Warenkorb
 
Ihr Warenkorb enthält zurzeit noch keinen Artikel.
 
 
INFOS

Respekt ist wie Wind in den SegelnWie wir aktiv zum Gelingen unserer Ehe beitragen können

Wer glücklich verliebt vor dem Traualtar steht, kann sich nicht vorstellen, einmal ernsthaft über Scheidung nachzudenken. Und doch passiert es immer wieder: Langverheiratete Paare halten es nicht mehr miteinander aus und trennen sich. Was kann man tun, wenn man sich eingestehen muss: Meine Ehe ist nicht mehr das, was sie einmal war?

Sie sitzt mir gegenüber und beginnt mit tröpfelnden Worten zu erzählen, was sie über ihre Ehe denkt. Fünf Minuten später ist es ein reißender Wasserfall, der auf die Liebesbeziehung herunterdonnert, die ihr einst so perfekt erschien. Ulrica ist 36 Jahre alt, hat zwei Kinder und ist seit zwölf Jahren verheiratet. Auf meine Frage, seit wann sie so über ihre Ehe denkt, kann sie mir nicht wirklich antworten. Irgendwie hat sich das so eingeschlichen in ihre Beziehung.
Ich lasse den Wasserfall einfach rauschen, der nun auch von Tränen begleitet wird, und überlasse es ihr, wann der Fluss der Gefühle wieder ruhiger fließt. Während ich zuhöre und ihr die Zeit gebe, die sie braucht, versuche ich innerlich eine Aufstellung zu machen, die es uns erleichtern soll, auf manches genauer einzugehen. Da ist zunächst einmal der große Frust über Antons ständiges enormes Arbeitspensum. Dann seine Unfähigkeit, irgendetwas für die Familie zu organisieren. Die verlorene Romantik, die doch am Anfang genau das war, was Ulrica so toll fand. Er nimmt sich auch nie richtig Zeit, um herauszufinden, wie es ihr wirklich geht. Außerdem glaubt er trotzdem noch im Ernst, dass er, wenn er ihr um Mitternacht ins Ohr flüstert: „Du, ich sehne mich nach dir“, Sex bekommt! Aber nichts davon kommt über meine Lippen.
„Du bist nicht wirklich glücklich, oder?“ Das ist mein Gesprächseinstieg. Sie lächelt gezwungen. „Ja, das kann man laut sagen! Ich glaube, ich will die Scheidung.“ Mir scheint, dass dies kein Entschluss ist, den wir jetzt besprechen sollten. Vielmehr will ich mich mit ihr zusammen auf die Suche machen, was es bedeutet, glücklich zu sein.

Was uns glücklich macht

Unser Glück auf Erden zu finden ist wohl einer dieser Träume, denen wir unser Leben lang nachjagen. Wir setzen so viel daran, dass der Traum Wirklichkeit wird: Ausbildung, Wohnort, Aussehen, Vermögen, Partnerschaft, Kinder, Karriere … Alles wird an diesem Maßstab gemessen: Macht es mich glücklich?
Darüber hinaus können wir über die sozialen Medien täglich am Leben scheinbar glücklicher Menschen auf der ganzen Welt teilhaben. Und im Vergleich zu den Reichen und Schönen schneiden wir nicht so gut ab bei der Suche nach dem Glück.
Viele dieser Glücksideale, die uns gezeigt werden, stimmen jedoch nicht mit der Realität überein. Auch Menschen, die in Armut leben, können glücklich sein. Menschen, die mit chronischen Krankheiten kämpfen, erzählen, dass sie trotzdem glücklich sind. Sogar Opfer von Krieg und Gewalt berichten von Glücksmomenten.
Schon in der Antike haben sich griechische Philosophen mit dem Thema Glück auseinandergesetzt. Sie glaubten, dass Glück aus zwei Teilen besteht: Hedonia – das Vergnügen sowie Eudaimonia – die Bedeutung. Das Interessante daran ist, dass Vergnügen ein Gefühl ist, das wir auch passiv empfinden können, während Bedeutung meistens mit Taten verbunden ist, die wir für andere tun. Vielleicht konnten wir jemandem helfen; das war eine bedeutungsvolle Handlung und darum fühlen wir uns danach glücklich. Dass ich als Mensch für jemand anderen bedeutungsvoll bin, macht mich also glücklich.
Die Glücksforschung hat dazu geführt, dass Psychologen eher vom subjektiven Wohlbefinden als vom Glücklich-Sein sprechen. Dieser Begriff beschreibt das selbst wahrgenommene Gefühl des Glücks im Leben oder der Zufriedenheit mit dem Leben.

