Immer noch

wach?!

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Viele Jahre litt Kristin Conzelmann an chronischer Schlaflosigkeit. Im Gebet wendet sie sich an Gott und bittet ihn, ihr dieses Leiden zu nehmen. Doch Gott erhört ihr Gebet nicht so, wie sie es gerne gehabt hätte. Dennoch verändert er ihre Perspektive und zeigt Kristin Wege auf, mit der Schlaflosigkeit umzugehen und seine Fürsorge zu sehen.

23:30 Uhr: Ich liege endlich im Bett. Hoffentlich kann ich heute einschlafen. Die vergangenen Nächte waren viel zu kurz.

22:30 Uhr: Ich bin müde und sollte mich auf den Weg ins Bett machen. Nur noch schnell die Wäsche aus der Waschmaschine holen … Ach, morgen ist ja der wichtige Kundentermin und ich sollte dafür kurz etwas nachschauen. Ich fahre den Rechner schnell wieder hoch.

0:20 Uhr: Ich liege schon wieder zu lange wach und kann nicht einschlafen. Am Morgen werde ich bestimmt total fertig sein – und dabei wollte ich für den Kundentermin besonders fit sein.

0:55 Uhr: Ich gehe auf die Toilette und nehme hochdosiertes Magnesium ein. Vielleicht entspannt mich das. Leider bin ich im Kopf hellwach. Mein Körper fühlt sich erschöpft an. Warum schläft er einfach nicht?

So in etwa könnte das Gedankenprotokoll einer Frau mit Schlafstörungen aussehen. Ich selbst habe viele Jahre an chronischer Insomnie (Schlaflosigkeit) gelitten und weiß, wie es sich anfühlt, das volle Tagespensum mit Familie, Beruf und Ehrenamt mit sehr wenig Schlaf zu bewältigen.

Druck macht es nicht besser

Wenn ich mir selbst Druck gemacht habe, wurde das Nicht-Schlafen-Können besonders anstrengend. Dabei waren neben dem Druck insbesondere die Sorge vor dem Nicht-Schlafen-Können sowie die Wut und Trauer, dass mit einem normalen Schlaf alles so viel einfacher und schöner sein könnte, belastend. Hinzu kam das Unverständnis meines Umfelds. Erwartet wurde von mir trotzdem, dass ich ganz normal funktioniere. Wer Schlafprobleme nicht kennt, versteht oft nicht, warum ohne Schlaf selbst der normale Alltag ein enormer Kraftakt ist.

Ich habe das Thema Schlaf natürlich auch vor Gott gebracht: Zunächst habe ich wie wild gebetet und gehofft, Gott würde mich von meinen Schlafproblemen befreien. Dann kam die Phase der Ernüchterung. Trotz Gebet blieben die Schlafstörungen. Ich spürte eine enorme Spannung zwischen einigen Bibelversen und dem, was ich erlebte.

Gott in dieser Situation ganz ehrlich mein Unverständnis und meine Gefühle von Enttäuschung, Traurigkeit, Angst und Wut auszudrücken war ein großer Durchbruch in meinem Glaubensleben. Ich begegnete ihm als echte Kristin und nicht als Ideal-Kristin.

Neue Haltungen entwickeln

Gefühle sind zum Fühlen da. Keiner hält unsere Emotionen so gut aus wie Gott. Beim Thema Schlaf hilft es, erst mal hinzuschauen, anzuerkennen was an Gedanken und Gefühlen da ist und erst im zweiten Schritt loszulassen und Gott machen zu lassen.

Ein weiterer großer Meilenstein war für mich das Identifizieren negativer Glaubenssätze. Stresssituationen bringen das in uns hervor, was wir wirklich glauben. Bei mir waren das Sätze wie „Ich darf mir keine Fehler erlauben.“, „Wenn ich es allen recht mache, komme ich gut an.“ Oder „Ich bin verantwortlich dafür, dass es allen anderen gut geht“. Ich habe intensiv an diesen Stresssätzen gearbeitet und neue, gesunde Haltungen entwickelt. Neue Haltungen sind nicht einfach die Umkehr der alten Haltungen. Wenn wir sehr lange, meist begonnen in der Kindheit oder Jugend, bestimmte innere Sätze geglaubt haben, sind sie durch das wiederholte Aussprechen neuer Sätze nicht einfach weg. Zunächst gilt es herauszufinden, was genau hinter der alten Haltung steckt. Oftmals verhindern unbewusste Bedürfnisse die Umsetzung der neuen Haltung und sollten daher angeschaut werden. Auch können wir den Heiligen Geist als Helfer und Aufdecker des Unbewussten einbeziehen.

