Novemberblues

schlagner

An einem trüben Novembertag fühlt Christine Schlagner sich deprimiert von den schweren Schicksalen anderen Menschen. Bis ihr die Worte ihrer Tante einfallen …

Vielleicht liegt es an der dunklen Jahreszeit, vielleicht müssen einfach mal Dinge ausgesprochen werden oder ich befinde mich heute gerade an der Stelle, wo der Frust wohnt? Es ist wohl von jedem ein bisschen, was ich an diesem trüben Novembermorgen erlebe. Als ich die Seniorenpflegeeinrichtung betrete, um dort Bewohnerinnen und Bewohner zu besuchen, treffe ich eine Mitarbeiterin, die schon seit dem Frühjahr krankgemeldet war. Ich freue mich, sie nach sehr langer und schwerer Krankheitszeit wiederzusehen. Sie wird gerade wieder eingegliedert und wir haben ein kurzes, aber herzliches Gespräch. Ein Satz von ihr lässt mich schwer schlucken und bleibt bei mir hängen: „Ich habe gedacht: Das ist mein letzter Frühling, als die Ärzte mir die Diagnose nannten! Aber jetzt sieht es wohl doch so aus, dass ich den nächsten Frühling erleben darf.“

Ihre Stimme ist fest, aber die Zäsur, die sie erlebt hat, hat ein Seelenbeben in ihr ausgelöst. Die Leiden einer zum Tode führenden Krankheit, den Abschied und die Ewigkeit vor Augen … Sie stand mitten im wunderschönen Frühling und spürte schmerzhaft: Das war´s! Das war mein letzter Frühling! Ihre Krankheit wird ihr Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich verkürzen. Sie tut mir wirklich leid. Aber sie ist tapfer und hat beschlossen, noch einmal zu versuchen, den Arbeitsalltag zu stemmen.

Was bleibt am Ende übrig?

Kurz darauf treffe ich eine Bewohnerin, auf ihrem Bett ruhend, an. Sie möchte heute auf keinen Fall unter Leute gehen. Ich schaue mich in ihrem liebevoll eingerichteten Zimmer um und wir kommen über ihre Kaffeemühlensammlung ins Gespräch. Als ich ihr sage, dass sie ein schön eingerichtetes Zimmer hat, antwortet sie sehr sachlich und trocken: „Das ist der Rest vom Leben!“ Sie hat ja recht, schießt es mir durch den Kopf. Ich nicke ihr nur still und freundlich zu und füge an: „Ja, aber diesen Rest vom Leben machen wir uns so schön wie möglich!“ Durch ihre Aussage gibt mir die Dame unbewusst Fragen mit: Was bleibt von all meinem schönen Besitz in meinem letzten kleinen Zimmer übrig? Was bleibt von mir selbst?

Im Nachbarzimmer treffe ich auf eine Dame, die grundsätzlich nahe am Wasser gebaut ist und oft des Klagens voll. Bevor ich klopfe, atme ich schon mal tief durch und bete, dass mir ein frohmachender Kontakt gelingt. Und tatsächlich: Heute schaffe ich es, eine gute Stimmung im Gespräch zu halten, bis die Bewohnerin plötzlich gedanklich irgendwo abbiegt und wie aus dem Nichts laut klagt : „Warum hat mein Mann mir das angetan, mich alleine zu lassen!“ Da ist durchaus tiefer Groll als Unterton hörbar. Sind alle ihre anderen, häufig geäußerten Unzufriedenheiten, vielleicht Ausdruck ihrer Bitterkeit, allein gelassen worden zu sein, frage ich mich.

Etwas später werde ich einem nicht allzu betagten Herrn gegenüberstehen, der an der Lungenerkrankung COPD leidet und Sauerstoff bekommt. Wir kennen uns noch nicht. Ich stelle mich ihm vor, wir unterhalten uns sachlich über die Wirkung seines Sprays, das vor ihm liegt.

Und dann erzählt er mir: „Ich war gerade in Rente, da ging das mit den Krankheiten los: Ich bin blind! Den grauen Star konnte man noch reparieren. Den grünen Star ... Na, das erlebt man dann!“ Da ist keine Weinerlichkeit! Es ist auch keine laute Klage, eher klingt es, als würde er sein Schicksal beschreiben, so wie man das halt erzählt. Aber der scheinbar harmlose Satz „Das erlebt man dann!“ hat es in sich. Dahinter verbergen sich Leid und Trauer und das unaufhaltsame Erleben von zunehmender Unbeholfenheit bis hin zum Verlust der Selbstständigkeit.

Wunderschön und schrecklich schwer

Was für ein Vormittag!, stöhne ich innerlich. Mit all diesen trüb-traurigen Gedanken finde ich mich schließlich zu Hause wieder. Sie wollen mich nicht loslassen. Ich fühle mich selbst jetzt auch leer und matt. Natürlich sehe ich das Leiden der Kranken und Betagten. Ich höre mir immer wieder geduldig ihre Berichte und Klagen an und versuche – wo es geht – positive Impulse zu geben und Erfreuliches zu erzählen. Das ist selbstverständlich. Das ist meine Aufgabe. Aber heute sind auffallend vielen Personen echte „Hammer-Sätze“ herausgepurzelt, die ihre Seelentraurigkeit, ihre Gedanken um ihren Abschied aus diesem Leben und teilweise auch ihre Bitterkeit offenbarten. Wer mag es ihnen verdenken?

