Berufung – Ein großes Wort, das oft mit Erwartungen und Verpflichtungen einhergeht. In der Gemeinde höre ich immer wieder: „Geht hin, macht dies, macht jenes, wir brauchen dich als Mitarbeiter!“ Auch im Job heißt es: „Der Job braucht dich, deine Kollegen zählen auf dich.“ Und zu Hause: „Die Kinder brauchen dich, die Familie braucht dich.“ Diese Worte sind nicht falsch, aber ich habe selbst erfahren, wie sie einen tiefen Druck auslösen können. Es gibt immer mehr zu tun, immer mehr zu leisten, und irgendwann fragte ich mich: Wie kann ich all diesen Erwartungen gerecht werden, wenn ich mich selbst nicht mehr spüre?
In einer Zeit, in der ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit kam – mitten im Burnout – fühlte ich mich von all den „Du musst“ und „Wir brauchen dich“ überfordert. Als ich dann den Bibelvers hörte: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, spürte ich den gleichen Druck. Ich dachte, ich müsste ständig aktiv sein, auf die Straße gehen und predigen. Es gab Momente, in denen ich mich fragte: Muss ich wirklich immer laut über meinen Glauben sprechen, immer evangelistisch tätig sein, um meiner Berufung gerecht zu werden?
In den ruhigen Momenten, in denen ich mich selbst wieder spüren konnte, wurde mir klar: Es geht nicht darum, etwas Großes zu tun oder immer an vorderster Front zu stehen. Es geht darum, im Kleinen treu zu sein – ob das nun bedeutet, einem Schüler zuzuhören, für meine Familie zu beten oder einfach in den stillen Momenten Gottes Nähe zu suchen. Vielleicht bedeutet es auch, bei einem Turnwettkampf Kaffee auszuschenken und im Stillen die Menschen zu segnen, die sich ihre Tasse Kaffee abholen. Oder beim Basketballspiel still für die Spieler und Zuschauer zu beten. Ich habe erkannt, dass solche scheinbar unauffälligen Handlungen genauso ein Ausdruck meiner Berufung sein können wie das Predigen auf der Straße. Berufung heißt nicht immer, etwas Großes zu tun, sondern Gott in den einfachen, oft unscheinbaren Momenten zu suchen und zu ehren.
Es geht darum, im Alltag zu leuchten – in den Gesprächen mit den Menschen, die mir am nächsten stehen, zum Beispiel meine Söhne oder meine Freundinnen, die einen anderen Glauben haben oder im Gebet, im Schweigen, im Hören. Berufung heißt, Gottes Liebe in den kleinen, unscheinbaren Momenten weiterzugeben. Es geht darum, Gott zu vertrauen, Schritt für Schritt, ohne Zwang, ohne Druck.
7 Kommentare
Wahre Worte...den Druck kenne ich nur zu gut...vor allem anderen immer als gutes Beispiel zu dienen...sehr anstrengend ist mir das geworden und die Freude ist mir dabei abhanden gekommen...wir haben einen wunderbaren Gott dem wir nichts beweisen müssen und ich gebe ihm alle Lasten und finde dadurch wieder Frieden! frei nach dem Motto: Gott kann alles...ich nicht Juhu!
Das sehe ich auch so. Wenn wir ganz natürlich den Glauben und unser Gottvertrauen dort ausleben/vorleben, wo wir im Alltag sind, sind wir Zeugen für unseren Herrn!
Es ist nicht jedem gegeben, den Glauben passend in Worte zu fassen. Oftmals sprechen unsere Taten und unser Verhalten auch deutlicher als viele Worte! Gelebte Liebe im Alltag...
1. Johannes 3,18: "Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit!"
Ich glaube, es war Hudson Taylor, der sagte: " Eine kleine Sache ist eine kleine Sache. Aber Treue in einer kleinen Sache ist eine große Sache" 🙂
Ganz, ganz wunderbar 💫
Danke für diese ermutigende
Erinnerung!
Vielen Dank für die Ermutigung und die Tatsache, dass "Leuchten im Alltag" manchmal völlig ausreicht! Denn auch das ist manchmal schon eine Herausforderung!
Ich habe in meinem Leben auch erfahren, dass ich meine persönlichen Antreiber mit dem Willen Gottes verwechselt habe, was mich auch kurz vor den Burnout gebracht hat. Beides auseinander zu sortieren ist eine Geduld fordernde Aufgabe, die ich nur in der Achtsamkeit vor Jesus Schritt für Schritt lösen kann. Der Dienst der kleinen Dinge ist mir dabei auch wichtig geworden. Es geht um unsere Herzenshaltung.
Ich kann das so gut nachempfinden. Ich liebe meinen Beruf über alles. Hab immer getan und gemacht, doch dann habe ich mich verloren. Ich habe meine Grenzen weit überschritten. Ich musste mir selbst eingestehen, “ich kann nicht mehr.” Zu dieser Zeit stand meine Klosterzeit, Stille Zeit vor der Tür. Und als man mir sagte “so kannst du nicht kommen” wurde mir so richtig bewusst, wie weit unten ich war. Von da an schwor ich mir, nie wieder über meine Grenzen zu gehen. Mein Vertrauen in Gott setzen und wie du es so schön geschrieben hast “im Alltag leuchten.” Am Ende konnte ich ins Kloster fahren und ich empfand eine tiefe Dankbarkeit dafür. Ich nehme die kleinen Dinge wieder viel bewusster wahr und ich habe die Freude an meinem Beruf wieder, der meine Berufung ist.