Schon als Kind möchte Claudia Scheller Missionarin werden. Dieser Traum hat sich auf ungewöhnliche Weise erfüllt. Als Gründerin eines Onlineshops für christlichen Schmuck ermutigt sie andere Menschen mit individuellen Anfertigungen.
Eine metallene Wendeltreppe an der Außenseite des Hauses führt hinauf zu Claudia Schellers Wohnung. Eine Frau mit hellbraunen langen Haaren öffnet mir die Tür. Ihr rechter Arm steckt in einem dicken weißen Verband. „Die Katze wollte nicht zum Tierarzt“, erklärt Claudia. „Sie hat mir den Arm zerkratzt, in den Daumen gebissen und für einen einwöchigen Krankenhausaufenthalt gesorgt.“ Mein erster Eindruck: das Unfallrisiko als Goldschmiedin scheint nicht so hoch wie der Besitz von Katzen mit Tierarzt-Trauma.
Claudia geht den Wohnungsflur entlang, der zu ihrer Werkstatt führt und setzt sich an einen runden Holztisch. Sie trägt eine weiße Bluse und Socken mit kleinen Herzchen darauf. Neben dem Tisch hat es sich ihr Kater Milo gemütlich gemacht.
Claudia ist Goldschmiedin und Gründerin der herrlichkeiten, einem Onlineshop für christlichen Schmuck, der dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Doch der Weg bis hin zu ihrer Selbstständigkeit war kein geradliniger Weg.
„An mir kommst du nicht vorbei.“
„In meiner Familie wurde nicht gebetet. Ich besaß weder eine Kinderbibel, noch besuchte ich den Kindergottesdienst der örtlichen Kirchengemeinde. Trotzdem wusste ich immer, dass es einen Gott gibt, der einen Blick auf mich hat.“ Aus Tradition besuchte Claudia den Konfirmationsunterricht und blieb in der Kirche. Hauptsächlich, weil es dort gute Angebote für Jugendliche gab. Doch obwohl sie sich in der Jugendarbeit einbrachte, den Konfirmandenunterricht mitleitete und den Menschen von Jesus erzählte, tat sie sich mit der Person Jesu schwer. „Ich habe gelernt, nach mir selbst zu schauen und für mich zu sorgen. Wenn ich das tue, weiß ich, wie die Dinge laufen. Ich dachte, ich brauche niemanden, der kommt und sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ In ihrem Herzen spürte Claudia eine tiefe Sehnsucht nach Gott dem Vater. Doch sie schien nie eine wirkliche Verbindung zu ihm herstellen zu können, denn zwischen ihr und Gott befand sich Jesus. Für sie ein Typ, der zu sagen schien: „An mir kommst du nicht vorbei. Entweder mit mir oder gar nicht.“ Sie erzählt: „Ich hatte keinen Bock mehr auf Jesus und wollte auch nichts mehr von ihm lesen. Deshalb band ich das Neue Testament in meiner Bibel zu, damit es ja nicht mehr aufklappte.“
„Ich habe keine Zeit.“
Doch mit der Zeit spürte Claudia, dass sie nicht von Jesus erzählen und ihn selbst nicht annehmen kann. Das passte für sie nicht zusammen. Und so entschied sie sich, Jesus eine Chance zu geben. Doch statt sich nun bewusst mit ihm auseinanderzusetzen, fand sie Ausreden. Die häufigste Ausrede: Ich habe keine Zeit. „Ich bin in dieser Zeit oft vor Jesus weggelaufen. Bis er mir eines Abends persönlich begegnete.“
Claudia lag an diesem Abend bereits im Bett. In der Nacht fand die Zeitumstellung statt und sie würde eine Stunde länger schlafen können. Einem Gefühl folgend fing sie an, mit Jesus zu sprechen. In diesem Moment hörte sie eine innere Stimme, die zu ihr sagte: „Ich habe dir heute eine Stunde mehr geschenkt. Diese Stunde soll dazu dienen, dich für mich zu entscheiden.“ Claudia konnte nicht anders. Sie gab ihr Leben Jesus.
"Ich bin vor Jesus weggelaufen. Bis er mir eines Abends persönlich begegnete."
„Es brauchte einen Plan B.“
Für die Zeit nach dem Abitur hatte Claudia einen konkreten Plan: Sie wollte ins Ausland. In die Mission. Doch die Bedingung für einen Missionseinsatz war eine abgeschlossene Berufsausbildung. Also brauchte sie einen Plan B. Der Berufstest im Informationszentrum schlug ihr den Beruf der Goldschmiedin vor. Jedoch war es schwierig, einen Ausbildungsplatz in diesem Bereich zu finden. Dann öffnete sich unerwartet eine Tür: Ein Goldschmied meldete sich bei ihrer Schule und fragte, ob jemand Interesse an einem Ausbildungsplatz hätte. [...]
Sie erzählt, wie sie mit Gott zusammen die Ausbildung gemeistert hat. Diese war nicht immer einfach. Ihr Chef war cholerisch. Manchmal hatte er Ausraster. „Aber immer, wenn es nicht so gut lief und ich im Keller saß und geheult habe, habe ich zu Gott gesagt: Ich bin nur wegen dir hier. Jetzt hilf mir bitte weiter.“ Und Gott half ihr. Am Ende der Ausbildungszeit schloss sie als Beste ihres Jahrgangs ab und begann, in einer Goldschmiede in Heidelberg zu arbeiten. [...]
