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Die Kraft der Vergebung

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Autsch! Das tut weh. Wie kann sie so etwas sagen? Enttäuscht, wütend und traurig fahre ich nach Hause. Tränen stehen mir in den Augen. Warum nur ist die Beziehung zwischen meiner Freundin und mir plötzlich so angespannt? Warum ist ihre Wahrnehmung so anders als meine?

Zu Hause angekommen, laufe ich aufgeregt von einem Raum zum andern und überlege, was ich tun könnte, um die Situation so schnell wie möglich zu klären. Vielleicht sollte ich ihr eine E-Mail schreiben und meine Sicht noch mal erklären? Ihr sagen, wieso ich ihr Verhalten unmöglich finde und warum es mich verletzt?
Ich ahne, dass eine solche E-Mail nicht viel bringen wird. Ich gehe zu meinem Gebetsplatz am Fenster und hole tief Luft. „Herr“, bete ich laut, „ich vergebe ihr! Ich trete beiseite, um dir nicht im Weg zu stehen. Bitte wirke du in ihrem Leben!“

Dieses Gebet habe ich mir regelrecht antrainiert, seit ich vor einigen Jahren ein Buch über die Kraft der Vergebung gelesen habe. Die Autorin, Catherine Marshall, geht darin auf folgenden Bibelvers ein: „Wenn ihr beten wollt und etwas gegen jemand habt, dann vergebt …“ (Markus 11,25). Dabei spielt es keine Rolle, ob die andere Person im Unrecht ist oder nicht. „Wenn ihr etwas gegen jemand habt.“ Irgendetwas. Gegen irgendjemand. Dann vergebt.

Vergeben heißt loslassen

„Egal, wie verkehrt es war, was die andere Person getan hat“, schreibt sie, „ich werde nicht die Richterin spielen. Vergebung ist die willentliche Entscheidung, eine bestimmte Person loszulassen, und dies vor Gott auszusprechen. Das kann ein einfaches Gebet wie das folgende sein: ‚Herr, ich lasse _________ los und treffe kein Urteil über sie. Ich trete beiseite, um dir nicht im Weg zu stehen, damit du wirken kannst.‘“

Was heißt Beiseitetreten? Stellen Sie sich vor, ein Notarzt kommt nicht an den Patienten heran, weil viele Nachbarn um den Verletzten stehen und alle helfen wollen. Oder ein Rettungswagen steckt im Stau fest, weil die Autos nicht zur Seite fahren, um den Wagen durchzulassen. Natürlich hinken diese Vergleiche, weil Gott allmächtig ist. Dennoch: Wir können Gottes Wirken behindern und durch unsere eigenen „Rettungsmaßnahmen“ mehr Schaden anrichten.

Deshalb will ich beiseitetreten für Gott – unseren Arzt und Retter. Ich vergebe und vertraue ihm die Situation an.

Innerlich zur Ruhe kommen

Wie geht das praktisch? Manchmal reicht es, wenn ich dieses Gebet einmal spreche und die Sache dann hinter mir lasse. Wenn die Verletzung tiefer geht, reicht das nicht. Denn dann kommen die Gedanken daran immer wieder – wie das Läuten einer alten Kirchturmglocke: Die Glocke schwingt noch weiter hin und her, auch nachdem der Glöckner das Seil losgelassen hat. Doch das Schwingen wird immer langsamer und schließlich ist Ruhe. Wer vergibt, lässt los. Die Gedanken mögen noch eine Weile nachklingen, doch irgendwann kommen sie zur Ruhe.

Deshalb will ich die Sache in Gottes Hand lassen und nicht wieder an mich nehmen. Wenn die Gedanken wiederkommen, bete ich dieses Gebet. Immer wieder – so oft es eben nötig ist. Oft trete ich buchstäblich einen Schritt beiseite. Dann sage ich laut: „Herr, ich vergebe ihr. Ich trete beiseite, um dir nicht im Weg zu stehen.“ Dann erwarte ich Gottes Wirken.

Das Resultat ist Frieden

Für mich selbst ist das Resultat Frieden. Ich habe es wieder und wieder erfahren: Wenn ich durch Vergebung aus dem Weg trete, wird mein Herz ruhig. Ich setze mein Vertrauen auf Gott. Er wird nicht nur im Leben des anderen wirken, sondern auch in meinem Leben. Sogar aus tiefen Verletzungen kann er etwas Gutes machen. Manchmal brauche ich Geduld. Aber immer darf ich erwarten, dass er etwas Gutes daraus machen wird.

