„Und wie war deine Weihnacht so?“, fragte mein Herz meinen Verstand.
„Gut“, antwortete mein Verstand. „Anders als gedacht.“
„Warum?“, wollte mein Herz wissen. „Hat es dir nicht gefallen?“
„Doch, schon“, entgegnete mein Verstand. „Aber es war anders … nicht geplant, nicht erwartungsvoll, sondern entspannt.
Wir haben an Heiligabend kurz nach Mittag festgestellt, dass wir gar nicht wussten, was wir abends zum Weihnachtsessen kochen würden. Eine Stunde später habe ich den Spaziergang zum nachmittäglichen Weihnachtsgottesdienst mit meinem Sohn und ohne Mann und Tochter bei Regen angetreten.
Ich habe Weihnachtslieder auf grauen einsamen Straßen gesungen und vollbepackte Autos durch die Straßen fahren sehen. Alle Reisenden wohl auf dem Weg zu ihren Familien.
Zurück zu Hause entschieden wir uns für Spaghetti Bolognese. Glutenfrei wohlgemerkt. Es konnte nicht untraditioneller sein. Aber es war köstlich.
Und so haben wir am Ende des Tages mit zwei kleinen Kindern und unserem internationalen Musikerbesuch tatsächlich zusammen am Tisch gesessen und Spaghetti Bolognese und Salat gegessen.
Die Kerzen brannten am Adventskranz, der Tannenbaum war geschmückt.
Meine Gedanken waren noch angefüllt vom Krippenspiel am Nachmittag. Musikalisch begleitet durch jene Weihnachtslieder, deren tiefe Bedeutung ich erst jetzt langsam begreife. Der Gottesdienst war für mich eine gefühlsstarke Achterbahnfahrt. Kindheitserinnerungen, wie ich selbst den Engel gespielt und mit meiner damals besten Freundin Johanna das „Gloria in excelsis Deo“ gesungen habe, sind mir in den Sinn gekommen und haben mich zutiefst bewegt.
Da mein Sohn dabei war, habe ich versucht, jene schnell wieder herunterzuschlucken, denn, so dachte ich, wer will schon an Weihnachten so emotional in der Kirche sitzen? Das wäre doch nun wahrlich unpassend.
Wie gut, dass die Fragen meines Sohnes mich immer wieder abgelenkt haben. Ich habe mich stattdessen mit der Tiefe meiner Beziehung zu Jesus beschäftigt. Für meinen Sohn war die Geburt Jesu weitaus weniger beeindruckend als dieser nackte Jesus, der da am Kreuz hing. Immer wieder wollte er wissen, warum Jesus nun gestorben ist und ob er das wirklich auch gewollt hat. Meine Antworten haben meinem evangelistischen Herz Raum gegeben. Nur Gott allein weiß, wo das Gespräch zwischen meinem Sohn und mir hinführt, aber es hat uns in ein tieferes Verständnis der wahrhaftigen Liebe unseres Retters gebracht.“
„Und“, fragte mein Herz, nachdem es meiner Geschichte gefolgt war, „was war das Highlight deines Abends?“
„Wir hatten eine besondere Zeit – jeder Moment ein Highlight“, antwortete mein Verstand. „Untraditionelles Essen und doch mit Tiefgang für unsere eigene Familie.“
„Vielleicht“, fügte mein Verstand hinzu, „wird es ab jetzt jedes Jahr Spaghetti Bolognese geben. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie entspannt dieses Weihnachtsfest war. Vorher hatte ich den Anspruch, das alles perfekt sein muss, doch als es soweit war, war dieses Gefühl wie weggeblasen. Es gab nur das Nötigste. Und das war in diesem Moment genau das, was dem Fest seine wahre Schönheit verliehen hat. Mit Spaghetti Bolognese und der wohl bedeutsamsten Einfachheit entfachten wir also das Feuer einer neuen Tradition.“
„Und so kam es“, schloss mein Verstand, „dass wir am späten Abend tatsächlich vergessen haben, dass wir tags zuvor per Post Geschenke bekommen hatten.
Und aus der Spontanität dieses Heiligabends heraus entschieden wir uns, die Bescherung auf den Morgen des 25.12. zu legen. Zu guter Letzt verknüpften wir damit nicht nur internationale Traditionen, sondern vielmehr auch unseren Anspruch der Vorfreude auf die leuchtenden Kinderaugen, wenn wir morgens geweckt werden, weil das Christkind plötzlich trotz Schneemangel doch noch gekommen ist und Geschenke gebracht hat. Es war anders“, sagte mein Verstand.
Und mein Herz nickt. „Ja, das war es.“
„Es war das schönste Weihnachten, das ich jemals erlebt habe. Anders, anspruchslos und authentisch. Ich kann es nicht erwarten, unsere Tradition weiter auszubauen“, sagte mein Verstand. „Denn zumindest beim nächsten Weihnachtsfest in Deutschland werde ich schon jetzt wissen, was auf meinem Menüplan steht. Denn Spaghetti Bolognese ist doch mal etwas Neues.“
„Zumindest an Heiligabend“, lacht mein Herz.
2 Antworten
Liebe Frau Tembo,
vielen Dank für das Teilen dieser Geschichte. Ich fand mich darin total wieder, denn ich hätte genauso entspannt reagiert, wenn kurzfristig eine oder mehrere sonst übliche Traditionen gebrochen werden.
So nach dem Motto: Es geht auch anders.
Ich finde es gut, nicht auf biegen und brechen bestimmte Traditionen einhalten zu müssen, sondern eine Situation so annehmen zu können, wie sie nun mal ist und eine entspanntere Lösung zu finden.
Noch dazu, wenn man sich im Nachhinein sogar darüber freuen kann.
Auch macht es keinen Sinn, sich Stunden- oder Tagelang über etwas zu ärgern, was anders gelaufen ist. Aus Ihrer Situation haben Sie doch das Beste gemacht und noch Freude und Entspannung dazu „gewonnen“.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein entspanntes Hinüberkommen ins neue Jahr und weiterhin Gottes Segen auf allen Ihren Wegen.
Heidrun Hemmerling
Liebe Frau Tembo,
Gut gemacht! Gott hat es sicher mit Wohlgefallen gesehen!
Wie haben Sie es nur gemacht, ihrem Sohn
den ‘nackten Jesus am Kreuz zu erklären ?!?!
Im weihnachtlichen Rahmen und in minutenschnelle ?