Kontakt & Service

Warum Israel wichtig ist

für unseren Glauben

Ansicht von Jerusalem

Israel ist regelmäßig in den Nachrichten – und oft sind es Meldungen über Kämpfe und Auseinandersetzungen. Vieles ist für europäische Christen schwer zu verstehen. In diesem Jahr feiert der Staat Israel sein 75-jähriges Bestehen. Warum es für Christen hilfreich ist, sich mit Israel zu beschäftigen erklärt der Theologe Tobias Krämer im Interview. Er ist Leiter des Arbeitsbereichs Theologie und Gemeinde bei der Organisation „Christen an der Seite Israels“.

Herr Krämer, warum ist es hilfreich, wenn Christen sich mit Israel beschäftigen?

Meistens ist es so: Wenn wir zum Glauben an Jesus gefunden haben, betrachten wir alles auf unserer individuellen Ebene. Aber wenn man bei Jesus andockt, taucht man ein in diese große Geschichte, die vor uns angefangen hat und nach uns weitergeht: die sogenannte Heilsgeschichte. Wir sind quasi Quereinsteiger. Die Geschichte fängt bei Abraham an, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat, der zu Israel hinführt und über Israel zu Jesus. Jesus, der Messias, ist Teil der Heilsgeschichte. Er wird am Ende der Tage wiederkommen und das Reich Gottes in der Vollendung aufrichten. Er wird Israel wiederherstellen und die Welt in Ordnung bringen. Das ist dieser große Bogen.

Darin spielt Israel eine riesengroße Rolle. Es geht beim Glauben also nicht nur um meine persönliche Geschichte: ich und mein Jesus.

Sie haben geschrieben: Wenn man sich mit der Heilsgeschichte beschäftigt, bekommt der Glaube neue Impulse und die unsichtbare Wand, die zwischen uns und den Juden steht, wird eingerissen. Wie meinen Sie das?

Ich erlebe es oft, dass Leute sagen, sie können eigentlich mit Israel nichts anfangen. Da gibt es eine Beziehungslosigkeit und auch eine gewisse Ratlosigkeit. Das hat kirchengeschichtliche Gründe. Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 wurden die Wurzeln zu Israel offiziell gekappt. Damals haben die Bischöfe beschlossen, dass wir den Hintergrund aus dem Judentum nicht brauchen. So entstand das Christentum als eigenständige und vom Judentum losgelöste Religion, als Lehre.

Dazu kommt, dass das Alte Testament bei vielen im Verdacht steht, veraltet und irrelevant zu sein. Das überblättert man großzügig. Das führt dazu, dass ein Großteil der Christen seit 1700 Jahren ohne Bezug zu Israel durchs Leben läuft. Natürlich gibt es auch Ausnahmen.

Verstehe ich Israel also besser, wenn ich das Alte Testament lese?

Ja, weil wir dadurch erst den Heilsplan Gottes verstehen. Wenn wir nur das Neue Testament lesen, fehlt uns der Hintergrund.

Foto Tobias Krämer

Vieles im Alten Testament ist schwer zu verstehen. Was kann beim Lesen helfen?

Das Alte Testament spielt in einer fernen Zeit, vor etwa zweitausendfünfhundert bis viertausend Jahren. Da hilft es bereits, sich mit dieser Zeit ein wenig auseinanderzusetzen. Mit Hilfe eines einfachen Bibellexikons kann man schon eine Menge erreichen. Noch wichtiger aber ist es, unseren Anspruch zu relativieren. Christen lesen die Bibel häufig mit der Perspektive, dass Gott zu ihnen reden will. Das ist im Grundsatz ja auch in Ordnung, doch das Alte Testament ist primär an Israel gerichtet. Wenn man das Alte Testament so liest – als Reden Gottes an sein Volk Israel in ferner Zeit –, versteht man es besser. Natürlich darf man im Nachgang dann fragen, was Gott dadurch zu uns heute oder gar zu mir persönlich sagen möchte. Und wenn einen durch den Heiligen Geist ein Wort direkt „anspringt“, nimmt man es direkt so, wie es kommt – daran ändert sich nichts.

In der Bibel steht oft „das Volk Israel“ oder „die Israeliten“. Nun leben aber mehrere Volksgruppen im Staat Israel. Das ist verwirrend. Wer ist konkret gemeint mit „Volk Israel“?

Da würde ich ganz simpel antworten: Israel steht für die Nachkommenschaft Abrahams, Isaaks und Jakobs. In der Bibel stellt Gott sich selbst vor: „Der Gott eurer Vorfahren, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn das ist mein Name für alle Zeiten. Alle kommenden Generationen sollen mich so nennen“ (2. Mose 3,15)

Jakob ist im Kampf mit dem Engel von Gott in Israel umbenannt worden (siehe 1. Mose 32,29). Da kommt laut der Bibel der Name Israel her. Deswegen hat dieses Volk diesen Namen. Erstaunlich ist, dass die Juden in der weltweiten Zerstreuung ihre Identität behalten haben und Gott sie nun wieder sammeln kann. Das ist historisch gesehen ein einzigartiger Vorgang.

Welche Rolle spielen dabei die Palästinenser, die ja auch in Israel leben?

Das Land Israel, also Palästina, gehörte bis 1917 zum Osmanischen Reich und war somit muslimisch, doch hat dort auch nach der Zerstörung durch die Römer im ersten und zweiten Jahrhundert immer eine jüdische Minderheit gelebt. Die Muslime, die dort lebten, gehörten zur großen Familie der Araber.

