondern um die eigene Autonomie als Paar, erleben wir nicht nur ganz viel Verständnis und Wohlwollen, sondern auch Flexibilität und Zuvorkommen.

Erst durch Grenzen entstehen Räume. Diese Räume können wir nun befüllen. Und so nutzen wir unseren neu gewonnenen Gestaltungsraum. Wir haben inzwischen eigene Traditionen entwickelt. Dazu gehört, dass ich David an Weihnachten immer ein Gedicht schreibe und er mir einen Brief. Wir gehen gemeinsam in den Gottesdienst und freuen uns, dass wir das für uns entscheiden können. Wir genießen es, die Wochen vorher durch Rezeptebücher zu stöbern, und an Weihnachten trauen wir uns an ein Festmahl heran. Abends waschen wir uns gegenseitig die Füße, lesen den Bibeltext dazu (Johannes 13,3–11) und denken beim Vorlesen der Weihnachtgeschichte daran, wofür Jesus eigentlich auf die Erde gekommen ist, nämlich um seinen Liebsten zu dienen. Und natürlich beschenken wir uns und freuen uns über unseren Weihnachtsbaum. So gehen wir Jahr für Jahr kleine Schritte und entwickeln als junge und kleine Familie unsere eigenen, selbstbestimmten Weihnachtstraditionen, zu denen wir hoffentlich eines Tages eine neue Generation einladen dürfen, die dann mit ihren Ideen mitgestalten darf.

Was unsere Familienzusammenkünfte angeht, haben wir immer wieder aktiv kommuniziert und mit allen Familienmitgliedern kreative Lösungen gefunden. So müssen wir nicht mehr innerhalb weniger Tage in verschiede Städte quer durch Deutschland fahren. In einem Jahr haben wir uns beispielsweise in einem tollen Restaurant bei uns in Hannover getroffen. Ein anderes Mal haben wir einen Teil der Familie zu uns eingeladen und bekocht. In einem anderen Jahr war wiederum der andere Teil der Familie bei uns zu einen Waffelessen eingeladen. Um die enge Termindichte zu entzerren, haben wir mit einigen erst im neuen Jahr nachgefeiert.

Anders als bei unserem Freund gibt es bei uns keine Generationenlinie, die schon vor uns Jesus ins Zentrum gestellt hat und dessen Erbe und Rituale wir weitertragen können. Wir müssen diese Segenslinie beginnen und neu ziehen. Das bedeutet Verantwortung, ist aber auch eine Ehre und ein großes Vertrauen, das Gott uns da schenkt. Wer selbst auch eine Zerrissenheit zwischen eigenen Wünschen und Erwartungen anderer spürt, dem möchte ich Mut machen, seinen eigenen Weg zu finden. Und wer bereits christliche Traditionen lebt, darf immer wieder neu entdecken, welche Schätze darin liegen und sich gleichzeitig frei fühlen, sie zu hinterfragen und eigene Traditionen als Paar oder Familie gestalten.

Mittlerweile kann ich die Frage „Was macht ihr an Weihnachten?“ voller Freude beantworten. Aus tiefsten Herzen kann ich heute aufatmen und sagen: „Weihnachten ist endlich einfach schön!“

FOTO: Shutterstock

Der komplette Artikel findet sich in der Lydia 04/24. Die Lydia kann als Abo oder als Einzelheft erworben werden.

"Danke" an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin „Danke!“ mit einem Kommentar.

Artikel teilen?

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

> Kommentieren

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Die größere Geschichte entdecken
Nicola Vollkommer ist Bestsellerautorin und gefragte Referentin. In einem Interview erzählt sie, warum sie die Beschäftigung mit der Bibel glücklich macht.
> weiterlesen
Novemberblues
An einem trüben Novembertag fühlt Christine Schlagner sich deprimiert von den schweren Schicksalen anderer Menschen. Bis ihr die Worte ihrer Tante einfallen.
> weiterlesen