Gold – ein schmutziges Geschäft
„Ich arbeitete in einem Laden im gehobenen Preissegment. Für viele Kundinnen, die bei uns einkauften, war Schmuck ein Statussymbol. Manche Schmuckstücke kosteten 10.000 Euro. Dazu kam, dass die Gewinnung von Gold oft ein schmutziges Geschäft ist und in vielen Ländern mit sehr niedrigen Löhnen und Kinderarbeit einhergeht.“ Claudia haderte. Mit der Sinnhaftigkeit ihres Jobs. Damit, wie sie in ihrem Beruf ihre Werte leben kann. Sie verließ die Schmuckbranche und begann zu kellnern und in verschiedenen Bürojobs zu arbeiten. Mit ihrem Beruf als Goldschmiedin hatte sie innerlich abgeschlossen. Doch dann musste sich eine gute Freundin einer Operation unterziehen. Sie wollte ihr etwas Besonderes schenken und fertigte ihr einen Ring mit der Botschaft „Jesus ist bei dir“ an. Er sollte ihre Freundin daran erinnern, dass Gott auch in Herausforderungen nahe ist.
Im Rückblick war dieser Ring der Beginn der herrlichkeiten. Ihre Freunde staunten über das Schmuckstück und ermutigten sie, einen Onlineshop zu eröffnen. Nach einigem Zögern machte Claudia sich nebenberuflich selbstständig. Als ihr erster Auftrag kam, brach sie vor Freude in Tränen aus.

„Der Herr ist mein Gott“
Diesen Satz schlug sie Buchstabe für Buchstabe in einen Silbertaler. Ihr erster Auftrag kam von einem Mann, der einen Kettenanhänger bestellte. Zwei Stunden braucht sie für ein solches Stück, wenn sie es einzeln anfertigt.
Mit der Zeit begann sie, Gussformen für diejenigen Schmuckstücke anzufertigen, die häufiger bestellt werden. Bei etwa 1000 Grad werden die Edelmetalle Silber und Gold erhitzt und dann in eine Form gegossen, wo sie aushärten. Claudia ist es wichtig, vor allem recycelte Materialien zu verwenden, um dem schmutzigen Geschäft der Goldgewinnung entgegenzuwirken. Dafür befindet sich unter ihrem Werktisch ein ausgespanntes Tuch. Hier fallen beim Feilen und Sägen die Reste der Materialien hinein. Regelmäßig nimmt Claudia einen Magnet und trennt die abgebrochenen Sägeblätter von dem Edelmetallabfall, um diesen einmal im Jahr zur Scheideanstalt zu schicken. Dort werden die Materialien zu einem großen Klumpen geschmolzen. Mithilfe einer Stichprobe wird errechnet, wieviel Silber, Gold und Palladium darin enthalten ist. Diesen Materialwert bekommt Claudia dann gutgeschrieben. Aus den wieder aufbereiteten Metallabfällen und weiterem Recyclingmaterial entstehen dann neue Schmuckstücke. [...]
Claudia möchte mit ihren Schmuckstücken auf Gott hinweisen und Schönheit erschaffen. „Vor 20 Jahren gab es im christlichen Bereich noch nicht so ästhetische Dinge“, findet Claudia. „Dabei liebt Gott Schönes. Das Erste, was er machte, war die Schöpfung. Ihm sind Schönheit und Ästhetik wichtig. Dann muss uns das auch wichtig sein. In der Schönheit kann ich Gott wiederfinden.“ Claudias Augen strahlen, während sie erzählt. Doch sie möchte nicht nur Schönes erschaffen, sondern auch Menschen ermutigen und sie auf Gott hinweisen. „Ich möchte Menschen durch die Schmuckstücke etwas geben, das sie an ihre Identität in Gott erinnert.“

Von Gott gehalten
„Die herrlichkeiten: Das ist mein Herz und meine Berufung“, sagt sie, „Kreativität und Seelsorge zugleich.“ Claudia fertigt auf Bestellung an. Jedes Stück, das sie verkauft, ist individuell und hat seine eigene Geschichte. Häufig vertrauen ihr die Kundinnen und Kunden die Geschichte hinter einem Schmuckstück an. Manchmal sind die Geschichten schön. Berührend. Manchmal auch traurig. Dabei entwickelt sie zusammen mit den jeweiligen Personen, wie das Produkt am Ende aussehen soll. Ihr Anspruch: Der Schmuck soll das Erlebte der Personen widerspiegeln.
Ein Erlebnis hat sie besonders berührt: Ein Pater aus einem Kloster schrieb sie an und bestellte einen Ring. Er sollte ausdrücken, dass er in Gottes Hand gehalten ist und trotzdem die Freiheit hat, sich darin zu bewegen. Der Ring sollte eine Erinnerung daran sein, dass er nicht allein ist. Dass er sich in Gottes Liebe entfalten und auch Fehler machen darf. „Das hat mich so beeindruckt, weil man ja oft denkt, dass Ordensleute in ihrem Glauben gefestigt sind.“ Claudia entwarf für ihn einen schlichten Ring in konkaver Form. Rundherum verlief ein Band als Symbol dafür, dass er von Gott gehalten wird.
Als Jugendliche wollte Claudia Scheller Missionarin werden. Heute hat sich ihr Traum erfüllt. Zwar nicht im Ausland, dafür aber an all den Orten, an die sie ihren Schmuck schickt. Sie ermutigt Menschen durch die Botschaften auf den Schmuckstücken, begleitet sie zum Teil seelsorgerlich. Ihr Traum hat sich also erfüllt. Nur auf andere Art und Weise, als sie es sich vorgestellt hat.