Sie hat ihre Heimat und ihren geliebten Garten hinter sich gelassen und noch einmal ganz neu begonnen. Im Interview erzählt Christina Ott, wie es ihr gelang, sich auf den Umzug einzulassen, welche Rolle ihr Glaube dabei spielte und wie neue Begegnungen und überraschende Möglichkeiten gewachsen sind.
Christina, du bist in der damaligen DDR aufgewachsen. Wie war das?
Ich wurde 1967 in Sachsen geboren und bin als Mittelkind mit zwei Geschwistern in einem Dorf bei Chemnitz aufgewachsen. Damals hieß es Karl-Marx-Stadt. Ich denke gern an meine Kindheit, obwohl wir nicht viel Geld hatten. Gemeinsame Brettspiele, Vorlesen und der christliche Glaube waren in meiner Familie wichtig.
In der DDR herrschten enge Grenzen. Viele Dinge hat der Staat reguliert – beispielsweise durfte ich nicht in die Musikschule gehen, weil ich nicht bei den „Pionieren“ war. Auch der Zugang zum Abitur hing nicht von schulischen Leistungen ab, sondern von Staatstreue. Wer sich konfirmieren ließ, statt an der Jugendweihe teilzunehmen, hatte schlechte Karten. Doch ich habe immer Wege gefunden, zufrieden zu sein. Ich wollte Krankenschwester werden und ich bin Krankenschwester geworden – dafür brauchte ich kein Abitur. Im Rückblick sehe ich, dass ich meinen Lebensweg zuversichtlich gegangen bin. Ich würde nie sagen: „Der Staat hat mir damals alles vermasselt!“, sondern: „Gott hat mein Leben gut geführt, trotz schwieriger Umstände“.
Hast du auch mal gegen das System rebelliert?
Rebelliert nicht, doch maßvoll Grenzen überschritten. In meiner Beurteilung der Grundschule stand: „Christina weiß immer genau, wie weit sie gehen kann.“ Das habe ich gelebt. Beispielsweise erinnere ich mich an die1980er Jahre. Damals kursierte das Logo „Schwerter zu Pflugscharen“. Es ging auf ein biblisches Motiv zurück und wurde von der unabhängigen Friedensbewegung der DDR verbreitet. Als Aufnäher aus Fleece Stoff trugen es viele junge Menschen als Protest gegen das System. In der 9. Klasse nähte ich mir ein solches Logo auf den Anorak Ärmel. Sofort wurde ich zum Direktor zitiert. Es sagte, dass ich das abmachen müsse, es sei verboten. Was nun? Ich schnitt mit der Nagelschere das Logo ganz fein heraus, so dass nur der rote Rand stehenblieb. Niemand konnte mich anklagen, doch jeder wusste, was es bedeutet. [...]
Wie hat das Leben im Osten deinen Glauben geprägt?
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Menschen um einen herum nicht gläubig sind. Manchmal hört man heute die Frage: „Wie wird das werden mit unserer Gesellschaft, wenn immer weniger Menschen an Gott glauben?“ Diese Entwicklung macht mir weniger Angst, denn ich kenne das schon. Ich versuche, authentisch zu sein und den Menschen zuzuhören. Nicht bei jeder Begegnung muss ich über Gott sprechen. Viel lieber ist es mir, wenn Menschen selbst Fragen stellen. Dabei bin ich vorsichtig mit pauschalen oder zu frommen Antworten.
Ich versuche, mich ins Gegenüber hineinzuversetzen. Missionarische Frauenkreise unter meiner Leitung begannen deshalb nicht mit Liedern und Gebet. Jemand von außen kennt das nicht und fühlt sich fremd. Stattdessen haben wir erst über ein Thema aus dem Leben gesprochen, dabei unseren Glauben einfließen lassen und am Ende gebetet. Oft sagten die Frauen dann: „Es ist so interessant, wie ihr mit Gott redet“.
Zu glauben heißt nicht, dass ich auf alles eine Antwort haben muss. Sondern glauben heißt: Ich setze alles auf eine Karte.
Seit fünf Jahren lebt ihr nun in Nürnberg. Wie kam es dazu?
Mein Mann wollte nach einem Leitungsamt wieder in den Gemeindedienst gehen. Das war ein großer Einschnitt, weil ich mich gerade als Beraterin selbstständig gemacht hatte. Am Anfang unserer Ehe lebten wir ein klassisches Modell: Mein Mann arbeitete als Pastor und ich war für die Familie da. Später erkannten wir beide, dass das manchmal ungerecht war. Mehrfach musste ich eine gute Arbeitsstelle kündigen, wenn er versetzt wurde. Im Zuge meiner Entscheidung zur Selbständigkeit sprachen wir ab, dass wir nicht noch einmal umziehen werden. Doch dann kam diese Berufung für meinen Mann. Und ich hatte ein striktes Nein in mir. Ich hatte meine Praxis, meine Klienten, mein Netzwerk. Aber dann schenkte Gott mir ein inneres Bild. In dem Moment habe ich in meinem Herzen gespürt, dass mein Widerstand schmolz wie eine Schneedecke. Von da an liefen die Vorbereitungen für den Schritt von Thüringen nach Franken.
Was hat dir in der Zeit geholfen?
Als der Umzug bevorstand, ist mir der Vers aus Psalm 37,5 wichtig geworden: „Befiel dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es gut machen“. Als Erinnerung schrieb ich mir diese Bibelstelle auf einen Stein und legte ihn in den Garten, wo ich ihn regelmäßig sehen konnte.
