Désirée möchte dazu ermutigen, vor anderen Menschen und vor Gott ehrlich zu werden - auch mit und in unserem Schmerz.
"Heile" machen
Meine kleine Tochter steckt gerade mitten in der Autonomiephase. Das bedeutet: Schon Kleinigkeiten genügen, um große Emotionen auszulösen, die zu viel für ihr kleines Herz sind.
„Heile machen“ ist momentan einer ihrer Lieblingsaufträge an mich – bei jedem noch so winzigen Rempler. Konkret heißt das, dass ich ihr auf die „unheile“ Stelle einen Kuss gebe und dann kurz bete: „Danke, lieber Gott, dass du es wieder heile machst!“
Manchmal erwischte ich mich ehrlich gesagt schon bei dem ängstlichen Gedanken, was es mit ihrem zarten Kinderglauben machen würde, wenn sie zum ersten Mal realisiert, dass die Verletzung danach immer noch da ist.
Komischerweise gab es diesen Moment jedoch noch nie. Manchmal braucht es lediglich einen zweiten oder dritten Kuss und dann folgt das süßeste „Jetzt wieder gut“.
An diesem Abend war dem aber nicht so. Und das, obwohl nicht mal sie selbst ein „Aua“ hatte. Aber irgendwas tat wohl in ihrer kleinen Seele weh. So rief sie schluchzend: „Mama, trööösten!“
Sich trösten lassen
Es hat mich tief berührt, wie sich dieser kleine Mensch förmlich in meine Arme schmiss und unverblümt ganz genau sagen und einfordern konnte, was er nun wirklich brauchte: Trost.
Vielleicht auch deshalb, weil ich erst ein paar Tage vorher neu darüber nachgedacht hatte, was es eigentlich bedeutet, dass Gott sich selbst in seinem Wort als „Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“ (2. Korinther 1,3) vorstellt und sein Heiliger Geist auch „der Tröster“ genannt wird (Johannes 14,26). Und weil ich mir eingestehen musste, wie schwer es mir selbst fällt, mich trösten zu lassen, geschweige denn Trost so aktiv einzufordern.
Zwar gebe ich viel von mir preis, trage mein Innerstes offen und durch Texte und Vorträge teils sogar öffentlich nach außen, aber eben meistens erst im Nachhinein. Wenn ich ehrlich bin, fällt es mir selbst bei meinen engsten Herzensmenschen schwer, mich ihnen zuzumuten, wenn die Sache noch akut ist. Ich rufe selten mitten in einem Heulkrampf an, will mich erst wieder zusammenreißen, sortieren – kurz: zumutbar werden. Und vielleicht steckt dahinter auch noch ein Rest Scham, mich so zu zeigen – buchstäblich „Rotz und Wasser heulend“. Außerdem sind wir nie so verletzlich wie dann, wenn wir nichts dringender bräuchten als Trost.
Der Gott allen Trostes
Ich glaube, ich darf von meiner Tochter lernen, mich anderen zuzumuten. Denn wenn wir immer nur andere trösten, aber uns selbst nie wirklich im tiefsten Inneren trösten lassen, kann aus fehlendem Trost Trotz werden. Er kann dort entstehen, wo wir den eigenen Schmerz zurückhalten und es selbst bei Gott und unseren engsten Vertrauten nicht wagen, unsere Schwäche zu zeigen. So habe ich mich schon mal bei der etwas trotzigen Frage ertappt: „Ich bin für alle da, aber wer tröstet mich?“ Dabei weiß ich, dass es Menschen gibt, bei denen ich weinen dürfte – ohne Scham, ohne Zurückhaltung. Die Frage ist eher, ob ich dazu bereit bin. Ob ich es wirklich wage, mich ihnen zuzumuten und dann auch echten Trost zu empfangen – von meinen Liebsten, aber mehr noch von Gott, dem „Tröster“ schlechthin.
Es ist ein Ausdruck größten Vertrauens, sich jemandem so zu zeigen, und gleichzeitig größten Zutrauens, wenn ich von diesem Jemand Trost „einfordere“. Denn das tue ich nur, wenn ich mir sicher bin, dass er auch dazu in der Lage ist. Und als Mama, die viel Trost spendet, durfte ich erkennen, dass das für die tröstende Person auch gar keine Zumutung ist. Es ist vielmehr ein Geschenk, wenn man Tränen trocknen und im Arm halten darf, bis irgendwann wieder ein zwar noch verweintes, aber doch zuversichtliches kleines Lächeln auf dem Gesicht des geliebten Kindes erscheint. So ähnlich muss es auch Gott gehen, wenn er sagt: Er will uns trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet (vgl. Jesaja 66,13).
Deshalb glaube ich, wir können das mütterlich tröstende Herz Gottes nicht mehr berühren, als wenn wir uns in dem Moment, in dem etwas in uns dringend „wieder heile werden“ soll, ohne fromme Floskeln und falsche Scheu einfach schluchzend in Gottes Arme werfen und rufen: „Papa, trösten!“ Und der Gott allen Trostes wird nichts lieber tun als das.
FOTO: Deborah Pulverich
Das komplette Interview findet sich in der Lydia 03/25. Die Lydia kann als Abo oder als Einzelheft erworben werden.