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Als Paare voneinander

lernen

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Sie sind über sechzig Jahre verheiratet. Morgens im Bett lesen sie gemeinsam die Bibel. Jedes Mal, wenn wir uns über den Weg laufen, versichern sie mir, dass sie im Gebet an mich denken. Wenn sie sich ein Glas Wasser einschenken, dann dem anderen immer zuerst. Täglich gehen sie spazieren und halten sich dabei fest an den Händen.

Diese Geschichte mag wie ein Kinofilm klingen, doch es handelt sich um die Ehe meiner Nachbarn, die beide schon über achtzig Jahre alt sind. Sie wohnen im Erdgeschoss in dem Gebäude, in dem meine Mutter und ich früher wohnten. Sie hatten nicht viel Geld und zogen ihre drei Kinder in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung groß. Nie habe ich gehört, dass sie sich darüber beschweren. Als Teenie bin ich zu ihnen hinuntergegangen zum Saft-Trinken, Stricken, Kekse-Essen oder Herz-Ausschütten. Sie sind wie Ersatzgroßeltern für mich.

Nun wohne ich seit vielen Jahren nicht mehr in Hamburg, sondern mit meinem Mann in Hannover. Als wir uns kennenlernten, stand ein Kaffeetrinken bei diesem wunderbaren Ehepaar an. Ich kann mich genau daran erinnern, wie mein Mann nach dem Treffen ins Auto stieg und sagte: „So ein erfülltes Leben möchte ich in dem Alter auch haben.“

Als junges Paar auf langjährige Ehen zu schauen, macht hoffnungsvoll und dankbar. Dieses Paar ist zufrieden mit seinem Leben, und das ohne großen Wohlstand. Sie haben Gott und einander, und ihre Herzen sind voll.

Mitten im Konfliktfeld

In meinem Elternhaus erlebte ich die zerrüttete Ehe meiner Eltern. Streit, Hass, Wut und Bitterkeit, die dem anderen nicht vergeben wollte, waren Alltagsprogramm. Als Teenie habe ich mich zerrissen gefühlt im Konfliktfeld meiner Eltern. Auf wessen Seite sollte ich mich schlagen? Wer sagte die Wahrheit? Wie konnte ich meine Eltern trösten?

Mit Anfang zwanzig wurde mir klar, dass ich nichts damit zu tun hatte und nicht für meine Eltern da sein musste. Nun war es möglich, mich abzugrenzen. Doch nur weil ich beschloss, dass das nicht meine Angelegenheit war, hieß das noch lange nicht, dass meine Eltern diese Grenze akzeptierten. Es folgte eine jahrelange Befreiungsaktion, heraus aus der brodelnden Konfliktküche meiner Eltern.

Aufeinander zugehen, das Gespräch suchen, Konflikte klären, nach Frieden streben und die Bereitschaft haben, an sich zu arbeiten – all das habe ich in meinem Elternhaus nicht erlebt. Doch mit zwölf Jahren fand ich zum Glauben an Jesus, und damit begann eine spannende Reise. Gott zeigte mir in der Gemeinde andere Ehen und Familien. Er sorgte schon damals für mich und meine heutige Ehe, indem er mir neue Vorbilder schenkte. Ich erlebte, wie die Eltern meiner Freunde sich auch nach zwanzig Ehejahren liebevoll begrüßten. Ich hörte von Paaren, die bereit waren, bei Herausforderungen in die Beratung zu gehen. Ich lernte Paare kennen, die für- und miteinander beteten und sich Zeiten im Terminkalender freihielten, um sich trotz des Alltagstrubels zu verabreden. So schenkte Gott mir sein Bild von Ehe.

Zu erfahren, dass jedes Paar mindestens eine oder mehrere Krisen durchlebt hatte, und wie sie immer wieder neu aufeinander zugegangen waren, hat uns tief berührt und ermutigt.

