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Den eigenen Garten bewässern

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„Wenn das Gras auf der anderen Seite grüner ist, fang an, dein eigenes Gras zu bewässern.“ Dieser Satz, den ich in den sozialen Medien las, katapultierte uns auf eine Abenteuerreise in unserem Eheleben.

Jahrelang kannte ich den Satz: „Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner.“ Die Aufforderung „Fang an, dein eigenes Gras zu bewässern“ traf mich mit voller Wucht. Warum? Weil so viele vergleichende Gedanken Teil meines Lebens waren.
Warum haben andere Ehepaare ein Kind und wir ein weiteres Kind im Himmel?
Warum haben andere noch lebende Eltern und bei mir sind jetzt auch die Schwiegereltern gestorben?
Warum haben andere einen starken Familienzusammenhalt und unsere Familie ist geografisch so zerstreut?
Warum gibt es bei anderen scheinbar nur Sonnentage, während wir uns durch ein Trauertal nach dem anderen kämpfen?

Die Falle des Vergleichens

Die biblischen Sünden Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit werden manchmal als Wurzelsünden bezeichnet, da sie eine Grundgefährdung für uns darstellen. Aus einer giftigen Wurzel kann nichts Gesundes wachsen. Aus einem giftigen Gedanken entstehen weitere giftige Gedanken. Wenn ich also mit einem Vergleich anfange („Warum hat die, was ich nicht habe?“), befinde ich mich schnell in einem Kreislauf des Vergleichens.
Wie können giftige Wurzeln gesund werden? Ich habe einen Lösungsansatz im letzten Kapitel des Johannesevangeliums gefunden. Jesus kündigt Petrus an, dass er einmal als Märtyrer sterben würde (Johannes 21,19). Direkt nach dieser Schreckensnachricht fügt er schlicht hinzu: „Folge mir nach.“
Puh, was für eine Antwort nach einer unschönen Botschaft!
Wie reagiert Petrus auf diese Worte? Er schlittert in vergleichende Gedanken: Er fragt sich nämlich, wie wohl der Tod von Johannes aussehen würde. Wird es ihm besser ergehen? Oder vielleicht noch schlechter? Petrus war offensichtlich stark in dieses Gedankenkarussell verstrickt, denn er platzt mit der Frage heraus: „Was wird denn aus ihm?“ (Johannes 21,21). Jesus antwortet: „Wenn ich will, dass er solange lebt, bis ich wiederkomme, was geht es dich an? Folge du mir nach“ (Johannes 21,22).
Ich stelle mir vor, dass dieser Satz Petrus genauso ins Gesicht getroffen hat, wie mich der Satz, dass wir das eigene Gras bewässern sollen. Denn die Kernaussage ist dieselbe: „Vergleiche dich nicht mit anderen, sondern kümmere dich um dein eigenes Leben.“

Ehrlich und authentisch

Was für ein wertvoller Weckruf – für alle Menschen, aber auch für uns als Ehepaar! Wie oft denken Paare, dass andere Ehen besser, gesegneter, liebevoller, attraktiver und sexuell erfüllender seien!
Mein Mann Rainer und ich sind seit über zehn Jahren in der Paarberatung tätig und können bestätigen, was meine Oma immer so formuliert hat: „Unter jedem Dach ein Ach!“ Sobald wir wissen, dass es unter jedem Dach ein Ach oder sogar viele Achs gibt, fühlen wir uns nicht mehr allein. Schade, dass wir oft eine Fassade aufsetzen. Warum können wir nicht authentisch sein und uns gegenseitig helfen? Rainer und ich trainieren Authentizität seit Jahren. Wenn uns jemand fragt, wie es uns geht, sind wir ehrlich. Das Wort „gut“ haben wir kurzerhand aus unserem Familienvokabular gestrichen. Es gibt so viele präzisere Gefühlswörter.
Letzte Woche hat mich zum Beispiel jemand aus unserer Kirche gefragt, wie es mir ginge. Ich sagte: „Ich fühle mich gerade sehr ausgelaugt, müde und auch immer wieder traurig.“ Mein Gegenüber wirkte überrascht und meinte: „Das erlebe ich selten, dass jemand so ehrlich ist.“ Ich fragte die Person daraufhin, wie es ihr ginge, und durfte von der kürzlichen Trennung erfahren. Ehrlichkeit bewirkt oft, dass andere ebenfalls ehrlich sind.

