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Verwegen beten

Es ist einer der ersten heißen Tage in diesem Jahr. Wir sitzen im Schatten der Bäume und feiern den Geburtstag der kleinen Tochter einer Freundin. Die Kinder toben über den Spielplatz und wir Erwachsene freuen uns an leckerem Erdbeerkuchen und Kaffee. Unsere Gespräche fließen langsam, wie goldener Honig in der Sonne, von einem Thema zum nächsten. Es geht um Wohnungskauf, Schulwechsel, Behandlung von Zeckenbissen, Urlaubspläne und günstigere Gottesdienstzeiten. Irgendwann landen wir bei den Geschichten, die wir gestern auf dem Open-Doors-Tag – der jährlichen Konferenz für verfolgte Christen – gehört haben …

Wir reden über Pastor Mohammad, einem ehemaligen Imam und Hisbollah-Kämpfer, dem Jesus sichtbar begegnet ist. Wir erzählen davon, wie sehr uns die ägyptische Christin beeindruckt hat, die ein Attentat in ihrer Kirche nur ganz knapp überlebte. Ihr entstelltes Gesicht leuchtete auf, als sie davon berichtete, wie Jesus ihr bisher bei jeder Operation erschienen ist. Und auf Nachfrage wie sie über den Attentäter und seine Komplizen denkt, sagte sie schlicht: „Ich habe ihnen vergeben.“ Am Ende ihres Berichts, nachdem wir für ihre nächsten anstehenden Gesichtsoperationen gebetet haben, bekommt diese kleine tapfere Frau Standing Ovations. Es ist ein unglaublich berührender Moment. Während ich applaudiere, bekomme ich eine leise Ahnung davon, wie es sein wird, wenn meine verfolgten Geschwister im Himmel ankommen. Auf der Konferenz sollte auch Pastor Schah aus Pakistan sprechen. Doch er musste wegen Todesdrohungen fliehen und mit seiner Familie untertauchen. In einem Telefonat bat er um Gebet für seine sechszehnjährige Tochter, die entführt wurde, um mit einem Muslim zwangsverheiratet zu werden.

„Vergesst uns nicht!“
Tränen steigen in die Augen der Freundin, die mir am Kaffeetisch gegenübersitzt und unseren Geschichten lauscht. Mein Achtjähriger kommt dazu, verschwitzt vom Toben, und verlangt nach einem Glas Wasser. Auch er war gestern dabei, zusammen mit den zwei kleinen Kindern der Freunde. Die erzählen uns, dass ihre Vierjährige gestern Abend darauf bestanden hat, für die Kinder zu beten, die heute ohne ihre Eltern ins Bett gehen, weil diese wegen ihres Glaubens an Jesus im Gefängnis sind. Die Kinder haben im Kinderprogramm davon erfahren. Auch mein Sohn hat gestern Abend seine kleine Gebetsroutine verlassen und zuerst für die verfolgten Christen gebetet – vor seiner üblichen flehenden Bitte, dass er hoffentlich alle Hausaufgaben gemacht hat. Ich versuche, bisher eher erfolglos, ihm zu vermitteln, dass er zu Letzterem einen großen Teil selbst beitragen kann. „Beten ist auch wichtig“, sagt er. Und erinnert mich damit an den wichtigen Teil, den ich beitragen kann. Immer wieder wurden wir gestern von unseren verfolgten Geschwistern gebeten: „Bitte vergesst uns nicht! Betet mit uns! Betet nicht, dass die Verfolgung aufhört, sondern dass wir mutig Zeugen sein können!“
Dieses Dranbleiben am Gebet fällt mir ziemlich schwer. Manchmal packt mich auch der Fatalismus und ich denke mir: Was kann mein kleines Gebet schon bewirken? Aber wie sagte es Bruder Andrew, der Gründer von „Open Doors“, einmal: „Nichts bringt Satan so sehr zum Zittern wie ein Christ, der die Macht des Gebets kennt.“