Seien wir ehrlich: Das Leben kann wunderschön sein! Ja wirklich, oft ist es sogar „1A mit Sahne“! Aber genauso ist es mitunter entsetzlich hart, geradezu hinterhältig und gemein, zum Kaputtgehen belastend und tränenreich. Wenn ich nur dieses Leben sehe, dann kann mich mein Schicksal oder das der anderen in absolute Verzweiflung stürzen.

Wenn ein Mensch nur dieses Leben kennt, dann muss er alles für ihn Wichtige  erwerben und erleben, um ein lebenswertes und erfülltes Leben gelebt zu haben. Es muss möglichst viel in diese kleine Spanne Menschenleben reinpassen. Und es sollte gut laufen – jedenfalls einigermaßen gut! Wenn ich nur an dieses Leben denke, bin ich vielleicht sogar schlechter dran, als andere Kreaturen, denn ich kann mich und meine Lebensumstände reflektieren.

Perspektive Herrlichkeit

Da fällt mir meine Tante Dora ein, die auf sehr unerfreuliche und plumpe Weise von ihrer tödlichen Diagnose erfahren hatte. Sie war daraufhin einige Tage allein mit Gott im Gespräch. So kannte ich sie: Sie war eine Frau, die alles, wirklich alles, mit Gott besprach.

Als wir sie besuchten, erzählte sie uns gerade heraus, was sie erlebt hatte und wie es ihr damit ging. Dann schlug sie ihre Bibel auf und wies mit ihrem Zeigefinger auf einen Bibelvers, den sie sich unterstrichen hatte und der ihr in ihrer Situation ganz wichtig war. Sie las ihn uns laut – sogar mit einem Hauch von Triumph in der Stimme – vor: „Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.“ (Römer 8,18). Das war ihr Statement! Respekt!, dachte ich damals, Tante Dora, du bist tapfer!

Und heute füge ich hinzu: Ja, das ist der christliche Glaube: Im Hier und Jetzt mit Gott unterwegs sein. Klagend, dankend, lachend, leidend, singend, schweigend, weinend, mal „beschwipst vor Glück“ und dann auch mal hadernd oder völlig zerknirscht. Menschen, die Jesus nachfolgen stecken im selben Schlamassel wie alle anderen Menschen auch. Aber es gibt einen, der den Unterschied macht: Gott. Als Christin bin ich nie alleine! Ich habe Gott an meiner Seite! Das habe ich immer wieder trostvoll erlebt.

Und: Christliche Hoffnung geht über das Jetzt hinaus! Christen kennen nicht nur dieses Leben. Das Beste kommt noch: „Ein neuer Frühling folgt dem Winter nach“ heißt es als Metapher in einem alten Lied. Und das meint den grandiosesten Frühling, den es gibt: Ein Leben in Gottes neuer Wirklichkeit! Ich bitte Gott, dass er mir diese Hoffnung erhält, wenn es bei mir hart auf hart kommt!

FOTO: unplash.de

"Danke" an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin „Danke!“ mit einem Kommentar.

Artikel teilen?

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

> Kommentieren

Eine Antwort

  1. „Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.“ (Römer 8,18). Das war ihr Statement! Respekt!, dachte ich damals, Tante Dora, du bist tapfer!
    Danke Christine für den ausführlichen Bericht über die Schicksale der Menschen an einem Tag. .... und über Gottes Eingreifen in dein Leben dadurch..... durch die Erinnerung an die Tante Dora.
    Ich glaube, nicht Dora war tapfer, sondern Gott ist groß und mächtig, hat sie stark gemacht und trägt durch. Ich habe auch soviel Leid erfahren, und weiß, dass nur Jesus es ist, der tapfer macht, nach tränenreichen harten unvorstellbar harten Kämpfen, kommt ER ins Leben. ER schenkt Frieden - nachdem ich IHM alles, aber auch alles übergebe. Das übe ich täglich. Vielleicht wie Tante Dora. Jetzt kann ich Loblieder singen und vertrauen. Ich lese Psalmen und alle Bibelstellen, die mich stark machen. Laut beten, bitten und glauben und vertrauen, das glaube ich lernt man nur in der Not. In meinem Leben begegne ich wirklich fast täglich Menschen die so schwere Schicksale haben. Ihnen kann ich von ganzem Herzen von dem erzählen, der mir Kraft gibt. Und der Bibelvers: „Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.“ (Römer 8,18) war die Rettung für mich als ich einmal wirklich nicht verstanden habe für was das gut sein soll was gerade passiert. Das gab mir die beste und einzige Erklärung, die dann auch bei mir ankam. .... nach inzwischen 30 Jahren verstehe ich auch warum uns soviel passiert ist. Ich habe damals den Frieden erhalten, der über alle Vernunft hinausgeht, und kann deshalb aus eigener Erfahrung den vielen Menschen Zeugnis geben über Gott der hilft.
    Während dieser schweren Jahre schenkte mir Jesus viele Menschen die an die Auferstehungskraft glauben und die mich mit Gebet unterstützen und mir mutmachende Zusagen aus Gottes Wort sagen, schicken und ich immer wieder aufgerichtet und froh werden kann. Danke Jesus und Preis und Ehre sei Gott, der den Himmel und die Erde gemacht hat.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Weihnachten auf der Autobahn
In der Weihnachtszeit fühlte sich Ira Schneider oft überfordert von stundenlangen Autofahrten, um allen Familienmitgliedern gerecht zu werden. Sie beschloss, gemeinsam mit ihrem Mann, neue Weihnachtstraditionen einzuführen.
> weiterlesen
Die größere Geschichte entdecken
Nicola Vollkommer ist Bestsellerautorin und gefragte Referentin. In einem Interview erzählt sie, warum sie die Beschäftigung mit der Bibel glücklich macht.
> weiterlesen