Palästinenser als eigenes „Volk“ mit einer eigenen Identität gibt es erst seit 1964. Da hat Arafat die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) gegründet und machte jene Araber zu „Palästinensern“. Arafat wollte ganz Palästina „befreien“ und den Staat Israel wieder von der Landkarte streichen. Die Hamas will das bis heute, das kann man in ihrer Charta nachlesen.

Viele Palästinenser leiden unter der Situation und den Einschränkungen. Sie sind nicht politisch unterwegs, sondern wollen einfach normal leben. Das Problem sind die gewaltbereiten Muslime, die Islamisten, und die haben aktuell das Ruder in der Hand. Solange die politische Situation sich nicht ändert, bleibt das ein riesiges Spannungsfeld für die palästinensische Bevölkerung. Besonders die palästinensischen Christen sind momentan in einer schwierigen Situation.

Das Kommen Jesu ist laut der Bibel verbunden mit positiven Aussichten: Er wird die Welt wieder in Ordnung bringen, es wird keine Sünde und kein Leid mehr geben. Das ist eine hoffnungsvolle Perspektive!

Welche Bedeutung hat das Wiederkommen Jesu für die Juden?

In der Apostelgeschichte heißt es: „Gott hat Jesus aus eurer Mitte zu sich in den Himmel genommen; aber eines Tages wird er genauso zurückkehren, wie ihr ihn gerade habt gehen sehen“ (Apostelgeschichte 1,11). Daher gehen die messianischen, an Jesus glaubenden Juden davon aus, dass Jesus in Jerusalem wiederkommen wird.

Die meisten Juden glauben nicht an Jesus, die frommen glauben aber an den Messias. Mit seinem Kommen verbinden sie große Hoffnungen: Sie sehen ihn als König der Juden, der das Reich Gottes bringt, Israel befreit und wiederherstellt. Ein Jude verbindet damit positive Gefühle. Man hat Sehnsucht nach dem Messias.

Können wir etwas von den Juden lernen?

Auf jeden Fall. Viele Christen verknüpfen das Wiederkommen Jesu mit negativen Dingen, mit Katastrophen und Gerichten. In der Folge verdrängen wir das Thema, weil wir negative Gefühle und teilweise auch Ängste haben. Daran sieht man, dass wir den Kern der Sache nicht verstanden haben.

Das Kommen Jesu ist laut der Bibel verbunden mit positiven Aussichten: Er wird die Welt wieder in Ordnung bringen, es wird keine Sünde und kein Leid mehr geben, der Teufel wird aus dem Verkehr gezogen und der Tod überwunden. Das ist eine hoffnungsvolle Perspektive!

Weniger als dreißig Prozent der Juden bezeichnen sich als gläubig. Ein kleiner Prozentsatz sind die ultra-orthodoxen Juden, die streng die jüdischen Gesetze einhalten. Nur ganz wenige Juden glauben an Jesus.

Die Situation ist ähnlich wie in Deutschland. Es gibt in Deutschland entschiedene Christen, die einen lebendigen Glauben haben, aber auch viele Christen, die sagen: „Ich glaube irgendwie an Gott, aber ich muss nicht unbedingt in den Gottesdienst gehen.“ Und es gibt diejenigen, die sich nicht als Christen bezeichnen, aber Kirche irgendwie gut finden, weil sie eine wichtige soziale Arbeit macht. Eine ähnliche Bandbreite gibt es in Israel. Aber das Judentum bedeutet einem säkularen Juden doch mehr, weil es zur Identität gehört. Deshalb wird ein Grundbestand jüdischer Traditionen von allen eingehalten.

Ich finde, wenn man mit der Bibel in der Hand durch Israel reist, wird das Land und auch die Bibel lebendig. Das hat eine eigene Dynamik, die man kaum beschreiben kann. Viele sagen, dass sie nach einer Israelreise das Neue Testament anders lesen und zum Alten Testament plötzlich Zugang haben. Empfehlen würde ich eine gut geführte Reise eines christlichen Reiseanbieters. Sich alles selbst zu erarbeiten, ist kaum möglich.

Das Interview führte Ellen Nieswiodek-Martin. Es erschien in Lydia 3/2023.
Aktuelle Nachrichten zur Lage im Land finden Sie auf der Webseite von Christen an der Seite Israels.

Foto: Naemi Frey

"Danke" an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin „Danke!“ mit einem Kommentar.

Artikel teilen?

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

> Kommentieren

2 Antworten

  1. Vielen lieben Dank für die Inspiration. Ich habe jetzt wieder eine andere Ansicht auf das ALTE TESTAMENT bekommen. Nach meinem Nahtod Erlebnis habe ich eine AUFGABE ZU ERFÜLLEN.... Diese werde ich als Christin voller Freude jeden Tag jede Stunde erfüllen.
    Gott sei mit seinem Volk Israel im Glauben tief verbunden
    ❤️ lichst
    Ihre Monika Schweizer-Schmitt

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Der Segen des Honigs
Susanne und Markus Müller haben ihre Lebensaufgabe gesucht - und die Bienen gefunden.
> weiterlesen
Sehnsucht nach erfülltem Leben
Isabella Wild immer auf der Suche. Nach der richtigen Arbeit, nach Ruhe, nach Liebe.
> weiterlesen