Um Großes bitten
Gott hat uns viele Zusagen gegeben, wenn wir nach seinem Willen beten. Wie mutig könnten wir uns darauf berufen, wenn wir mit ihm reden! Wir dürfen uns einmischen und Teil des großen Rettungsplans Gottes werden!
Damit will ich die kleinen Dinge, die wir zu Gott bringen, nicht abwerten. Auch das ist wichtig! Es zeigt unser Zutrauen in seine väterliche Liebe. Ihn kümmert, was uns kümmert. Gott ist mitten in den kleinen Alltagsgeschichten zu finden. Ich schmecke seine Güte im Erdbeerkuchen, erfahre seine Hilfe beim anstehenden Umzug und wenn ich meinem Sohn bei den Hausaufgaben helfe (und ausnahmsweise nicht beim dritten Erklärungsversuch die Geduld verliere). Aber ich glaube, Gott würde uns so gern noch ein bisschen mehr von sich zeigen! Mir gefällt das Beispiel von Bruder Andrew in seinem Buch „Da änderte Gott seine Absichten … weil sein Volk zu beten wagte“: „Gesetzt der Fall, der Präsident der Vereinigten Staaten würde Sie ins Weiße Haus einladen und Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen versprechen – bäten Sie ihn dann um eine neue Küchenmaschine oder schritten Sie nicht vielmehr zu ganz anderen Dimensionen?“

Abenteuer erwarten
Meine Gebete gehen ziemlich oft Richtung Küchenmaschine. Aber ich will mich auf das Abenteuer einlassen, Gott mit meinen Bitten nicht zu unterschätzen. Also bete ich (neben der „Küchenmaschine“) für Befreiung der versklavten Mädchen in Nigeria. Ich bete darum, dass die Folterknechte in den Straflagern Nordkoreas gestoppt werden und sie Jesus in den gefangenen Christen erkennen. Ich bete, dass Gott traumatisierte Kinderherzen in Somalia heilt und dass Kindersoldaten von Jesu Liebe überwältigt werden. Und ich wünsche mir, dass unsere Kinder, neben der Bitte um erfolgreich erledigte Hausaufgaben und all den anderen kleinen Dingen, die sie zu Gott bringen, auch die gewagten Gebete lernen. Sie können mit ihren kleinen Abendgebeten Engel aussenden, die Mauern einreißen, Gefängnistüren öffnen und Licht an die dunkelsten Orte der Welt bringen. Wir wollen zusammen auch mal ganz groß denken und Gott bitten, dass sich Systeme ändern, Diktaturen fallen und Herrscher vor Jesus auf die Knie gehen. Unser Gott kann das!
Kurz nach dem Berliner Mauerfall und der Öffnung Osteuropas besuchte ich eine befreundete Familie in Amerika. Der Vater erzählte mir Folgendes: „Ich versuche meinen Kindern seit Kurzem beizubringen, die Welt in den Blick zu bekommen. Neulich habe ich ihnen vom Eisernen Vorhang erzählt und von den Christen, die im Ostblock verfolgt werden. Seither beten sie dafür, dass Gott dort eingreift. Sie waren nun gar nicht überrascht, als die Mauer in Berlin gefallen ist. Schließlich hatten sie ja dafür gebetet! Jetzt fragen sie schon ganz aufgeregt, für was wir als Nächstes beten wollen.“
Ihre erwartungsvolle Frage erinnert mich an den Vers in Römer 8,15: „Dieses Auferstehungsleben, das ihr von Gott erhalten habt, ist kein zaghaftes Leben, in dem man alte Gräber pflegt. Es ist ein abenteuerlich erwartungsvolles ‚Was kommt als Nächstes, Papa?‘ in Gottes Richtung“ (The Message, freie Übersetzung der Autorin).

Ich wünsche mir, dass Gott unsere gemütlichen Kaffeerunden immer wieder mit Geschichten sprengt, die so viel größer sind als unsere eigenen. Ich will ein bisschen verwegener beten, zusammen mit meinem kleinen Sohn. Und wer weiß, vielleicht können wir bei unserem nächsten Kaffeetrinken nicht nur von unserem gelungenen Umzug berichten, sondern auch davon, dass Pastor Schahs Tochter wieder nach Hause gekommen ist, dass in Nordkorea ein paar Arbeitslager eingestürzt sind und dass die Operation unserer Schwester aus Ägypten erfolgreich war? Und dann genießen wir zusammen das letzte Stück Erdbeerkuchen und fragen erwartungsvoll: „Was kommt als Nächstes, Papa?“

Christina Schöffler ist Bloggerin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart. Dieser Artikel erschien in LYDIA 3/2019.

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1 Kommentar

Danke für den Artikel.

Es erinnert mich an ein Lied von Könige und Priester :

#Danke Deutschland 30

Auf ihrer Homepage gibt es ein einzigartiges Video dazu.

Jutta Müller
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