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Den Glauben über

Bord werfen?

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Wenn Christen an dem zweifeln, was sie bisher als Wahrheit angesehen haben, kann das dazu führen, dass sie ihren Glauben infrage stellen oder sogar komplett über Bord werfen. Diesen Prozess bezeichnet man als Dekonstruktion. Wie können wir als Einzelne und als Gemeinden gut mit Zweifeln und Glaubensfragen umgehen?

In seiner Autobiografie schildert der Journalist Philip Yancey seine Kindheit während der Nachkriegszeit in den US-Südstaaten. Gemeinsam mit seinem Bruder Marshall wuchs er in einem evangelikal-fundamentalistischen Umfeld auf. Dort erlebten sie ein Glaubenssystem, das sich als toxisch und gnadenlos charakterisieren lässt. Eindrücklich beschreibt Yancey den Weg der Befreiung aus dem Korsett einer teilweise traumatisierenden religiösen Erziehung. Dabei wird deutlich, wie die beiden Brüder ihre in jungen Jahren geprägte christliche Glaubensweise schrittweise und schmerzhaft „dekonstruieren“ mussten.

Schmerzhafte Erfahrungen

Dass Menschen sich von ihren christlichen Prägungen abwenden und ihren bisherigen Glaubensüberzeugungen den Rücken kehren, ist kein neues Phänomen. Inzwischen finden sich auf unterschiedlichen digitalen Plattformen immer mehr Ausstiegs- und „Entkehrungs“-Geschichten. Menschen erzählen von Erlebnissen und Erfahrungen, die sie teilweise weit weggeführt haben von einem biblisch verankerten Glauben und evangelikal geprägten Gemeinden. Es sind aufwühlende Geschichten, die von Verunsicherung und Schmerz berichten.

Fragt man, welche Auslöser den Glauben ins Wanken bringen, ergibt sich ein vielschichtiges Bild. Nicht selten beginnen die Zweifel mit emotionalen Erschütterungen: Konfrontiert mit existenziellen Leiderfahrungen, mit Schmerz, Trauer und Verlust, fällt es manchen Menschen schwer, einem liebevollen und gütigen Gott zu vertrauen und an dessen persönliche Zuwendung zu glauben. Oder man bemerkt, dass auch Christen nicht anders sind als die anderen, und wird in Gemeinden mit Selbstgerechtigkeit, Heuchelei, Lieblosigkeit oder gar geistlichem Missbrauch konfrontiert.

Wie bei den Yancey-Brüdern stellen Menschen den Glauben dort infrage, wo die eigene christliche Gemeinschaft als einengend empfunden wird. Wo man den Raum zum Denken vermisst und den Zwang spürt, innere Zweifel und Fragen zu unterdrücken. Wo man sich durch eine starke Fixierung auf Gebote und Regeln unter Druck gesetzt fühlt. Auch scheinbare Widersprüche zwischen Glaubensaussagen und wissenschaftlichen Erkenntnissen können verunsichern und eigene Überzeugungen auf den Prüfstand stellen.

Risse im Mauerwerk

Der Glaube an die Vertrauenswürdigkeit der Bibel kommt ins Wanken, wenn Christen mit Ansätzen der Bibelauslegung in Berührung kommen, die die zeitlose Autorität der Heiligen Schrift infrage stellen. „Haben wir es nicht doch mit einem sehr menschlichen und noch dazu fehlerhaft überlieferten Buch statt mit Gottes unfehlbarem Wort zu tun?“ Ist dieser Zweifel erst einmal gesät, stehen auch andere biblische Inhalte zur Disposition: „Gibt es tatsächlich so etwas wie ein letztes Gericht? Kann man heute wirklich noch an eine Jungfrauengeburt oder die Auferstehung glauben?“

Schließlich stellt der Konflikt zwischen heutigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen und den ethischen Aussagen der Bibel (vor allem im Bereich der Sexualethik und Gender-Fragen) Christen vor tiefgreifende Zerreißproben. Müssten wir hier nicht traditionelle biblische Positionen aufgeben, also dekonstruieren, um nicht als ewig-gestrig oder, schlimmer noch, als verurteilend, homophob und transphob wahrgenommen zu werden? Was man früher geglaubt und für sinnvoll erachtet hat, erscheint auf einmal nicht mehr uneingeschränkt plausibel. Um im Bild zu bleiben: Es entstehen Risse im Mauerwerk des Glaubens. Würden wir das einfach ignorieren, nähmen wir langfristig größere Schäden in Kauf. Manch einer sieht aufgrund der entstandenen Risse irgendwann die Notwendigkeit, das ganze Glaubenshaus einzureißen, inklusive seiner Fundamente.

