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Persönliche ReformationFalsche Vorstellungen ablegen und neu anfangen

Ich schlendere durch Wittenberg – jene kleine Stadt an der Elbe, in Sachsen-Anhalt gelegen. Auf dem Weg, den ich gehe, sind viele Touristen unterwegs. Er führt mitten durch die Altstadt – von einem Ende zum anderen. Genauer: Vom alten Augustiner-Kloster, in dem der Reformator Martin Luther lebte, zur Schlosskirche. Zwölf Minuten brauche ich für diesen Weg. Unzählige sind ihn gegangen. Einer hebt sich heraus aus der Menge: Als Luther diesen Weg ging, erbebte die Welt.

Am 31. Oktober 1517 soll er an die Tür der Schlosskirche jene 95 Thesen genagelt haben, die zum Auslöser der Reformation wurden. Die Reformation war nicht nur ein historisches Ereignis, nicht nur eine Bewegung, die im 16. Jahrhundert Kirche und Gesellschaft grundlegend verändert hat. Sie war ein machtvolles Eingreifen Gottes, mit dem er auf die Not der Menschen antwortete. Damals hat Gott seinem Wort neu Geltung verschafft. Er hat Wahrheiten der Bibel, die lange verdunkelt waren, wieder ans Licht geholt. Er hat neu gezeigt, dass er gerne Gnade schenkt, und dadurch Menschen aus der Angst in die Freiheit geführt.
Genau das will Gott immer wieder tun. Auch in unserem persönlichen Leben. Er hört, wenn wir ihm drängende Fragen stellen. Er fordert uns auf, in seinem Wort Entdeckungen zu machen, die uns aufatmen lassen. Gott hat den Neuaufbruch der Reformation in Gang gesetzt und ist bereit, auch uns Veränderung und einen Neuaufbruch zu ermöglichen.
Wie sieht ein Leben aus, wenn die Entdeckungen der Reformation im Alltag lebendig werden? Wenn sozusagen die „große Münze“ der Reformation in viele kleine Münzen eingewechselt wird? Wenn uns die Reformation persönlich ganz nahe kommt?

Ehrliche Fragen stellen
Zu Luthers Zeiten brannte vielen Menschen eine Frage auf dem Herzen: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Sie wussten, dass jeder Mensch Vergebung braucht, aber sie wussten nicht wirklich, wie sie Vergebung empfangen konnten. Deshalb lebten sie in Angst und wurden von Gefühlen der Verdammnis gequält.
Martin Luther kannte diese Ängste. Er hat sie selbst durchlebt. Luther ist fast an Gott verzweifelt, denn Gott schien von den Menschen etwas zu fordern, was sie gar nicht erfüllen konnten – nämlich gut und gerecht zu sein. Aber Luther wurde nicht müde, sich seinen Fragen ehrlich zu stellen und in der Bibel nach Antworten zu suchen.
Und schließlich, nach einem längeren Prozess, hatte er die Antwort gefunden. Sie sprang ihm aus der Bibel geradezu in die Augen! Der Mensch muss und kann nichts tun, um vor Gott gerecht zu werden; fromme Werke bringen da gar nichts. Er kann nur empfangen – die Gerechtigkeit, die Gott schenkt (Römer 1,17). Er las, „… dass der Mensch gerecht wird … durch den Glauben“ (Römer 3,28). Diese Erkenntnis revolutionierte die Theologie. Luther war auf die lange verschüttete Wahrheit des Evangeliums gestoßen, dass wir aus Gnade gerechtfertigt sind. Und diese Gnade kommt uns zu, wenn wir an Jesus Christus glauben.
Wie sieht es nun aus, wenn wir diese Impulse der Reformation auf unser Leben wirken lassen? Wir wissen dann: Es lohnt sich, Gott ehrliche Fragen zu stellen, ihn in die tiefsten Winkel unseres Herzens hineinschauen zu lassen. Der Gott der Gnade, den Luther wiederentdeckte, ist nicht über das erschrocken, was er sieht. Im Gegenteil, er fordert uns zu dieser Offenheit auf: „Schüttet euer Herz vor ihm aus“, heißt es im Alten Testament (Psalm 62,9). Das gilt für die tiefgehenden, existenziellen Fragen, wie Luther sie stellte. Und es gilt für die ganz speziellen Fragen, die in unserem Leben drängend sind. Gott hält alle Fragen aus.
Und: Die beste Quelle, um Antworten zu finden, ist die Bibel. Nicht menschliche Logik, sondern Gottes Wort hatte den Weg aus der Verzweiflung in die innere Freiheit gezeigt. Aus den Impulsen der Reformation zu leben heißt, mit offenem Herzen vor Gott zu stehen und sich von seinem Wort erreichen zu lassen. Die Luft der Freiheit zu atmen, wenn wir erfassen, was Gnade ist. Unsere geistlichen Erkenntnisse werden – anders als bei Luther – vielleicht nicht die Theologie revolutionieren. Aber unser Leben.

