Montag, 26.01.2026

Ein Falter

am Kirchenfenster

An einem sonnigen Tag saß ich in einer großen Kirche, ließ meinen Blick schweifen und sog die andächtige Atmosphäre in mich auf. Da zog ein Geräusch von dem hohen Buntglasfenster meine Aufmerksamkeit auf sich.

Ein Falter flatterte aufgeregt an einem der Fenster auf und ab. Es war offensichtlich, dass er hinaus wollte. Ich bedauerte, diesem kleinen Wesen nicht den Ausgang zeigen zu können. Viel zu hoch war der Sitz des Fensters, um den Falter zu erreichen und kommunizieren konnte ich auch nicht mit ihm.

Während ich den Falter beobachtete, dachte ich über ihn nach. Er hatte keinen Überblick über den Raum. Diese Fähigkeit war ihm von Gott nicht gegeben worden. Er konnte keine Entfernungen abschätzen, keine Fluchtwege in Ruhe auskundschaften und seine Möglichkeiten abwägen - Dinge, die für uns Menschen selbstverständlich sind. Für diesen Falter war der einzige Hinweis das Licht. In seiner Falter-Logik musste der Ausgang dort sein, wo das Licht herkam. Hinter dem Fenster war der Ort, wo er hinwollte. Es trennten ihn nur die wenigen Zentimeter des Fensterglases.

Ich hingegen sah, wo der kleine Falter hätte hinfliegen müssen, um tatsächlich hinauszukommen. Er hätte sich von der Lichtquelle entfernen, durch das dunkle Kirchenschiff zur anderen Seite fliegen müssen, um dort durch die Tür, die einen kleinen Spalt offenstand, ins Freie zu kommen. Für seine kognitiven Fähigkeiten unmöglich, das zu erkennen. Hätte ich es ihm sagen können, hätte er protestiert und mir erklärt, dass das so gar keinen Sinn ergeben würde: weg vom Licht, durch die Dunkelheit, auf die andere Seite einen langen Weg zu fliegen.

Mir wurde klar, dass der Falter sich so verhält, wie ich es manchmal in geistlicher Hinsicht tue: Um meine Ziele zu erreichen, nutze ich mir bekannte Strategien, setze meine Fähigkeiten ein und folge einer zurechtgelegten Logik. Doch manches Mal komme ich nicht weiter, komme nicht dort an, wo ich hinwollte. Der Weg endet abrupt oder verläuft im Nirgendwo.

Es ergeht mir wie dem Falter, für den der offensichtlichste Ausweg das helle Fenster ist. Sicherlich hat ihm das manches Mal geholfen, wenn das Fenster geöffnet war und er hinaus in die Freiheit fliegen konnte, doch dieses Mal nicht.

Mein Weg, der mir so vertraut und naheliegend erschien, führt nicht immer zum erhofften Ziel. Ich arbeite mich daran ab, drehe mich im Kreis und bleibe erschöpft liegen. Wie der Falter, der mit seinen Flügeln immer wieder an das schöne Buntglasfenster schlägt und versucht, doch noch hinauszukommen.

Mir wird klar, dass ich innehalten und auf Gottes Stimme hören muss, denn er hat den Überblick, er ist allwissend und kennt bereits die Zukunft. Er weiß, wie sich Umstände und Menschen entwickeln, wie Situationen sich verändern und Geschichten ihren Ausgang nehmen werden. Auch wenn mir Gottes Wege manchmal unmöglich, schmerzhaft oder wagemutig erscheinen, erkenne ich voller Demut, dass ich wie der Falter nicht alles verstehen kann und Gott derjenige ist, der Weg zum Ausgang kennt.

Vielleicht muss ich hinabsteigen, vielleicht muss ich die Dunkelheit durchqueren, vielleicht muss ich einen langen Weg auf mich nehmen, vielleicht muss ich die Richtung ändern, vielleicht muss ich einfach Gott vertrauen!

"Danke" an die Autorin

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4 Antworten

  1. Gerade der letzte Abschnitt ist mir so eine Stütze in schweren Zeiten. Er hat alles in der Hand er kennt bereits meinen Weg, wenn ich vor Sorge nicht schlafen kann. Wie gut das er den Ausganng kennt und alles wenden kann. Wie gut das nach der Dunkelheit irgendwann wieder Licht kommt. Danke für diese aufbauenden Worte!

  2. Immer wieder lese ich diese Montagsgedanken gerne. Vielen Dank!
    Beim Lesen des heutigen Impulses kam mir Psalm 23 in den Sinn ... in den ersten Versen steht immer ER und was mich schon länger fasziniert, ab Vers 4 kommt es zum Du - in den schwierigen oder eben dunklen Zeiten zeigt der Schreiber auf, dass die Beziehung persönlicher und eben näher geworden ist. Nie sind wir alleine! Das ERmutigt mich immer wieder!

  3. Danke, liebe Sonja Wegner, für diesen Vergleich, der die verschiedenen Erfahrungsebenen der unterschiedlichen Lebewesen sehr schön verdeutlicht! Ja, wenn wir "schlauen" Menschen doch nur akzeptieren wollten, dass es außerhalb unseres Existenzbereichs noch etwas gibt, was wir mit unserer Logik nicht erfassen oder erklären können, dann würde uns das Gottvertrauen viel einfacher fallen... Wie hatte Jesus dem ungläubigen Thomas geantwortet: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" (Joh.20,29).

  4. Sehr schöne Gedanken! Manchmal kennen wir den Ausweg nicht, aber bei Gott gibt es immer einen Ausweg. Diese Wahrheit durfte ich mehrfach in meinem Leben erfahren. Ich danke Gott für die Momente, in denen ich mich ganz auf seine Führung verlassen musste, denn diese Momente haben mich gelehrt, demütig zu sein und Gott allein die Ehre zu geben.

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