Von Vorbildern lernen

Als mein Mann David und ich uns verlobten, beschäftigte uns nicht nur die Frage, wie wir ein schönes Fest auf die Beine stellen konnten, sondern auch, wie wir uns gut auf diesen neuen Lebensabschnittvorbereiten konnten. Wir wussten, dass uns keiner vorgelebt hatte, wie wir eine glückliche Ehe führen könnten. Auch die Eltern meines Mannes sind nicht mehr verheiratet. Wir waren zwar frisch verliebt, aber uns war bewusst, dass auch Dopamin und Adrenalin im Blut nach einer Weile abgebaut werden. Und so suchten wir uns bewusst Lernorte.

Immer wieder staune ich, wie Menschen, die eine Fremdsprache lernen, manchmal sogar besser darin werden als Muttersprachler. Doch egal, mit wie vielen Regelwerken, Unterrichtsstunden und Hausaufgaben die Fremdsprache trainiert wird, nichts wird mehr empfohlen als die Auslandserfahrung. Sich zu umgeben mit Menschen, die die Sprache im Alltag sprechen, hat den stärksten und nachhaltigsten Lerneffekt für die weitere Nutzung der Fremdsprache.

Die Sprache einer gesunden Ehe

Dieses Bild lässt sich übertragen, wenn wir gute Umgangsformen für unsere Ehe entdecken wollen. Uns war klar: Wir müssen Zeit mit Paaren verbringen, die die „Sprache“ einer gesunden Ehe sprechen. Daher verbrachten wir Zeit mit meinen älteren Nachbarn und quetschten sie über ihr gemeinsames Leben aus. Wir hielten auch die Augen offen: Von wem konnten wir etwas lernen? Wer hatte uns noch positiv geprägt? Wir erstellten eine Liste mit Paaren, die uns inspirierten. Dann entwickelten wir eine Strategie: Wir erstellten eine Liste mit Fragen, die wir den Paaren stellen wollten. So entstand ein Interviewformat, das wir bis heute weiterführen. Folgende Fragen stellten wir den Paaren:

Wie war euer erstes Ehejahr?
Wie zeigt ihr euch aktiv eure Liebe?
Was war euer größter Konflikt?
Welche Rituale habt ihr?
Welche Erfahrungswerte könnt ihr zum Thema Sex weitergeben?
Was ist euer bester Tipp, um eine lange Ehe zu führen?

Wir gingen auf die Paare zu und fragten sie, ob sie Lust hätten, mit uns einen gemütlichen Abend zu verbringen und wir ihnen vorab einige Fragen schicken könnten. Die Gespräche hallten bei uns oft lange nach. Zu hören, welche Hindernisse die Paare überwunden hatten; zu erfahren, dass jedes Paar mindestens eine oder mehrere Krisen durchlebt hatte, und wie sie immer wieder neu aufeinander zugegangen waren, hat uns tief berührt und ermutigt. Wir erhielten wertvolle Impulse und kamen über eigene Werte, Wünsche und Träume ins Gespräch.

Doch nicht nur wir hatten einen Mehrwert von diesen Abenden. Auch die Paare berichteten, dass die Fragen für sie eine gemeinsame Reflexion ihrer Paarbiografien gewesen seien und sie diese als verbindend erlebt hätten.

Einander ermutigen

Das gemeinsame Reflektieren und der Gewinn, den wir aus den Gesprächen mit den Paaren zogen, begeisterten meinen Mann und mich. Inzwischen haben wir uns als Paarberater ausbilden lassen und viele Ehen und Partnerschaften begleitet. Dabei haben wir erlebt, wie wir Paare unterstützen konnten, ihre Beziehungsdynamiken transparent zu machen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, Gefühle zu benennen und neue Wege einzuschlagen.

Das Alter war dabei nebensächlich. Deshalb bin ich überzeugt: Ob im Rahmen einer Paarberatung, eines Eheworkshops, eines Kaffeetrinkens oder Mittagsessens sollten Paare in den Austausch kommen, ihre Nöte teilen und ihre Erfolge gemeinsam zelebrieren. Sie sollten gemeinsam unterwegs sein. Aber vor allem können sie einander Stütze und Ermutigung sein, indem sie sich nahbar machen und einen Raum für Gespräche schaffen.

Ira Schneider ist Ende zwanzig und arbeitet als psychologische Beraterin in einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet sie Paarberatungen an.
E-Mail: Euer-Paarcoaching@web.de

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