Wer ist verantwortlich für mein Glück?

In unserem Gespräch wird klar, dass Ulrica mit ihrem Leben nicht zufrieden ist. Ziemlich viel hat sie sich anders vorgestellt. Tja, und Anton, der eigentlich ihr bester Freund ist und deshalb für sie da sein sollte, so wie sie es von ihm bräuchte, bekommt jetzt die geballte Ladung ihrer Unzufriedenheit zu spüren. Er ist schließlich in den meisten ihrer Lebensbereiche anwesend: Ehe, Zuhause, Familie, Kindererziehung, Großfamilie, Freizeitgestaltung ... Die Liebe zwischen Ulrica und Anton ist im Gefühlschaos untergegangen, und ob sie noch zu retten ist, wagt Ulrica nicht zu beantworten. Anton jedoch hat ihr am Abend zuvor noch versichert, dass er sie genauso liebt wie früher.
Eltern wissen, dass sie ihre Kinder nicht für ihr Glücklich-Sein verantwortlich machen können. Die Kinder werden von ihnen geliebt, egal, ob sie sie gerade zum Lachen bringen oder ihnen die letzten Kräfte rauben. Eltern verstehen, dass sie für ihre Kinder verantwortlich sind, und tun, was sie können, damit sie eine sogenannte glückliche Kindheit erleben.
Aber oft sehen wir das in unseren Ehen anders. Hier machen wir sehr wohl unseren Partner für unser Glück verantwortlich und halten ihm das einst beteuerte Eheversprechen vor Augen. Doch auch ich gab ein Versprechen ab, meinen Partner zu lieben und zu achten in guten und in schlechten Tagen.

Das Experiment der Großzügigkeit

Es scheint, dass Ulrica und Anton nun bei den eher schlechten Tagen gelandet sind. Gemeinsam wagen wir ein Experiment: Ulrica wird für eine gewisse Zeit besonders großzügig ihrem Mann gegenüber sein. Großzügigkeit auszuüben ist ein Prinzip der psychischen Gesundheit und kann ein Schlüssel zu einem glücklichen, gesunden Leben sein, das ist durch Studien belegt. Ulrica und ich versuchen Wege zu finden, wie sie in den Tagen bis zu unserem nächsten Treffen großzügig sein kann. Sie soll jeden Tag etwas tun, das Anton glücklich macht.
Taten der Freundlichkeit und Großzügigkeit verändern etwas – zuerst in uns selbst, denn wir heben den Blick weg von „ich, meiner, mir, mich“ und wenden uns dem anderen zu. Dabei gilt es, zwei Grundprinzipien zu beachten: sich auf das Positive zu konzentrieren und dem Partner mit Respekt zu begegnen.

Das Gute sehen

Wir beginnen damit, dass wir die positiven Eigenschaften unseres Ehepartners bewusst wahrnehmen und mit Dankbarkeit darauf reagieren. Meistens bewirkt das eine positivere Atmosphäre. Uns fällt auf, dass uns bestimmte Verhaltensweisen plötzlich nicht mehr so nerven. Natürlich ist der Partner nicht fehlerfrei, aber wir entscheiden uns – zumindest für die Zeit des Experiments –, keine Nörgelei und keinen Frust zu äußern. Das Ziel ist, eine ausgeglichene Sicht auf das Verhalten und die Eigenschaften des Partners zu bekommen. Positives wertzuschätzen und Negatives großzügig zu behandeln.
Diese Haltung können wir auch auf das Gebet übertragen: Statt uns bei Gott über das Negative zu beschweren, konzentrieren wir uns darauf, ihm für das Positive zu danken.