Und wie ging es weiter mit meiner Freundin? Unsere Beziehung ist wieder in Ordnung. Sie hat mir auch vergeben. Wir haben beide unsere Verletzungen losgelassen und konnten einander mit weichem, offenem Herzen begegnen. Wir sind „beiseitegetreten“, damit Gott wirken kann.
Und das hat er getan.

Delia Holtus ist Redakteurin und ermutigt gerne als Referentin andere Frauen mit Gottes Wort. Dieser Artikel erschien in LYDIA 3/2013.

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3 Antworten

  1. „Liebe Delia, 
    diesen Artikel finde ich wunderbar!
    Zum einen denke ich an Situationen in meinem Leben, wo ich sicher war, dass jemand anderes eine Sache falsch sah und wo ich Gott bat, die Person diese Sache richtig sehen zu lassen. Anschließend fragte ich mich manchmal, ob Gott es ok findet, dass ich ihm alle Verantwortung übergebe, oder ob er meint, ich selbst sollte aktiver werden und mit der Person sprechen. Allerdings wurden oft erstaunliche Gesinnungswandel ohne mein Zutun erkennbar. Dadurch fühlte ich mich in meinem Beten und weitgehendem Schweigen schon ein bisschen bestätigt. 
    Dein wunderbar klar versprachlichter Artikel war für mich eine weitere, willkommene Bestätigung. 
    Zweitens ermutigt mich dein Artikel sehr, einigen Personen zu vergeben, denen ich eigentlich noch weiter grollen wollte. Sicher wusste ich auch vorher, dass Vergebung angebracht wäre, aber du hast es noch mal neu auf den Punkt gebracht und mir irgendwie Lust auf Vergebung gemacht ... 
    Dieser Vergleich damit, den Notarzt durchzulassen, erscheint mir genial!
    Und auch das eingebaute Buch-Zitat von der Frau, die nicht Richterin spielen will, finde ich super! 
    Außerdem freut es mich, dass du ein Gebetsfenster, oder einen Gebetsplatz am Fenster hast. 
    Vielen Dank & weiter so! 
    Alles Liebe, deine Gea”

  2. Im Moment beschäftigt mich das Thema „Vergebung“...

    vielleicht weil ich in einer der letzten Ausgaben von der "Lydia" (3/2018) einige sehr interesaante Artikel dazu gelesen habe. Viele Frauen berichten aus ihrem Leben, über emotionale Verletzungen, die so schwer waren, dass sie nicht mehr Leben wollten. Alle hatte eins gemeinsam: vom Gefühl her wollten sie nicht los lassen, es fehlte ihnen immer mehr die Kraft und sie ergaben sich dem Selbstmitleid und überlegten, wie sie es dem anderen heimzahlen könnten. Denn derjenige sollte genau so leiden, wie sie selbst. Alle kamen auf den unterschiedlichsten Wegen zu der Erkenntnis, dass dies nichts bringt, dass es nicht demjenigen schadet, der verletzt hat - sondern nur ihnen selbst. Jede von Ihnen wurde mit dem Thema Vergebung konfrontiert und dass sie zwar nicht die Situation ändern könnten, wohl aber, wie sie damit umgehen, dass es eine bewusste Entscheidung zur Vergebung geben müsse.

    Alle haben weiterhin gemeinsam, dass sie genau dadurch Frieden und innere Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit gefunden haben.

    Auf der Suche, ob es nicht einige der Artikel auf der Website online zu Lesen gäbe, bin ich unter anderem über diesen Artikel hier gestolpert:

    In diesem Sinne wünsche ich euch allen noch einen schönen und gesegneten Tag und dass jede Einzelne von uns ganz bewußt für sich selbst die Entscheidung trifft, zu vergeben (= beiseite treten und Gott die Chance zu geben, etwas zu verändern)

  3. Selber habe ich auch einiges sehr übles erlebt, Menschen welche sehr schädigend (hinter meinen Rücken) mit mir umgegangen sind. Rufmord und lästerliches reden.

    Ich spüre dabei Schmerz und bedauern mit diese Menschen, aber keine Rache. Vergebe sie wenn sie oder weil sie nicht wissen was sie Tun kann ich dann sagen. Von Gott entfremdete Menschen obwohl manche behaupten Gottes Willen zu tun, ähnlich wie Saulus von Tarsus (später Paulus) vorging. Ich hoffe und bete

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