Neuaufbrüche wagen
Die Reformation war ein riesiger Neuaufbruch. Viele Menschen haben falsche Vorstellungen über Gott abgelegt. Schon lange hatten sie gespürt, dass in ihrem Leben und Glauben etwas nicht stimmig ist.
Wann braucht unser Leben einen Neuaufbruch? Der entscheidende Neuanfang geschieht, wenn wir zum Glauben an Jesus Christus finden und das Geschenk der Rechtfertigung persönlich annehmen. Dann zählen wir zu denen, die durch Jesus Christus erlöst sind und Schuld und Angst hinter sich lassen können.
Doch auch, wenn wir diesen ersten und entscheidenden Schritt gegangen sind, kann es Zeiten geben, in denen uns eine innere Unruhe ergreift. In abgemilderter Form kann es ähnlich sein wie bei Luther: Vor dem Durchbruch stand eine Zeit der Verunsicherung. Des inneren Kampfes. Der Unzufriedenheit mit dem geistlichen Leben, das üblich war.
Vielleicht geht es uns ähnlich – wir ahnen, dass es noch etwas anderes geben muss. In uns macht sich eine unbestimmte Sehnsucht bemerkbar, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Was kann dahinterstecken? Möglicherweise haben auch wir bisher eine Wahrheit der Bibel unbeachtet gelassen. Vielleicht die Aufforderung, immer tiefer mit Jesus Christus vertraut zu werden. Oder in Gott den liebenden Vater zu entdecken. Oder wir spüren das Verlangen, mehr vom Heiligen Geist erfüllt zu werden. Vielleicht wird uns auch bewusst, dass wir uns zu stark an menschlichen Traditionen orientiert haben und zu wenig am Reden Gottes. Dass wir bisher nur einen Teil von dem gelebt haben, was Gott von uns möchte und womit er uns beschenken will.
Wenn wir mit unserem geistlichen Leben unzufrieden werden, könnte das ein Fingerzeig des Heiligen Geistes sein. Er will uns darauf aufmerksam machen, dass Gott schon dabei ist, die Tür zu etwas Neuem zu öffnen. Dass er uns einen Neuaufbruch schenken will, aber noch auf unsere Bereitschaft wartet. Aus den Impulsen der Reformation zu leben kann heißen, diese Sehnsucht nicht wegzudrängen, sondern den Heiligen Geist zu bitten, uns in das Neue hineinzuführen – auch wenn wir noch nicht wissen, wie es aussehen wird.

Den Alltag schätzen
Ein großer Teil unseres Lebens wird vom Alltag bestimmt. Den Wert des Alltags zu entdecken und zu schätzen ist eine Frucht der Reformation. Vorher – im Mittelalter – hat die Meinung geherrscht, dass jemand, der seine Zeit hauptsächlich mit Gebet verbringt, „geistlicher“ sei als jemand, der die ganz normalen Tätigkeiten des Alltags ausführt.
Mit diesem Denken räumt Luther gründlich auf. Für ihn ist entscheidend, ob wir unseren Alltag aus der Liebe zu Gott und den Menschen gestalten oder nicht. Wenn wir das tun, ist unser Alltag Gottesdienst, auch wenn wir gerade nicht beten, sondern zur Arbeit gehen, Windeln wechseln, die Hausarbeit erledigen, Sachen reparieren, uns um Finanzen kümmern und was sonst noch alles anfällt. In einer Predigt von 1532 sagte Luther: „Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt …“ Die Worte erinnern daran, dass Paulus den Kolossern schrieb: „Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus“ (Kolosser 3,17). Natürlich, auch das Beten gehört dazu – Luther hat es sich nicht nehmen lassen, für seinen Barbier, also seinen Friseur, eine Anleitung darüber zu schreiben, wie er im Alltag beten kann.
Dieser Impuls aus der Reformation kann uns helfen, eine Perspektive dafür zu gewinnen, wie viel Gewicht unser Alltag hat, wenn er aus dem Glauben heraus gelebt wird. Wir beeinflussen dadurch das Leben der Menschen um uns herum. Der normale Alltag ist nicht minderwertig, er kann Kreise des Segens ziehen.
Reformation ganz nah, das heißt: Auch unsere persönliche Welt kann „erbeben“. Sie kann immer wieder neu von Gott verändert werden.

Sabine Bockel ist Pastorin und lebt in Wetzlar. Dieser Artikel erschien in Lydia 3/2017.

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