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Montag, 09.07.2018

Sichtachsen

Viele Landschaftsgärten und Parks haben Sichtachsen: Da wurde eine Schneise freigehalten oder freigelegt, um den Blick des Betrachters an einer Achse entlangzuführen und auf ein markantes Ziel zu richten: auf ein Bauwerk oder einen anderen optischen Höhepunkt.
Der Begriff „Sichtachse“ begegnet mir erstmalig bei einer Besichtigung von Sanssouci. Das Schloss und den Park Friedrich des Großen in Potsdam zu besuchen ist beeindruckend. Mir gefällt schon der Name: Sanssouci. Das bedeutet: ohne Sorge. Prima Idee, sein Zuhause so zu nennen! Ich kann seinen Wunsch gut nachvollziehen, einen Ort ohne Sorge für sich haben zu wollen. Staatsgeschäfte, Kriege, Verantwortung … In Sanssouci wollte er Schönes genießen und die Sorgen hinter sich lassen. Die etwa 290 Hektar große Parkanlage regte seine Kreativität an und schenkte ihm Entspannung.
Die Dame, die die Besichtigung leitet, erklärt: „Wenn man vom Schloss Sanssouci aus auf den Park blickt, sieht man die große Fontäne. Und wenn Sie sich bitte jetzt alle einmal herumdrehen und zur anderen Seite schauen: Da haben Sie den Ausblick – wir nennen das eine Sichtachse – zum etwa 500 Meter entfernten Ruinenberg.“
Tatsächlich!, nörgelt der Kunstbanause in mir. Da steht in der Ferne ein Ding, das so tut, als stürze es gleich ein und dessen Dach extra kaputt gebaut wurde. Da muss man erst mal draufkommen. Und dafür noch Geld ausgeben!
Die kundige Dame fährt fort: „Die Ruinen sollten die Vergänglichkeit aller Dinge widerspiegeln.“ Hm, darüber lässt sich nachdenken, sagt der kleine Banause in mir und überlegt: Friedrich der Große wollte hier ohne Sorge leben, aber gleichzeitig seine Vergänglichkeit im Blick behalten. Krasser Gedanke! Obwohl, nicht ganz neu. Schon Mose hat gesagt: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir ein weises Herz bekommen.“ Okay, wenn eine Sichtachse auf eine Ruine dabei hilft, die eigene Vergänglichkeit vor Augen zu haben und darüber nachzudenken, um die richtigen Prioritäten im Leben zu setzen, dann war das Geld für den Ruinenbau doch nicht so schlecht angelegt.
Ich hingegen erkenne meine eigene Vergänglichkeit morgens im Spiegel. Vielleicht ist es also doch wertvoll, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr Falten und Veränderungen dort entdecke. Spart mir eine künstliche Ruine als Gedächtnisstütze.
Meine Gedanken lustwandeln weiter: Landschaftsgärten haben fast immer ein Herzstück, ein markantes Ziel. Ein Gutshaus oder ein Schloss, und daraufhin gibt es meist mehrere Sichtachsen und eine breite Zufahrt.
Wenn eine künstliche Ruine mich daran erinnert, dass ich endlich bin und von „hinnen muss“, so kann mich das sehr deprimieren. Ich möchte deshalb die Sichtachse zum schönen, hellen Vaterhaus Gottes in der Ewigkeit immer wieder in meinen Blick nehmen. Wo es genug Platz gibt und wo es warm und „zuhausig“ ist. Das echte, wahre Sanssouci! Der Ort ohne Sorge, Krieg, Schmerz und Tränen. Wo ein liebender Vater-Gott mich in die Arme schließen wird.

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Eine Antwort

  1. Was für schöne Gedanken! Vor allem die mit den Falten! 😉

    Aber die Wahrheit dahinter hat mich angesprochen: es ist tatsächlich die Erinnerung daran, dass ich vergänglich bin. Warum gibt es bei uns so viele Produkte, die gegen das Altern "helfen" sollen? Weil wir das nicht wahrhaben möchten. Aber gerade das Bewusstsein unserer Vergänglichkeit hilft mir, meinen Blick auf das wirklich Wichtige zu richten!

    Danke für diese Erinnerung! 🙂

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