Zweifel können den Glauben festigen

Aber: Dekonstruktion bedeutet nicht automatisch eine „Zersetzung des Glaubens“ , sondern kann ein Prozess sein, der den Glauben erhält und festigt. Die Bibel gibt uns viele Hinweise auf solche notwendigen Dekonstruktionen. Das Buch Hiob im Alten Testament lässt sich als Dekonstruktionsgeschichte lesen, die die allzu einfache Vorstellung „Gottesfürchtigen muss es zwangsläufig gut und Gottlosen zwangsläufig schlecht ergehen“ eindrücklich untergräbt.

Jesus selbst widerlegt nicht wenige der theologischen Denkweisen seiner Zeitgenossen – unter anderem ihre Messias-Erwartung (beispielsweise in Matthäus 16,21–23) oder ihre Auslegung des mosaischen Gesetzes (Matthäus 5,21–48 oder Matthäus 23). Und Paulus widerspricht im Galaterbrief leidenschaftlich einem falsch verstandenen Evangelium, das neben dem Glauben an Jesus noch andere „Vorleistungen“ fordert (beispielsweise in Galater 1,6–9 und 3,1–5).

Es ist wichtig, dass Christen die übernommenen Glaubenstraditionen immer wieder einer kritischen Neubewertung unterziehen und sich Zweifeln und Fragen ehrlich stellen. Wo bisherige Überzeugungen erschüttert werden, lernen wir, zwischen unserer persönlichen Prägung und einer unter Umständen davon abweichenden oder ausgewogeneren Wahrheit zu unterscheiden. Deshalb tun wir gut daran, einzelne Teilbereiche unseres Glaubens zu hinterfragen und gegebenenfalls zu dekonstruieren und neu aufzubauen. Auftretende Risse müssen ernst genommen und gekittet, einzelne Mauern vielleicht sogar eingerissen und neu errichtet werden.

Wo bisherige Überzeugungen erschüttert werden, lernen wir, zwischen unserer persönlichen Prägung und einer unter Umständen davon abweichenden oder ausgewogeneren Wahrheit zu unterscheiden.

Das betrifft beispielsweise diejenigen, denen vermittelt wurde, dass der Glaube an Jesus automatisch irdische Segnungen, Komfort und Glück nach sich zieht. Ein solches „Wohlstandsevangelium“ muss dekonstruiert werden. Sonst wird man angesichts schmerzhafter Leiderfahrungen seelischen Schiffbruch erleiden und eben keinen Glauben entwickeln, der in Krisen tragfähig ist.

Und wer bisher mit allzu oberflächlichen Begründungen biblischer Sexualethik abgespeist wurde – beispielsweise durch das Versprechen, dass voreheliche Reinheit automatisch zu sexueller Erfüllung in der Ehe führe –, wird den ethischen Anfragen unserer Zeit kaum gewachsen sein. Insofern kann der zunehmende Druck auch eine Chance bieten, die christliche Sexualethik bewusst als kostbares Geschenk Gottes zu entdecken.. Nur so entwickelt sich ein Glaubens- und Wertesystem, das tiefgründig, durchdacht, widerstandsfähig und somit dauerhaft gesund ist.

Mündiger Glaube oder kultureller Mainstream?

Weil es einen reifen, festen Glauben ohne Krise nicht gibt, hat man vielfach die „Mündigkeit“ als  Ziel von Dekonstruktionsprozessen betont. Wenn damit ein reflektierter, nicht blind übernommener und somit den Kinderschuhen entwachsener „mündiger Glaube“ gemeint ist, ist das nur zu begrüßen. Allerdings verweist das Konzept der „Mündigkeit“ auch auf einen problematischen Aspekt der Dekonstruktion. „Mündigkeit“ ist ein Begriff, der lebensgeschichtlich den Akt der Emanzipation von den Eltern bezeichnet. Es geht also um einen anzustrebenden Zustand der Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Autonomie. Auch philosophisch meint „Mündigkeit“ das Vermögen des Menschen, souverän über sich selbst zu bestimmen.

Darum geht es im Glauben aber gerade nicht: Wer glaubt, wird nicht unabhängig, sondern wächst in eine tiefere Gottesbeziehung hinein. Wer glaubt, strebt nicht nach zunehmender Selbstständigkeit, sondern macht sich mehr und mehr von Gott abhängig. Wer glaubt, läuft nicht selbstbestimmt mit individuell geeichtem Kompass durchs Leben, sondern folgt in allem Jesus und befolgt aus Liebe seine Gebote.

Für Christen, die in einem Dekonstruktionsprozess stecken, kann eine ehrliche Selbstprüfung heilsam sein: Geht es mir lediglich darum, mich aus der Bevormundung und Enge meiner bisherigen Glaubenstradition zu befreien? Muss ich mich von theologischen Einseitigkeiten, problematischen Prägungen und falschen Gewissheiten lösen? Oder steckt hinter meiner Haltung eine grundsätzlichere Abkehr weg von Gottes Maßstäben und seinen Ansprüchen auf mein Leben? Natürlich lassen sich die Motive zur Dekonstruktion nicht immer eindeutig benennen. Der Übergang von einer gesunden, wachstumsfördernden zu einer problematischen, glaubenszersetzenden Dekonstruktion ist mitunter fließend.