Beten und handeln

Ich glaube, dass Gott unsere ganzheitliche, sowohl körperliche als auch seelisch-psychische Heilung möchte und dass er unsere Krankheit am Kreuz getragen hat (Jesaja 53,4). Ich kann Spannungen zwischen Gottes Wort und meinem Erleben heute besser aushalten als vor einigen Jahren. Ich kann die Verse über den guten Schlaf in der Bibel als wahr stehen lassen und glauben, dass Gott sich das für mich wünscht. Ich darf körperliche und seelische Heilung erwarten und mich darauf freuen. Und mich daran erinnern, dass ich selbst schon viele Heilungswunder erlebt habe. Gleichzeitig sind meine Erfahrungen (auch diejenigen von keinem Schlaf nach dem Gebet) Fakt. Sie müssen weder wegrationalisiert werden noch dem eventuellen Vorwurf, nicht richtig oder genug geglaubt zu haben standhalten.

Neben all dem stehe ich in der Verantwortung, ganz praktische schlaffördernde Verhaltensweisen einzuüben wie regelmäßige Pausen über den Tag hinweg, ausreichend Bewegung zum Stressabbau oder rechtzeitig vor Schlafbeginn Rechner und Handy aus machen. Ich kann mich nicht über schlechten Schlaf beschweren und enttäuscht sein, dass Gott meine Gebete nicht erhört, wenn ich diese Tipps und eine gesunde Schlafhygiene nicht beachte, zum Beispiel für einen dunklen, ruhigen und kühlen Raum zu sorgen, mir regelmäßige Schlafenszeiten anzugewöhnen und mein Bett nur zum Schlafen zu nutzen.

Gut versorgt – bei Tag und Nacht

Früher habe ich Medikamente vehement abgelehnt und wollte unbedingt ohne auskommen. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Ist der Schlaf über Monate hinweg schlecht, fehlen die Ressourcen und die Stabilität, sich inneren Themen, die die Schlafstörungen (mit-)bedingen, zu stellen. Damit der Kreislauf aus negativen Gefühlen und Gedanken rund ums Schlafen durchbrochen werden kann, kann es manchmal hilfreich sein, vorübergehend Medikamente einzunehmen, die das Hinlegen wieder mit dem Schlafen koppeln.

Zum Schluss möchte ich noch Mut machen. Ich habe lange unter massiven Schlafstörungen gelitten und es gibt auch jetzt gelegentlich Zeiten, in denen ich ungewollt zu wenig schlafe. Das ist anstrengend und erinnert mich an die Phasen, in denen es richtig schlimm war. Dennoch ist mein Umgang mit dem Thema Schlaf heute ein komplett anderer als vor einigen Jahren. Der Schlafmangel hält mich nicht mehr davon ab, den Tag zu genießen und all das zu machen, worauf ich mich gefreut habe.

Ich denke daran, wie Gott mich in schwierigen Zeiten durchgetragen hat und freue mich über das Gute, das ich genießen darf. Ich bin ihm dankbar, dass er mir auch in schlafarmen Zeiten nahe ist und mich mit dem versorgt, was ich brauche. Ich kann ihm alles – auch meinen Frust – hinlegen. Es lohnt sich, die Schlaflosigkeit zum Anlass für eine Entdeckungsreise in das eigene Innere zu nehmen und herauszufinden, welche Glaubenssätze dort wirksam sind und welche Gefühle gefühlt werden und ihre Botschaft übermitteln möchten. Und dem Heiligen Geist Raum zu geben, das ans Licht zu bringen, was relevant ist und dadurch freier, heiler und authentischer zu werden.

Und während ich mich auf diesen Weg begebe, kann ich meine schlaflosen Zeiten für das Gebet nutzen. Wie heißt es auf einer Karte des Gebetshauses Augsburg so schön: „Die Welt verändern, während andere schlafen“.

FOTO: Gladskikh Tatiana/Shutterstock.com

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