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auch ohne Leistung

Yemisi 2

Yemisi Ogunleye gewann 2024 die Olympischen Spiele in Paris in der Disziplin Kugelstoßen. Die damals 25-Jährige begeisterte nicht nur durch ihre sportliche Leistung, sondern auch durch ihre authentische Art. Während ihre körperliche Kraft auf Training zurückzuführen ist, zieht sie ihre innere Stärke aus dem Glauben an Gott.

Inwiefern hat sich dein Leben seit dem Olympiasieg verändert?

Vor allem das plötzliche Medieninteresse bedeutete eine große Veränderung. Auf einmal wird die eigene Lebensgeschichte ganz anders gehört. Als junges Mädchen hätte ich niemals gedacht, dass meine Botschaft so eine Tragweite für jüngere Menschen und die Gesellschaft haben könnte. Gott hat mir eine Bühne geschenkt, wie ich sie mir nie hätte vorstellen können. Das ist ein großes Privileg. Gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung, plötzlich als Olympiasiegerin im Rampenlicht zu stehen. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es geht mit Gefühlen der Überforderung einher und ich brauche auf jeden Fall Unterstützung. Diese bekam ich durch meine Familie, die mir den Rücken freihielt, und durch mein Management, das mir bei der Koordination von Terminen half.

Wie erlebst du den Leistungsdruck im Profisport?

Die meisten Sportler werden durch Sponsoren unterstützt. Ich werde beispielsweise durch die Bundeswehr finanziert. Hier habe ich jeweils einen Jahresvertrag. Das bedeutet, dass ich jedes Jahr aufs Neue sehr gute Leistungen erbringen muss, um die Sponsoren und Verträge beizubehalten. Ansonsten könnte ich mir den Sport und mein derzeitiges Leben nicht finanzieren. Nach dem Olympiasieg schauten dann noch mehr Augen auf mich.

Es ist definitiv viel Druck. Aber über die Jahre habe ich auch gelernt, damit umzugehen. Wenn ich auf internationalen Meisterschaften bin, sage ich mir immer wieder: "Der Ring ist der Gleiche und die Kugel ist immer noch vier Kilogramm schwer." Das hilft mir, mich auf den Wettkampf zu fokussieren, und die Gelegenheiten, die ich bekomme, zu nutzen.

Mir hilft es zu wissen, dass Gott mich unabhängig von meiner Leistung liebt. Das gibt mir vor Wettkämpfen Gelassenheit und Ruhe. Zu wissen, dass ich wertvoll und geliebt bin, egal wie weit die Kugel heute fliegt, hat mir über die Jahre geholfen, mit dem Druck umzugehen.

Deine Schulzeit war nicht immer leicht. Wie hast du sie erlebt?

Ich bin in einer kleinen Ortschaft groß geworden und wurde in der Schule als einziges Kind mit dunkler Hautfarbe immer wieder gemobbt. Damit konnte ich als junges Mädchen nicht gut umgehen. Immer wieder hörte ich von Lehrern und Mitschülern den Satz: "Du kannst das nicht." Und ich begann, diese Lüge über mich zu glauben. Was andere über mich sagten, bestimmte meine Identität und die Art und Weise, wie ich mich selbst sah. Auch im Studium kämpfte ich oft mit Gedanken, wie "Du bist nicht schlau genug" oder "Du bist zu dumm dafür". Bis heute ist die größte Lüge, mit der ich kämpfe, dass ich etwas nicht schaffen kann.

Was gab dir in dieser Situation Kraft?

Der Sport war schon immer ein großer Halt für mich. Hier konnte mir keiner sagen: "Das kannst du nicht", denn im Sport war ich gut. Als Größte in meiner Klasse habe ich im Sportunterricht immer 150 Prozent gegeben, weil ich wusste, dass ich hier mein Können zeigen konnte. Vermutlich bin ich deshalb im Sport so gut geworden.

Als ich dann mit 14 Jahren meine ersten Verletzungen hatte, begann ich mich zu fragen, wer ich ohne den Sport bin. Ich fing an, regelmäßig die Kirche zu besuchen und habe im Lauf der Zeit im Glauben einen Halt gefunden. Ich streckte mich immer wieder nach Gott aus und sagte zu ihm: "Wenn es dich wirklich gibt, dann zeig dich auch mir."

Ich fragte nach dem Plan Gottes für mein Leben. Und er hat dann durch den Vers aus Jeremia 29,11 gesprochen. Hier steht, dass meine Gedanken nicht Gottes Gedanken sind und Gott so viel bessere Pläne für mein Leben hat als ich. Er hat Gedanken über mich, die gut sind. Und er hat eine Zukunft für mich.

Dieser Moment hat mein Herz berührt und ich hatte das Gefühl, dass mein Herz - das über die letzten Jahre in tausend Teile zersprungen war - endlich irgendwo Halt finden konnte. Ich durfte Heilung erleben. An diesem Moment halte ich bis heute fest und ich weiß: Gott lebt. Er ist real und ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Wie hat sich diese Erkenntnis in deinem Leben ausgewirkt?

Je mehr ich im Glauben gewachsen bin, desto mehr habe ich gelernt, dass die Lügen, die ich geglaubt habe, nicht der Wahrheit entsprechen. Gott denkt anders über mich und das darf ich als die Wahrheit annehmen. Durch die Herausforderungen in der Kindheit habe ich gelernt, eine gewisse Resilienz aufzubauen. Ich kann Menschen nicht verändern. Aber ich kann innerlich stärker werden und mir bewusst machen, was Gott über mich sagt. Er hat gute Gedanken über mich und nimmt mich so an, wie ich bin. Er liebt mich, ganz unabhängig von meiner Leistung.

Interview: Ellen Nieswiodek-Martin und Yannika Bolz

Fotos: Stefan Mayer und Cim Claesberg

Das komplette Interview findet sich in der Lydia 03/25. Die Lydia kann als Abo oder als Einzelheft erworben werden.

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