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Berge und Täler

meines Lebens

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Die schmale Straße schlängelt sich den Berg hinauf, es geht um zahlreiche Kurven, bis man den kleinen Bauernhof von Familie Bircher erreicht hat. Er liegt auf etwa 1300 Metern Höhe im Berner Oberland. Die Hänge hier sind steil, auf den Wiesen weiden Kühe und Ziegen, die Aussicht auf die Berge ist atemberaubend. Hier lebt Jrene Bircher (45) mit ihrer Familie. Im Gespräch mit Lydia erzählt sie von den Herausforderungen und den schönen Seiten des Landlebens.

Jrene, du bist Bergbäuerin. Wie sieht dein Alltag aus?

Zunächst einmal ist da die tägliche Versorgung der Tiere. Die Kühe und Ziegen sind im Sommer für drei Monate oben auf der Alp. Dort wird Alpkäse hergestellt. In dieser Zeit machen wir Heu, das ist das Futter für den Winter. Unsere Kühe beschenken uns mit gesunder Bergmilch; aus dem Rahm wird auf dem Hof Butter hergestellt. Die Hühner liefern täglich frische Eier. Ein kleiner Garten versorgt uns mit frischem Gemüse. Dazu kommt die Landschaftspflege.

Im Frühling muss man auf der Alp die Zäune erstellen, im Herbst muss dann wegen der Lawinen alles wieder weggeräumt werden, außerdem kommen die Geburten. Dieses Wunder mitzuerleben, erfüllt uns immer wieder mit Ehrfurcht und Dankbarkeit. In Spitzenzeiten wie bei der Heuernte kann unser Arbeitsalltag schon mal fünfzehn Stunden betragen. Es ist viel Handarbeit, weil manche Wiesen so steil sind, dass wir dort nur bedingt mit den Maschinen arbeiten können. Im Winter fällt mein Mann im Wald Holz, außerdem haben wir die Stallarbeit und die Fütterung. Das sind so die Prioritäten im Jahreslauf.

Wenn eine Kuh ihr Kalb in der Nacht zur Welt bringt, gehört auch Nachtwache dazu. Die Kälber verkaufen wir, wenn sie ein bestimmtes Gewicht erreicht haben. Einige behalten wir für die Nachzucht.

Die Vielfältigkeit unseres Berufs macht das Leben bunt und spannend, erfordert jedoch höchste Flexibilität. Das Wetter ist nicht planbar, ebenso wenig wie Notfallsituationen mit Menschen, Tieren oder Maschinen. Wir wissen, dass wir völlig von Gott abhängig sind.

Das hört sich nach viel Arbeit an. Wie schafft ihr das?

Die Hilfsbereitschaft unter den Bauern hier oben ist sehr groß. Ist jemand in Not, sind wir füreinander da. Das empfinde ich als großes Privileg. Meine Eltern helfen tatkräftig im Betrieb mit. In den arbeitsintensivsten Zeiten können wir auch auf die Hilfe unserer erwachsenen Söhne zählen. Meine Tante übernimmt gerne die Betreuung unserer fünfjährigen Tochter, wenn ich draußen auf steilen Wiesen mit anpacke, wo es für kleine Kinderfüße zu gefährlich ist. Dass es inmitten dieses engen Zusammenlebens auch zu Generationenkonflikten kommt, versteht sich von selbst.

Schon als Kinder haben wir eine wichtige Lebensweisheit gelernt: Wer ernten will, muss säen. Wir haben unseren Kindern bereits früh kleine Arbeiten anvertraut – ihrem Alter entsprechend. Mitzuhelfen hat sie mit Stolz und Selbstvertrauen erfüllt. Es ist uns wichtig, dass Arbeit mit Freude und Zufriedenheit verbunden ist und nicht als notwendiges Übel betrachtet wird.

Schon als Kinder haben wir eine wichtige Lebensweisheit gelernt: Wer ernten will, muss säen.

Ihr behaltet nicht alle Kälber, sondern verkauft auch einige, die zum Schlachter gehen. Das stelle ich mir schwierig vor.

Den Bogen zwischen Geburt und Tod habe ich schon als Kind erlebt. Ein Kalb wird geboren, und irgendwann wird die Kuh sterben. Manchmal stirbt auch ein Kalb bei der Geburt. Dieses Thema – Leben und Tod – ist beinahe immer gegenwärtig. Das Bewusstsein der Endlichkeit, nicht nur bei den Tieren, sondern auch bei uns Menschen. Wenn ein Tier stirbt, gestehe ich mir zu, zu trauern. Das Trauern ist wichtig. Die Gefühle zuzulassen, anstatt zu sagen: Das ist doch nur ein Kalb. Die Balance zwischen „das Herz härten für das Leben“ und „das Herz weich halten für das Lieben“ ist schwierig, besonders als hochsensibler Mensch.

Wie gehst du mit deiner Hochsensibilität unter diesen Bedingungen um?

Ich erlebe meine Hochsensibilität als Gabe und Last zugleich. Sie erfüllt mein Leben mit unbeschreiblichem Reichtum und großer Freude, aber sie stürzt mich auch immer wieder in tiefe Trauer und Schmerz.

Hier oben herrscht ein raues Klima. Das wirkt sich auch auf uns Menschen aus. Man ist hart im Nehmen. Zwar genieße ich die Ruhe und die wunderschöne Natur, doch die viele Arbeit bringt mich öfter an meine Grenzen. Ich habe keine robuste Gesundheit. Meine Grenzen sind enger gesteckt, als das bei anderen Bäuerinnen der Fall ist. Das Wort „Vergleichen“ musste ich aus meinem Vokabular streichen.

In unserem Tal zählt Leistung. Wer arbeiten kann, wird respektiert. Diese Prägung beeinflusst unser Leben seit Generationen. Der Versuch, den Anspruch zu erfüllen, führte bei mir vor einigen Jahren zu einer Erschöpfungsdepression. Seitdem kann ich nicht mehr die gewünschte Leistung erbringen. Erholung und Pausen sind für mich absolut wichtig.

Schwäche, sei es körperlich oder seelisch, einzugestehen und Arbeiten abzugeben ist eine hohe Lebensschule. Die Gewissheit, dass ich in Gottes Augen unabhängig von meiner Leistung wertvoll bin, entlastet mich sehr. Ich bin zwar nicht immer voller Kraft, aber immer voller Wert! (…)

Text: Ellen Nieswiodek-Martin
Foto: Deborah Pulverich

Das ganze Interview lesen Sie in Lydia 3/2022.

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2 Antworten

  1. Ein wunderbarer Einblick in das Leben der hochsensieblen Bergbäuerin. Diesen Spagat zu leben und sich selbst zu füllen und lieben, seine eigene Begrenzheit wahrzunehmen die zu respektieren und sein Leben dem entsprechend zu führen, ist große Kunst. LIEBE IRENE, lass dir nie deinen Wahren Wert absprechen, du bist ein Juwel.

  2. Liebe Irene
    Von Herzen schliesse ich mich Margaretes Kommentar an.
    Es berührt mich zutiefst, was ich gelesen und gesehen habe.
    Ich bin auch hochsensibel und fühle mich zutiefst verstanden, aber auch ermutigt durch dich und dein Leben und deinen Glauben.
    Wohl als Selbstschutz konnte ich viele Jahre nicht mehr richtig weinen.
    Jetzt flossen die Tränen und lösten vieles in mir.
    Danke von ganzem Herzen!

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