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Montag, 19.12.2022

Drei

Worte

Der ältere Herr sitzt im Rollstuhl, und ich schiebe ihn nach einer Andacht wieder in sein Zimmer zurück. Die Krankheit hat sein bisheriges Leben grundlegend verändert, in einer Weise, wie es sich niemand wünscht. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie zuvor.

Er ist geistig rege und verfolgt bisher still und aufmerksam jede Andacht, die ich anbiete. Und ab und an stellt er mir hinterher eine Frage, wenn er das Gefühl hat, dass ich etwas Zeit für ihn übrighaben könnte.

So auch jetzt, auf dem Weg zu seinem Zimmer. „Wissen Sie, mit welchen drei Worten man das ganze Neue Testament zusammenfassen kann?“ Er schaut gespannt vom Rolli zu mir auf. „Hm, das ist nicht so einfach“, gebe ich unumwunden zu. Dann rate ich einfach drauf los, und meine Finger zählen mit: „Ich – liebe – dich!?“

„Ja, das auch“, nickt er zustimmend. „Aber ich meine noch drei andere Worte.“ Er schaut mich abwartend an. Als ich ratlos mit den Schultern zucke, eröffnet er mir mit einem frohen, offenen Lächeln: „Fürchtet – euch – nicht!“ Ich stimme ihm zu und schenke ihm ein Lächeln zurück.

Vor meinem inneren Auge sehe ich die Engel vor mir, die mit diesen Worten das Neue Testament quasi einleiten, indem sie Menschen rund um die Geburt Jesu aufsuchen und ihnen Nachrichten von Gott übermitteln: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude ... euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lukas 2,10).

Dieses „Fürchtet euch nicht!“ nimmt dem älteren Herrn nicht das Leid und die Trauer, aber es verhilft ihm zu einer stillen Zuversicht.

Als ich meinen Dienst an diesem Tag beende, gehen die drei Worte mit mir. Und ich frage mich: Hat eine biblische Aussage in meinem Leben auch schon einmal so eine Tragkraft bewiesen? Alle Jahre wieder habe ich an Heiligabend in der Lesung des Lukasevangeliums die Botschaft des Engels gehört, doch noch nie hat sie mich so berührt wie heute.

Ich will diese Worte ganz persönlich nehmen und in meinem Herzen tragen. Denn wenn ein Bote Gottes das sagt, dann steht Gott mit allen seinen Möglichkeiten, zu helfen und zu segnen, dahinter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Zusage ein echtes Gegenmittel gegen Ängste und Sorgen sein kann.

Und wenn ich in diesem Jahr am Heiligabend wieder das vertraute „Fürchtet euch nicht“ höre oder lese, so werde ich es anders wahrnehmen als die Jahre zuvor, nämlich viel persönlicher. Denn ich werde von jetzt an – alle Jahre wieder – an diesen freundlichen Herrn und sein Rätsel mit den drei Worten denken.

Christine Schlagner

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9 Antworten

  1. Ich will mir das zu Herzen nehmen. Mir kommen auch „Glaube - Liebe - Hoffnung“ in den Sinn. Gesegnete Weihnachten, Verena

  2. sehr aufbauend, fürchte Dich nicht - schaue voller Hoffnung in die Zukunft - es wird schon werden !
    Anders als erhofft, aber auch zu akzeptieren und anzunehmen ohne Furcht. Mit Gottes Hilfe kann nichts schief gehen - nur oftmals anders als wir uns das so denken.

  3. Ich habe meinen Mann gestern wieder einmal in die Notaufnahme der Uniklinik gebracht. Er hat Leukämie und liegt jetzt auf der Intensivstation, der Ausgang ist völlig ungewiss. Ich habe das Gefühl, Jesus hat diese Worte jetzt direkt in mein Herz gesprochen. Vielen Dank für diesen wertvollen Impuls heute.

  4. Die Montagsgedanken sind für mich immer ein besonderer Schatz am Beginn der Woche. Danke dafür! Danke für den Impuls, der über jedem Tag neu stehen darf: Fürchte dich nicht! Wie Mut machend in dieser dunklen Zeit.

  5. Danke für diesen berührenden Impuls. Für mich persönlich sind besonders diese Worte sehr tragend und ermutigend:
    Mein Gott - du warst - du bist - und du bleibst -
    Gestern, heute und auch morgen immer an meiner Seite!
    Gesegnete Weihnachten Ihnen allen!
    Dorothee Kowalke

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