Respekt zeigen

Es ist sehr wichtig, dass wir unserem Partner mit dem gleichen Respekt begegnen, den wir zu Beginn unserer Beziehung füreinander hatten. Respekt ist der Grundstein jeder gesunden Beziehung. Respekt bedeutet: Ich erkenne, dass mein Partner eine wertvolle Person ist und nicht nur ein Weg, um zu bekommen, was ich mir wünsche. Respekt bedeutet: Ich weiß, dass mein Partner andere Erfahrungen, Erlebnisse und Ansichten hat als ich und dass das in Ordnung ist. Wir sind zwar eins in unserer Ehe, aber nicht gleich als Personen. Meinen Partner zu respektieren zeigt sich in verschiedenen Bereichen:
Respekt in der Kommunikation. Wortwahl, Lautstärke und Ironie sind Indikatoren für Respekt in einer Beziehung oder eben einen Mangel an Respekt. Wenn ich Interesse zeige, die Meinung meines Partners zu hören und zu verstehen, drücke ich damit Respekt aus.
Respekt durch Vertrauen. Gebe ich meinem Partner das Gefühl, dass ich ständig kontrolliere, was er wie und wann tut, zeige ich keinen Respekt. Vor allem wir Frauen empfinden, dass Einkaufslisten oder Kinderbetreuung unserer ständigen Musterung unterliegen müssen, um zu gelingen. Doch damit nehmen wir eine Haltung des Misstrauens und der Kritik an.
Respekt durch Anerkennung. Wann habe ich das letzte Mal meinem Partner Bewunderung oder Beifall geschenkt? In einem Eheseminar hörte ich einmal folgende Aussage eines Mannes: „Der Respekt meiner Frau hat meine Angst vor Versagen und Unzulänglichkeit verringert.“ Ein anderer erklärte Respekt so: „Er ist wie Wind in meinen Segeln. Niemand kennt mich so gut wie meine Frau. Ihr Respekt und ihre Anerkennung haben Einfluss darauf, wie es mir geht. Ich traue mir eher zu, eine große Herausforderung anzunehmen, wenn sie mich dazu ermutigt.“ Es fällt uns in der Regel nicht schwer, unsere Kinder für ihr kleinstes Bemühen zu loben. Doch unsere Partner müssten erst den Mount Everest bezwingen, die Garage ausmisten oder dreißig Kilo abnehmen, bevor sie unsere Anerkennung verdienen!
Im Philipperbrief heißt es: „Denkt nicht an euren eigenen Vorteil. Jeder von euch soll das Wohl des anderen im Auge haben“ (Philipper 2,4). Das ist ein hilfreiches Prinzip für unser Verhalten.

Erste Früchte

Bei unserem nächsten Treffen erzählt Ulrica, dass die ersten Tage unglaublich schwer waren. Es war eine Überwindung ihrer eigenen Gefühle. Anton war auch nicht wirklich aufmerksam und hat manche großzügige Geste nicht einmal bemerkt. Aber am vierten Tag schickte Anton ihr eine SMS von der Arbeit und bedankte sich für den kleinen Brief und das Foto, das sie in seiner Computertasche versteckt hatte. Er wusste genau, wann und wo es gemacht worden war und dass sie beide fanden, es war ihr schönster gemeinsamer Urlaub gewesen. Diese Reaktion von ihm war für Ulrica richtig schön.
In den darauffolgenden Wochen ergeben sich einige gute, entspannte Gespräche über Muster, die sie als Paar und Familie ändern wollen. Außerdem haben sie nun einen kleinen Wettkampf am Laufen, wer den anderen mit einer kleinen Geste glücklich macht!

Ruth Hasselgren ist Pastorin und ausgebildete Ehe- und Familientherapeutin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Schweden. Dieser Artikel erschien in Lydia 4/2020.

„Danke” an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin mit einem Klick „Danke!“:

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

Ihre Gedanken zu dem Artikel?

Content ".nncomments-popover-content" wird per jQuery ersetzt.

Wir freuen uns über jeden Beitrag! Der Text erscheint inkl. Ihres Namens (falls angeben) auf der Lydia-Webseite. Weitere Informationen über die Speicherung der Daten finden Sie unter Datenschutz.

1 Kommentar

Ein super Prozess, der von mir wertgeschätzt und erstrebenswert ist! ... den ich gegangen bin und immer wieder gehen würde.
Manchmal verläuft es aber trotz Anstrengung und gutem Willen anders. Es kommt zum Zerbruch, mit Verletzungen und Schmerz.
Doch gerade dann, ist Gott da, fängt dich auf. Seine Liebe ist gleichbleibend Intensiv , tröstend und bereit dich auch im Notfall zu tragen!!!

Was denken Sie?

Ähnliche Artikel

Das Abo von Lydia

Alles Gute kommt…
per Post!

Ermutigendes, Bewegendes, Persönliches, auf das man sich freut – 4x im Jahr. Für nur 12 € zzgl. Versandkosten.

Mehr Infos