Warenkorb
 
Ihr Warenkorb enthält zurzeit noch keinen Artikel.
 
 
INFOS

Heilsame Begegnungen am Krankenbett

Es ist jedes Mal aufs Neue ein eigenartiges Gefühl, wenn ich mich in sämtliche Schichten der Schutzkleidung hülle. Zwei Paar Handschuhe, Mantel, Schürze, Haube, Schutzbrille, FFP2-Maske, Überzugsschuhe, Gesichtsvisier.

Wenn ich dann die Station betrete, erkenne ich kaum jemanden. Die sonst so vertrauten Gesichter des Stationspersonals sind nicht auszumachen hinter all den Masken. Allein die Stimme und ein genauer Blick in die Augen verraten, wer da unter all den Schichten steckt. Den anderen geht es nicht anders. „Bist du’s, Maria?“, werde ich öfter gefragt.
Über die Jahre, die ich hier als Seelsorgerin im Krankenhaus tätig bin, hat sich ein gutes Miteinander entwickelt. Das Personal fragt mich an, um Patienten und Angehörige zu begleiten – und manchmal auch das Team. Es gibt Situationen, in denen sich jeder Fragen stellt, die über das hinausgehen, was sich „beweisen“ lässt. Fassungslosigkeit, Traurigkeit und auch Verzweiflung teilen viele Menschen.

Der Sprachlosigkeit entgegnen

Was den Unterschied im Erleben von Krisen zwischen glaubenden, zweifelnden oder nicht glaubenden Menschen ausmacht, werde ich oft gefragt. Nun, die eine Antwort auf diese Frage kann ich nicht geben. Aber vielleicht ist es so, dass Menschen, die glaubend sind, die Begleitung durch Gott auch (oder gerade) in schweren Zeiten nicht erst neu für sich entdecken müssen – sie können schon an Erfahrungen anknüpfen. Menschen, denen der Glaube fremd (geworden) ist, fällt es oft schwer, gerade in einer herausfordernden Zeit die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes für sich anzunehmen. Das braucht Zeit. Und auch Kraft, denke ich. Glaube ist nicht einfach ein Akzeptieren, sondern vielmehr ein Auseinandersetzen mit sich selbst und ein In-Bezug-Setzen zu Gottes Liebe.
Aber, und das macht für mich die seelsorgerliche Begleitung so wertvoll, das In-Kontakt-Kommen mit dem Glauben tut offenbar gerade in Krisensituationen gut und schenkt eine neue Perspektive. Das Auseinandersetzen kommt dann später. Es tut gut, zugesagt zu bekommen, dass man getragen und geleitet ist – wie in Psalm 23. Es tut gut, Zuwendung und Trost zu erfahren. Als Seelsorgerin erlebe ich immer wieder, wie dankbar mein Gegenüber ist, etwas zu hören und zu erleben, das über die Sprachlosigkeit hinausgeht. Einen besonderen Wert hat der Segen. Das Berühren der Stirn, der Hände, des Herzens mit dem Kreuzzeichen ist mehr als ein Ritual, es ist ein Wahrnehmen mit allen Sinnen: Gott ist mir nahe.

Berührungen von Seele zu Seele

Was in der seelsorgerlichen Begleitung guttut, ist aber mit einem Mal in diesen Zeiten nicht mehr so einfach. Ich begegne Menschen kaum erkennbar. Mein Lächeln ist nicht mehr wahrnehmbar, ich muss viel lauter sprechen als sonst, um überhaupt verständlich zu sein – und ich muss mir jede Berührung gut überlegen. Begegnung ist viel schwieriger. Und dennoch vielleicht noch viel wichtiger als in der Zeit vor den Covid-Maßnahmen im Krankenhaus.
Mit einer ansteckenden Krankheit zu leben ist nie einfach. Aber an einer Erkrankung zu leiden, die derzeit in den Medien alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Es ist die Isolation, die am meisten bedrückt. Viele Tage, manchmal sogar Wochen, darf das Krankenzimmer nicht verlassen werden. Handy und Tablet verlieren schnell ihren Reiz, und ohne Besuche fehlen vertraute Gespräche, Ablenkung und das Gefühl, trotz allem dazuzugehören, Teil der Familie und des Freundeskreises zu sein.
Einmal sagte mir ein Patient: „Ich kann kaum jemanden erkennen, der hereinkommt – hinter all den Mänteln, Masken und Schutzbrillen. Nur die Stimme verrät, ob es ein Mann oder eine Frau ist.“ Dass jemand hereinkommt und auch ein bisschen dableibt, danach sehnte sich mein Gegenüber. Denn die Aufenthaltszeit des Personals im Krankenzimmer wird auf ein Minimum beschränkt. Dass es eine große Belastung für die betroffenen Patienten ist, spürt auch das Personal, das aber enorm unter Druck steht. Es wirkt entlastend, wenn da jemand ist, der Zeit mitbringt und aus einem anderen Blickwinkel die Menschen begleitet und betreut. Eine Patientin sagte einmal: „Da lässt man sich auf jedes Angebot ein, sogar die Seelsorge. Und wissen Sie was? Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich spüre, dass die Kirche echt ein Angebot hat.“
Es sind tiefgehende Gespräche, die mich zutiefst bewegen – durch alle Schichten der Schutzkleidung hindurch. Wenn ich das Patientenzimmer betrete, mich vorstelle und frage, ob ich mich setzen darf, kommt häufig die Frage: „Haben Sie denn keine Angst vor mir?“ Ich muss dann meistens schmunzeln: „Na, ich glaube, Sie könnten sich eher vor mir fürchten. Bei der Ausrüstung, mit der ich hier hereinkomme!“
Meistens lachen wir dann beide. Dieser kleine Moment der Leichtigkeit öffnet oft den Weg für das, was einen Menschen wirklich bewegt. Immer wieder höre ich von unfassbarem Leid, das Menschen in ihrem Leben erfahren haben und an das sie sich jetzt, in der Isolation und Stille des Krankenhauses, wieder erinnern. Ich staune, wie sehr gerade in diesen schweren Erfahrungen das tiefe Vertrauen, dass da „jemand“ ist, bei vielen Menschen gewachsen ist. „Wissen Sie, anders geht es gar nicht. Das würde man nie aushalten, wenn da nicht Gott zur Seite stehen würde.“

