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Montag, 09.09.2019

Die perfekte Frau

Die perfekte Frau. Die gibt es. Die perfekte Ehefrau, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Lippen abliest. Die perfekte Mutter mit unendlicher Geduld. Die perfekte Freundin mit dem großen offenen Ohr. Die perfekte Hausfrau, die dem Chaos den Kampf ansagt, bevor es sich auch nur bemerkbar machen kann. Die perfekte Frau mit Stil und Ausstrahlung, dem passenden Make-up und einem Herzen aus Gold. Die perfekte Teilzeitberufsfrau, die innovativ und fleißig ist, die perfekte Allrounderin. Die Powerfrau, die nie müde wird und vor neuen Ideen nur so sprüht.
Die gibt es tatsächlich und sie kommt oft zu Besuch zu mir. Meistens dann, wenn ich selbst müde bin, genervt, ausgelaugt und im Chaos und meinen Emotionen zu ertrinken drohe. Ja, dann kommt sie. Ganz leise, ohne zu klingeln. Sie lässt ihren prüfenden Blick durch meine Wohnung streifen, setzt sich dann ungefragt neben mich und sagt mir, was sie von mir hält: „Ach! Wenn du nur … Weißt du, wie die anderen … Die schaffen das doch auch! Nur etwas mehr Herzblut. Etwas mehr Geduld. Wie du deine Kinder wieder angebrüllt hast! Du könntest es doch so viel besser …“ Ja, sie setzt die Messlatte hoch. Meine perfekte Freundin. Sie spornt mich an, lässt mich weiterarbeiten und ermutigt mich, mir mehr Mühe zu geben. Schließlich will ich ja ein Vorbild für meine Kinder sein, meinem Mann das Gefühl geben, dass er geliebt und wichtig ist. Schließlich liegen mir meine Freundinnen am Herzen, ihren Geburtstag schon wieder zu verpassen geht gar nicht. Schließlich wollte ich ja arbeiten gehen, da sollte mich das bisschen Haushalt doch nicht aus der Bahn werfen. Ich sollte wirklich mal wieder etwas Neues zum Anziehen kaufen und mich ruhig öfter schminken.
Ja, meine perfekte Freundin. Die gibt es. Wenn sie da ist, schaue ich mich an. Enttäuscht von mir selbst. Kann es kaum glauben, dass es mit mir so weit gekommen ist – oder eben nicht so weit. Dann sitze ich da, entmutigt, einsam und fühle mich wertlos.
Die perfekte Frau. Sie ist mir so vertraut. Sie wohnt in meinem Kopf, lebt in meinen Gedanken, sitzt mir im Nacken. Sie hat mich im Griff.
Doch dann wage ich einen zweiten Blick. Schaue mich im Spiegel genau an. Was sehe ich da? Eine Powerfrau? Die will ich gar nicht sein. Denn von den ausgepowerten Frauen gibt es schon genug. Perfekt? Nein, auch nicht wirklich.
Echt will ich sein. Doch das ist manchmal gar nicht einfach. Meine perfekt inszenierte, jahrelang eingeübte Show weiter zu präsentieren wäre einfacher, doch auch so ermüdend. Echt sein, das will ich lernen. Eine Freundin in meine chaotische Wohnung zu einem Tee einzuladen, wäre doch ein guter Start. Denn wenn ich nicht perfekt sein muss, muss sie es ja auch nicht. Und das ist echt befreiend!

Andrea Eugster

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10 Antworten

  1. Diese Freundin besucht mich auch nach vielen Jahren immer noch zu Hause.
    Warum gelingt es ihnen immer wieder mir weiss zu machen, dass ich nicht so perfekt bin.
    Vielen Dank für diesen Beitrag

  2. Es tut immer wieder gut zu lesen, das es anderen Frauen genauso geht und sich daran zu erinnern raus aus dem Perfektionismus hin zu Jesus

  3. Meine Mutter, jetzt 91 Jahre alt, war nicht die perfekte Hausfrau, aber eine liebende, sich Zeit nehmende Mutter, die uns fünf Kindern Annahme und Wertschätzung entgegenbrachte- vorallem später, als wir nicht immer gradlinig unseren Weg hingen. Oft hatte sie das Gefühl, Frau XY kriege alles viel besser unter einen Hut. Jahre später erzählte mir eine Tochter von Frau XY, wie sie uns immer um unsere Mutter beneidete, die ein so grosses Herz hatte. Noch heute hat meine Mutter, inzwischen pflegebedürftig, diese besondere Ausstrahlung.

  4. oh, um wie viel Lebensfreude habe ich mich gebracht, indem ich perfekt sein wollte.
    Jeden Freitag Mittag klingelte bei uns der Eiermann , für mich der wöchentliche Tiefpunkt: schon wieder eine Woche vorbei und ich hatte meinen Plan nicht geschafft!
    Bis ich ein Buch las, in dem es darum ging, dass Gott schon einen Plan für den Tag für uns hat.
    Das hat mein Leben revolutioniert. Ab da wurde ich nicht unwirsch, wenn eine Nachbarin vorbeikam oder meine Schwester anrief oder eins der Kinder mich brauchte.
    Ich musste mich nicht mehr dem Diktat meiner Pläne beugen, sondern konnte die Dinge annehmen , wie sie kamen

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