Ich musste vieles loslassen. Dort hatte ich einen wunderbaren Garten. Doch hier gibt es den Stadtpark in der Nähe. Ich liebe es, in meinem neuen Umfeld über die Jahre mit Menschen in Kontakt zu kommen. Sie zuerst zu grüßen und zu erfahren, wie sie heißen. Dann zu wissen, in welchem Haus sie wohnen, welches Leben sie führen. Und dann irgendwann zu sagen: „Ich bete für euer Kind“, wenn es gerade eine schwierige Situation gibt.
Gott hat mich tatsächlich beschenkt mit allem, was hier gewachsen ist. Auch mit meiner Selbstständigkeit. Die Reichweite ist größer geworden, ich werde oft für Veranstaltungen angefragt. Daneben bin ich noch als Autorin tätig. Und ich bin auch Pastorenfrau. [...]
Wie kann man neben allen Pflichten auch Freude empfinden? Wie machst du das im Alltag?
Freude hat etwas mit Lebendigkeit zu tun. Für mich bedeutet Freude, etwas wahrzunehmen und voll dabei zu sein. Ganz mit dieser Sache verbunden zu sein und darin aufzugehen. Zu beobachten, wie eine Hummel in eine Blüte kriecht. Oder stehenzubleiben, wenn ein Regenbogen erscheint, und ihn anzuschauen, bis er verschwindet, ohne weiterzugehen. Damit komme ich ins Hier und Jetzt und bin nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Gott spricht uns immer im Jetzt an! Manchmal zwinge ich mich, wenn ich einen schönen Anruf hatte, nicht gleich auf die nächste Nachricht zu schauen, die schon wieder aufploppt. Stattdessen freue ich mich über die Stimme meines Sohnes oder meiner Tochter, die ich gerade gehört habe. Ich muss mich willentlich dafür entscheiden, innezuhalten, nicht direkt zum nächsten Thema zu gehen. Auch frühmorgens, wenn ich aufwache, will ich als erstes wahrnehmen, dass Gottes Gnade heute wieder neu ist, und nicht zuerst auf mein Handy schauen. Darum muss ich immer wieder kämpfen. [...]

Der Titel deines neuesten Buches heißt „Unerschrocken hoffnungsvoll: Mutig leben in unsicheren Zeiten.“ Wie kann man heute hoffnungsvoll leben?
Indem wir uns mit Dingen beschäftigen, die uns weiterbringen. Lesen. Uns herausfordern lassen. Der Tendenz widerstehen, uns abzulenken, sondern uns stattdessen mit dem beschäftigen, was uns stärkt. Das wird Auswirkungen haben. Sage ich: „Oh weh, alles ist ganz schlimm!“ oder: „Es kommt, was kommen wird. Gott hat es in der Hand.“? Ich möchte mich jetzt schon darauf vorbereiten, dass, egal, was kommt, ich angemessen darauf reagieren kann. Deshalb lese ich Bücher von Corrie ten Boom oder Dietrich Bonhoeffer. Deshalb beschäftige ich mich mit Menschen, die mir das vorleben.
In Zeiten, in denen alles teurer wird und viele Angst haben, möchte ich trotzdem großzügig sein. In Epheser 2,10 steht: „Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken“. Gott hat etwas vorbereitet, damit wir darin wandeln. Das wahrzunehmen ist immer wieder ein Training. Wenn ich offen bin, und mich Gott anvertraue, damit er mich seinen Weg führen kann, dann wird Er mir etwas zeigen. In der Psychologie würde man das Aufmerksamkeitsfokussierung nennen. Wenn wir eine Frage haben, dann stellen wir uns auf Empfang, damit wir erkennen, welche Antwort kommt. Gott kann uns die Klarheit geben, wohin er uns führt und was jetzt dran ist. Aber dafür brauchen wir diese tiefe Verbindung im Glauben.
Man kann sich selbst trainieren, weiterzusehen als auf die eigene Angst. In der Fahrschule lernt man, dass man nicht in den Straßengraben schauen soll, sondern weit nach vorn. Es stärkt, wenn wir uns daran erinnern, wie Gott uns bereits gesegnet hat. Diese Momente heilig zu halten, sie vielleicht aufzuschreiben, hilft gegen die Unsicherheit.
Wie funktioniert das mit dem Trainieren?
Das hat etwas mit der neuronalen Vernetzung zu tun. Alles, was wir trainieren, wird stärker. Natürlich sollen wir informiert sein. Doch wenn wir unkontrolliert emotional aufgeladene Nachrichten konsumieren, machen wir unser ganzes System kaputt. Unser Gehirn lernt durch Wiederholung.
Deshalb möchte ich statt schlechter Nachrichten oder Sorgen lieber etwas Hoffnungsvolles wiederholen. Wie den Vers aus Jesaja 50,10: „Erschreckt nicht in dunklen Tagen! Verlasst euch auf den Herrn, auch wenn ihr nirgends einen Hoffnungsschimmer seht, denn er hält euch fest!“ Da steckt dieses Unerschrockene drin. Und die dunklen Tage, an denen es nirgends einen Hoffnungsschimmer gibt. Manchmal fühlen wir uns so. Aber dann zu realisieren: Es ist normal. Wir haben lange in sehr guten Zeiten gelebt. Gott sei es gedankt. Aber wir haben das nicht gepachtet. Jetzt gilt es, dass wir uns darauf ausrichten, was wir heute tun können. Und an Gott festzuhalten in diesen Zeiten.
Interview: Ellen Niesiodek-Martin
Coverfoto: Almut Bieber
Das komplette Interview findest sich in der Lydia 03/2026. Die Lydia kann hier als Abo erworben werden.