Wer aus einem falschen Mündigkeitsstreben heraus sein Glaubenshaus einreißt, wirft schließlich entweder den Glauben ganz über Bord oder rekonstruiert ihn in selbstbestimmter Beliebigkeit. Ein so entstehendes neues Glaubensgebäude kann einem zwar weiter, gemütlicher und einladender vorkommen, doch es entspricht oft mehr den eigenen Wunschvorstellungen und dem kulturellen Mainstream als einem göttlichen Bauplan – weil bedeutsame Aspekte biblischer Lehre ausgeblendet bleiben.

Geht es mir lediglich darum, mich aus der Bevormundung und Enge meiner bisherigen Glaubenstradition zu befreien? Muss ich mich von problematischen Prägungen und falschen Gewissheiten lösen? Oder steckt hinter meiner Haltung eine grundsätzlichere Abkehr weg von Gottes Maßstäben und seinen Ansprüchen auf mein Leben?

Gesunde Auswege aus der Dekonstruktion ergeben sich dort, wo man sich vor zwei Zerrbildern des christlichen Evangeliums in Acht nimmt:

  • Das erste Zerrbild könnte man als „gesetzliche Entstellung“bezeichnen: Hier steht im Vordergrund, dass der Mensch ein heiliges, gottgefälliges Leben führen muss, um erlöst zu werden (entgegen Römer 5,1). Die Beziehung zu Gott entscheidet sich dann daran, was ich tue, wie ich lebe und wie gut ich Gottes Maßstäbe erfülle. Es geht um religiöse, auf Regeln basierende Leistung. Gott muss unter allen Umständen zufriedengestellt werden. Offene Fragen, Klagen und Zerbruch haben keinen Platz.
  • Beim zweiten Zerrbild des Evangeliums haben wir es mit einer „relativistischen Entstellung“ zu tun. Hier hat sich die Idee eingenistet, wir könnten mit Gott in Beziehung leben, ohne uns ernsthaft um seinen Willen zu kümmern (entgegen Hebräer 12,14). Die Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit und seinem in der Bibel offenbarten Willen ist einer Beliebigkeit im Umgang mit der Heiligen Schrift gewichen. Man pickt sich aus der Bibel heraus, was einem passt und die eigenen (von der Umgebungskultur geprägten) Sichtweisen bestärkt. Letztlich besitzt nur das Gültigkeit, was man selbst für richtig hält oder was sich gut anfühlt. Wo man allerdings die gute Nachricht mit einer subjektiven „Anything goes“-Botschaft verwechselt, fehlen am Ende das Fundament und die tragenden Elemente für einen stabilen Neuaufbau des Glaubens.

Tiefe Wurzeln

Die Dekonstruktionsprozesse der Brüder Yancey nehmen einen völlig unterschiedlichen Ausgang. Der ältere Bruder, Marshall, vollzieht eine komplette Loslösung vom christlichen Glauben, begleitet von Entscheidungen, die sich als selbstzerstörerisch entpuppen. Bis heute kämpft er innerlich gegen einen Gott, dessen Existenz er leugnet.

Philip Yancey hingegen gelingt es, die toxische Religiosität seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er beschäftigt sich ehrlich mit den Texten der Bibel, sucht emotionale wie intellektuelle Orientierung bei weisen Gesprächspartnern und deren ausgewogener Theologie und findet so zu einem vertieften Glauben an einen gnädigen Gott.

Glaubenserschütterungen können in eine stabile Glaubensrekonstruktion münden, wenn wir eigenverantwortlich, intellektuell redlich und in Gottes offenbartem Wort, der Bibel, nach tragfähigen Fundamenten suchen. Wer sich selbst dekonstruktiven Prozessen gegenübersieht, sollte sich ein Umfeld suchen, in dem Zweifel und kritische Fragen offen geäußert werden dürfen. Es bedarf verständnisvoller und einfühlsamer Gesprächspartner, die nicht verurteilen.

Ein „mündiger Glaube“ jenseits von bedrückender Enge und subjektiver Beliebigkeit kann sich dort am besten entwickeln, wo man sowohl gesetzlichen als auch relativistischen Entstellungen des Evangeliums leidenschaftlich und konsequent entgegentritt. Denn wer die unverzerrte Schönheit des Evangeliums wahrzunehmen beginnt, dessen Glaube löst sich nicht auf, sondern blüht auf und bekommt tiefere Wurzeln.

Dieser Artikel erschien in Lydia 2/2023.

Prof. Dr. Philipp Bartholomä

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