Ein Stückchen mitgehen

Die Ungewissheit in Anbetracht des noch so wenig erforschten Coronavirus macht allen zu schaffen – Personal und erkrankten Patienten. Ein Patient meinte einmal: „Ich weiß nicht, ob sich mein Zustand so verschlechtern wird, dass ich beatmet werden muss. Ich möchte aber nicht das Gerät besetzen, wenn da vielleicht ein viel jüngerer Mensch kommt und beatmet werden soll. Der hätte sein ganzes Leben noch vor sich.“ Tiefe Traurigkeit war in seinen Worten spürbar und im Laufe des Gesprächs wurde klar: Es geht auch darum, selbst etwas für sich in Anspruch nehmen zu dürfen und darauf zu vertrauen, dass Gott alles im Blick hat und (Gott sei Dank) nicht wir Menschen entscheiden.
Gerade dieses Gespräch zeigt, wie wichtig es ist, etwas aussprechen zu können. Den Patienten hatte die Frage schon tagelang gequält, ob er es „wert“ wäre, beatmet zu werden. Eine der wichtigsten Botschaften des Glaubens ist für mich Gottes Zusage: „Du bist wertvoll. Von Anfang an geliebt.“ Wie es beim Propheten Jesaja zu lesen ist, kennt Gott mich schon immer (Jesaja 49,1). Meinem Gegenüber kamen die Tränen, als ich ihm davon erzählte, und auch aus dem schwierigen Leben des Propheten Jesaja. Nach einer guten Stunde, die ich bei ihm geblieben war (trotz des Gefühls, dass ich phasenweise zu wenig Luft zum Atmen bekam unter den vielen Schichten), beteten wir gemeinsam und reichten uns dabei die Hände. Einen kurzen Moment war es ganz still im Zimmer. „Dass Sie keine Angst davor haben, mich zu berühren …“, flüsterte mein Gegenüber.
Wenn ich das Patientenzimmer verlasse, muss ich die obersten Schichten der Schutzkleidung noch im Zimmer ablegen. Die Patienten beobachten mich dabei immer genau. Wenn ich mich dann noch einmal umdrehe zu ihnen und mich nochmals verabschiede, darf ich ganz oft hören (unabhängig vom Glaubenshintergrund meines Gegenübers): „Gott schütze Sie.“ Das ist ein Moment, in dem ich mich zutiefst getragen und begleitet fühle. Das tut gut und stärkt. Denn auch ich bin nicht frei von Sorgen und Ängsten. Ich komme als Mensch ins Krankenhaus und schenke Zeit, höre zu und öffne immer mal wieder die Schatzkiste des Glaubens, die ich als Seelsorgerin mitbringe. Es sind keine Patentrezepte oder vorgefertigten Floskeln, sondern vor allem eins: da sein, aushalten, ein Stückchen mitgehen durchs „finstere Tal“.
Krankenhausseelsorge stelle ich mir ein wenig so vor wie den „Stab“ aus dem 23. Psalm, wenn es heißt „dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich“ (Psalm 23,4). In diesem Sinne bin ich zutiefst dankbar, ein „Werkzeug“ in der Hand Gottes sein zu dürfen.

Maria Radziwon ist Krankenhausseelsorgerin und lebt in Österreich. Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2021.

„Danke” an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin mit einem Klick „Danke!“:

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

Ihre Gedanken zu dem Artikel?

Content ".nncomments-popover-content" wird per jQuery ersetzt.

Wir freuen uns über jeden Beitrag! Der Text erscheint inkl. Ihres Namens (falls angeben) auf der Lydia-Webseite. Weitere Informationen über die Speicherung der Daten finden Sie unter Datenschutz.

Ähnliche Artikel

Das Abo von Lydia

Alles Gute kommt…
per Post!

Ermutigendes, Bewegendes, Persönliches, auf das man sich freut – 4x im Jahr. Für nur 12 € zzgl. Versandkosten.

Mehr Infos