Die Kraft der Verbundenheit

Als Ehepaar haben wir eine besondere Stärke, die wir nutzen können: die Verbundenheit. In Prediger 4,9–11 lesen wir, dass wir es zu zweit leichter haben: „Zwei haben es besser als einer allein, denn zusammen können sie mehr erreichen. Stürzt einer von ihnen, dann hilft der andere ihm wieder auf die Beine. Doch wie schlecht steht es um den, der alleine ist, wenn er hinfällt! Niemand ist da, der ihm wieder aufhilft! Wenn zwei in der Kälte zusammenliegen, wärmt einer den anderen, doch wie soll einer allein warm werden?“
Rainer und ich haben anstrengende Monate hinter uns, da wir mit der Hilfe von Handwerkern und vielen helfenden Händen fast drei Monate lang ein Haus renoviert und den damit verbundenen Umzug hinter uns gebracht haben. Wir spüren, wie viel Kraft uns das gekostet hat und wie sehr wir Ruhe brauchen, um einander nicht unfair zu behandeln oder gegenseitig zu nerven. Mal braucht Rainer eine Auszeit, die ich ihm gönne, und mal wünsche ich mir, morgens länger liegen zu bleiben, und dann versorgt er die Kinder mit einem guten Start in den Tag. Nicht immer gelingt es uns, aufeinander achtzugeben und angemessen auf den anderen einzugehen. Auch bei uns gibt es immer wieder ein Ach unterm Dach. Dennoch erlebe ich unser Zweiergespann als Erleichterung, da wir uns gegenseitig aufhelfen und unterstützen können.

Ausrichtung des Herzens

Jesu Worte rütteln mich wach: „Was geht es dich an?“ Was gehen mich andere Ehepaare an? Das Vergleichen bringt Gift in mein eigenes Beziehungsleben. Wenn ich immer wieder vergleichende Gedanken pflege, statt bei mir selbst anzufangen und das eigene Gras zu bewässern, kann ich keine gesunden Früchte in meiner Ehe erwarten. Das erinnert mich an die Definition von Wahnsinn, die Albert Einstein zugeschrieben wird: „Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
„Folge du mir nach“ (Johannes 21,22). Diese Worte lösen viel bei mir aus: Es geht nicht um die anderen. Es geht um mich und um uns als Ehepaar mit Jesus im Zentrum. Wie kann ich eine Jesus-ähnlichere Ehefrau werden? Wie kann mein Mann ein Jesus-ähnlicherer Ehemann werden? Wie kann ich meine Liebe gegenüber meinem Partner zum Ausdruck bringen, auch wenn er mich enttäuscht hat und ich wütend bin? Ihm Gutes zu tun, wenn alles rundläuft, ist einfach. Aber ihn bedingungslos zu lieben in Worten und Taten, das bedeutet: „Ich folge dir nach, Jesus.“ Wenn wir so leben, werden Nachbarn, Kollegen und Freunde es bemerken, auch die, die nicht mit Gott unterwegs sind, und vielleicht werden sie Fragen stellen und wir können ihnen von unserem Glauben erzählen. Was wäre das für eine wunderbare Frucht als Ehepaar!
 

Kerstin und Rainer Knaack sind Ehementoren und Gründer des gemeinnützigen Vereins „Relate Works e. V.“, der Workshops, Seminare, Trainings und Mentoring für Singles, Paare und Familien anbietet (www.RelateWorks.de). Im Privaten bewässert Kerstin am liebsten gar nichts. Sie liebt einen schönen Garten, aber das Bewässern übernehmen andere Familienmitglieder. So hat sie umso mehr Zeit, ihren Ehegarten zu bewässern. Dieser Artikel erschien in Lydia 1/2022.

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