Montag, 19.01.2026

Geschlossene

Türen

Es ist ein kalter Winternachmittag, als ich nachdenklich von der Trauerfeier einer Kollegin nach Hause komme. „Nach langer schwerer Krankheit“ und doch auch „plötzlich und unerwartet“ ist diese vor einigen Tagen verstorben.

Ich wollte sie doch in diesem Monat noch mal besuchen, geht es mir durch den Kopf. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich fühle mich schuldig, wenn ich an die verpasste Gelegenheit denke; diese Tür hat sich für immer geschlossen. Der Job, persönliche Termine, Wäscheberge und eigene Befindlichkeiten sind regelmäßig dazwischengekommen.

Gleichzeitig muss ich an den Tod meines Großvaters denken, der vor vielen Jahren an einem Hirntumor verstorben ist. An seinem – was ich damals nicht wusste – letzten Tag wollte ich ihn noch einmal besuchen. Ich hatte bereits meine Jacke angezogen und den Autoschlüssel in der Hand, als das Telefon klingelte: „Opa ist gerade gestorben“, erklang die Stimme meiner Mutter, nachdem ich den Hörer abgenommen hatte.

Noch heute frage ich mich, warum ich an jenem Morgen im Bad getrödelt habe und das Bett unbedingt frisch beziehen musste, bevor ich losgefahren bin. Noch heute habe ich ein schlechtes Gewissen.

Ich erzähle einer Kollegin von diesen beiden „Türen“, die sich für immer geschlossen haben, und von meinen Schuldgefühlen.

Meine Kollegin erinnert mich daran, dass ich auch jetzt noch um Vergebung bitten darf. Dass ich auch jetzt noch meine Schuld ans Kreuz tragen kann.

Diese Gedanken lassen mich nicht los. Ich spüre, dass es Zeit braucht, bis die Schuldgefühle abebben – bis ich wirklich loslassen kann. Aber eines weiß ich: Ich will es in Zukunft anders machen. Ich will mir bewusster Zeit für andere nehmen, innehalten, wenn eine Begegnung möglich ist, und nicht erst zu spät merken, dass sich eine Tür bereits geschlossen hat.

Ich bin noch auf dem Weg, aber ich gehe ihn – Schritt für Schritt.

N.N. (Die Autorin ist der Redaktion bekannt)

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7 Antworten

  1. So etwas habe ich auch erlebt und ewig ein schlechtes Gewissen gehabt. Natürlich habe ich Vergebung empfangen, aber die Traurigkeit über verpasste Gelegenheiten bleibt.
    Habe ich denn daraus gelernt? Mein Verhalten geändert, andere Prioritäten gesetzt? Nein, leider nicht immer, aber ich arbeite daran. Schritt für Schritt

  2. Ich bin immer wieder sehr berührt und dankbar für solche ehrlichen, ungeschminkten Berichte, die keine Erfolge präsentieren. Mich persönlich sprechen solche Artikel sehr an. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Elke

  3. Danke 🙏! Ich bin dankbar, dass Jesus mich auch vor verschlossenen Türen bei verstorbenen Menschen, wo man nicht rechtzeitig angekommen war, immer wieder vergeben darf und kann. Das tut mir und meine Seele gut.

  4. Und es gibt auch das andere: Es war Raum für mich selbst nötig und ich blieb lange weg und dann kam ich doch rechtzeitig und hatte noch genau die Zeit, die es brauchte, um mich zu verabschieden von einem ganz wichtigen Menschen in meinem Leben und bekam sogar die Intuition geschenkt genau dann dort zu sein, als sie ging, ja noch jemand dazu mitzunehmen, für den es ebenso wichtig war, da zu sein beim "Hinübergehen" in ihr neues "Daheim". Und auch das erlebte ich: Als einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben ging, war ich gefühlt viel zu lange nicht bei ihr gewesen und habe dieses danach noch lange betrauert. Doch heute glaube ich, dass es keinen weiteren Raum für eigene Schuldzuweisungen und schlechtes Gewissen mehr geben muss und braucht. Gott ist doch auch der HERR über die Zeiten unserer Beziehungen zu geliebten Menschen und wir dürfen vertrauen, dass Seine Sicht auf unsere Gemeinsamen Zeiten das Wertvolle und Gute und Berührende über alle vemeintlichen Ungereimtheiten und oder vermeintlich Unzeitiges stellen wird. Angesichts dessen darf ich mich wieder beruhigen und Trost erfahren auch nach sehr schmerzvollen Abschieden.

  5. Vielen Dank für das Teilen dieser Erlebnisse. Ich finde auch den Rat der Kollegin sehr gut.
    Als ich vor ein paar Wochen vom Tod einer ehemaligen Kollegin hörte, mit der ich mich sehr gut verstanden habe, tat es mir auch sehr leid, dass ich sie nicht noch vorher besucht habe. Sie war mal meine Mentorin und hat mir fachlich viel beigebracht. Aber auch über den Glauben konnte ich mit ihr sehr gut reden. Nun ging es nicht mehr ——-. Dann habe ich Gott mein Anliegen vorgetragen, dass ich damit klarkommen möge, es nicht geschafft zu haben. Seit ich diesen Kummer bei Gott abgelegt habe, geht es mir besser und natürlich hoffe ich, diese liebe Frau einmal in der Ewigkeit wiedersehen zu können.

  6. Da ich überzeugt bin,dass wir mit unserem Gebet in die Ewigkeit sprechen und uns nur diese Tür trennt, darf ich die Beziehung zu einem geliebten Menschen weiterführen. Gerade jetzt wo ich die geliebte Person bei Gott weiß wird sie mich mehr verstehen als je zuvor. Ich denke, dass gerade dieser geliebte Mensch mir hilft tiefer in die Beziehung zu Gott und zum Nächsten einzutauchen. So darf ich alle Schuld/Gefühle ins Meer der Barmherzigkeit Gottes werfen und das Schild : "FISCHEN VERBOTEN" als Hinweis Gottes ernst nehmen.

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