Nach zwanzig Jahren Missionsdienst in der Slowakei, in dem vertrauten Umfeld bin ich vor einem Jahr zurück nach Deutschland gezogen. Neues Zuhause, neue Arbeit, neue Menschen – und plötzlich war ich nicht mehr „die, die schon immer da war“. Niemand hier kannte meine Geschichte, meine Erfolge oder meine Fehler.
Anfangs fühlte ich mich unsicher. Wer bin ich, wenn mich keiner kennt? Ohne die vertrauten Rollen, ohne die alten Etiketten?
Doch schon nach den ersten Wochen merkte ich etwas Überraschendes: Die Menschen begegneten mir offen und herzlich. Sie sahen in mir Fähigkeiten und Seiten, die ich selbst kaum wahrgenommen hatte – oft mehr, als ich mir jemals zugetraut hätte, und manchmal sogar das Gegenteil dessen, was ich über mich dachte.
Und dann fragte ich mich: Wenn mich Menschen schon so anders und wohlwollender sehen als ich mich selbst – wie sieht mich wohl Jesus? Jesus, der um meine Geschichte, meine Narben und meine Träume weiß. Er, der mich wirklich kennt – mit all meinen Ecken und Brüchen, aber auch mit allem, was er in mich hineingelegt hat. Oft haben wir ein Bild von uns, das geprägt ist von Erfahrungen, Fehlern und vielleicht auch alten Verletzungen. Wir sehen uns durch den Nebel der Vergangenheit. Aber Jesus sieht uns durch die klare Wirklichkeit seiner Liebe. Er sieht nicht nur, was war, sondern wer wir in ihm sind.
Wenn ich mit ihm unterwegs bin, darf ich mich von alten Etiketten lösen – von allen „nicht genug“: „nicht stark genug“, „nicht mutig genug“ oder „nicht geistlich genug“.
Er ruft mich beim Namen, nicht bei meiner Geschichte. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Dieser Vers aus Jesaja 43,1 begleitet mich seitdem immer wieder. Er erinnert mich daran, dass Jesus mich nicht nach meinen Leistungen oder Fehlern beurteilt, sondern mich bei meinem Namen ruft – persönlich, liebevoll, ohne Vorbehalt.
Mein Umzug war wohl nicht nur ein geografischer Wechsel, sondern auch ein geistlicher: ein Aufbruch in ein neues Selbstbild – das Bild, das Jesus längst von mir hat.
Ein Bild, in dem Gnade lauter spricht als Vergangenheit.
Ein Bild, in dem Liebe stärker ist als Angst.
Ein Bild, in dem ich nicht mehr meine alte Geschichte erzähle, sondern seine Geschichte mit mir.
Ein Kommentar
Dieser Artikel von Olga Müller ist mir tief ins Herz gefallen. Auch ich habe zusammen mit meinem Mann, in einem Missionsdienst gearbeitet. Nach 40 Jahren gaben wir die Arbeit ab. Er wurde krank und starb. Für mich gab es ein Umzug. Da begann für mich die Erfahrung von Olga Müller. Fremd. Und immer wieder fragte ich mich: Wer bin ich! Olga, danke für dein Zeugnisse.